Harfenklänge

Søren Wendt spielte beim 6. Sommerkonzert in St. Marien

Die Engel sollen Harfe spielen. Sagt man. Orpheus schon brachte mit seiner Leier Steine zum Weinen und erweichte selbst die Götter, sodass er seine Eurydike aus dem Hades zurückbekam. Ob er sie wirklich wieder wollte, sei dahingestellt. Die Sumerer hatten vor 5000 Jahren das erste Instrument dieser Art erfunden, und die Minnesänger konnten ihres (platonischen) Erfolges sicher sein bei den Burgfräuleins, sangen sie mit Instrumentalbegleitung. Bei den Kelten ging es handfester zu. Es gäbe, so sagten sie, Musik zum Weinen, Lachen und Einschlafen. Eine Harfe aber hatten die auch. Und in der Aufzählung nicht fehlen darf das berühmteste Harfenmädchen: Das in Goethes „Wilhelm Meister“. Sie wissen schon: „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn….“

Der Gast des 6. St.-Marien-Sommerkonzerts, Søren Wendt, entführte musikalisch nicht ins Land der Zitrusfrüchte, sondern in den Norden Dass der geborene Thüringer Sören heißt, glauben wir ihm einmal – dass er sich die künstlerische Freiheit nahm, das deutsche ö in ein dänisches ø zu verwandeln – was phonetisch keinen Unterschied macht – sei ihm gegönnt. So ist das halt mit den Lieben in unserem Leben: Wir versuchen, uns ihnen anzuschmiegen. Wendts Liebe zu Skandinavien begann sofort nach dem Mauerfall, da war er 17 Jahre alt.

Fotos: Barbara Kaiser

Der Musik aus Schweden, Finnland und Dänemark ist Wehmut eingeschrieben. Dazu die Harfe, die Søren Wendt tadellos zu spielen vermochte, die aber nicht fürs Brachiale taugt. Das sechste der Sommerkonzerte war also „mal was anderes“ (Erik Matz) und kam eher auf leisen Sohlen.
Man musste versuchen, sich ganz dieser Musik hinzugeben, diesen Klängen, so harmonisch fließend, so seelenvoll friedlich und fern jeglichen Schrillens. Die Traurigkeit, dass der kurze Sommer allzu schnell vorbei ist in dieser Landschaft der 1000 Seen, schwang immer mit.

Erik Matz: "Mal was anderes."

Die Konzertstunde, in der die Töne manchmal auch ein wenig selbstverliebt, jedoch voller Hingabe und manchmal auch Heiterkeit, quollen, kannte einige besondere Lichtpunkte. Das „Vaterlandslied“ mit einem Text von Hans Christian Andersen, dem Märchendichter, vertont von Henrik Rung beispielsweise. Da klang die Heimat liebender Stolz mit, ohne nationalistisch-tumb zu sein, hatte die Melodie etwas Erhebend-Hymnisches.

Die Singstimme des Gastes besaß die größte Kraft in den tieferen Lagen. In den Wellen der Melodien (Koloratur wäre ein zu starkes Wort) tat sie sich bisweilen schwerer. In seiner Moderation sollte Wendt unbedingt die manchmal übertriebene Didaktik streichen. Denn die meisten Konzertbesucher wollen hören – und keine Fragen beantworten. Nach dem Takt einer Polska zum Beispiel, diesem schwedischen Volkstanz. Dass eine Polska keine Polka ist, merkt der Zuhörer ohnehin, da muss man ihn nicht noch rätseln lassen über den Dreiertakt.

Erik Matz hatte Recht: Es war wirklich „mal was anderes“. Am Ende gab es dennoch langen Beifall. Obwohl die Akustik hätte besser eingestellt sein können. Aber ein großes Kirchenschiff ist eben nicht der Raum für Harfen. – Die Orgel hat vielleicht ein bisschen von der Empore herabgelächelt und gedacht: Naja, diese kleine Instrumentenschwester hält man auch mal aus…

Am kommenden Samstag, 17. August 2019, ist das Kosmos Trio (Sopran, Mezzo, Orgel) zu Gast. Es erklingen Hymnen und marianische Lobgesänge, umrahmt von französischer Orgelmusik. Wie immer um 16.45 Uhr in St. Marien.
Barbara Kaiser – 12. August 2019

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