Halleluja – ohne Bach

Erik Matz und seine St.-Marien-Kantorei begaben sich beim Adventskonzert auf unausgetretene Pfade

Es war ein grandioser Auftritt! Kantor Erik Matz hat allen Grund, seinen Sängerinnen und Sängern Lobesworte ins Stammbuch zu schreiben. Denn wahrscheinlich bedurfte es einer ziemlich großen Kiepe Motivation, die recht unbekannten Partituren dieses „Sinfonischen Adventskonzerts“ auf den Punkt genau stimmgewaltig aufzuführen.

Die Instrumentalisten der „Hamburger Camerata“ musizierten ohne im Blech zu quäken – obwohl die jubilierenden Bachtrompeten fehlten -, boten satte Streicherflächen, sogar Harfenklänge; insgesamt überhaupt einen sehr erfreulichen, kongruenten Sound. Der nur manchmal der Zügelung in der Lautstärke bedurft hätte.

Von den Solisten kamen Stephanie Henke (Sopran) und  Matthias Weichert (Bariton)  die umfangreichsten Partien zu, aber sie wussten in den schönsten Passagen auch nach zwei Stunden noch den Chor zu überglänzen. Die technische Sicherheit ihrer Stimmführung gehörte zu keiner Zeit auf dem Prüfstand. Komplett machten das Sängerquartett Johanna Krödel mit warmem Alt und Christian Volkmann, der als Tenor nicht durchdrang, weil es ihm zu oft an Stimmvolumen gebrach.

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Stephanie Henke und Matthias Weichert

Die Plätze der St.-Marien-Kirche waren bis in die Seitenschiffe besetzt. Der dritte Advent ist in Uelzen, neben den vielen kleineren Aufführungen, Haupt-Vorfreude-Konzertzeit in diesem Gotteshaus. Mit Kantaten aus dem „Weihnachtsoratorium“ - meistens jedenfalls. Dass Kantor Erik Matz ab und zu den Mut hat, diese traditionellen Hörerwartungen zu unterlaufen, ist sehr wohl Pluspunkt. Denn die Hörerfahrungen aus 2005, „Fantasia on Christmas Carols“ von Ralph Vaughan Williams und „St. Nicolas op. 42“ von Benjamin Britten, oder die aus 2009 mit Händels „Messias“ wollte doch wirklich keiner ernsthaft missen.

In diesem Jahr verordnete Matz, der seit erfolgreichen und sehr kreativen 20 Jahren hier Kantor ist, dem Publikum folgendes Programm: Adventlied op. 71 (Robert Schumann/1810 bis 1856), Adventsmotette „Träufelt ihr Himmel von oben“ op. 90,5 (Arnold Mendelssohn/1855 bis 1933), Der Stern von Bethlehem op. 164 (Josef Gabriel Rheinberger/1839 bis 1901) und die Choralkantate „Vom Himmel hoch“ ( Felix Mendelssohn-Bartholdy/1809 bis 1847).

kantorei3Das war eine Mischung zwischen Romantik und der Erneuerung der Gebrauchskirchenmusik, die staunen machte. Übrigens auch, was die Texte betraf, die man in dem wieder sehr informativen Programmheft mitlesen konnte. Was ein Glück ist, auch, weil man bei mehrstimmigen Chören, die zudem hier und da eine Fuge (oder zumindest ein Fugato) in der Partitur haben, die Worte nicht versteht. Darüber muss man nicht lamentieren.

Kraftvoll und mit Enthusiasmus begannen alle Beteiligten: Schumanns Adventlied. „O lass dein Licht auf Erden siegen“ lautet deren Ende, nachdem Chor und Solisten davor ein „Und lösch der Zwietracht Glimmen aus“ beschworen hatten. Der Wucht und Wirkung dieser Noten konnte man nicht ausweichen; den Bildern dazu im Kopf auch nicht. Den tagesaktuellen Bildern.
Nach diesem optimistischen Auftakt: die eher düstere Adventsmotette von Arnold Mendelssohn. Hoffend, flehend fast, singt der Chor: „Träufelt ihr Himmel von oben, und ihr Wolken regnet Gerechtigkeit.“ Das Stück hat, obwohl ihm die barocke Fülle natürlich fehlt, sehr interessante musikalische Lösungen parat, die die Kantorei überzeugend ihrem Publikum mitteilte. „Du Tochter Zion, freu dich sehr“ jauchzt in punktierten Achteln, aber seltsamerweise ist der Zeile „Hosianna dem, der da kommt im Namen des Herrn“ eine absteigende Notenlinie zugeordnet. Nimmt die das bittere Ende der Geschichte voraus? Denn der Abschluss der Partitur ist ein schwebender Fineton, der alles offen lässt. Davor erklang  ein überraschendes wie wunderbares Miteinander von Solisten und Chor, das eigentlich ein Gegeneinander war, auf unterschiedliche Texte und Rhythmen gesungen.
Alle Vokalisten verließen sich mit Recht auf ihre Fähigkeit zur differenzierenden Dynamik und bewiesen hier Charakter. Erik Matz dirigierte raumgreifend, mit deutlichen Einsätzen, motivierend auch jetzt noch.

kantorei4Danach Josef Rheinbergers „Stern von Bethlehem“. Vielleicht verließ der ja zu Recht  den Horizont der Säle, denn man denkt als Zuhörer ständig in anderen Noten. Hier eine Erzählung zwischen „Moldau“ und „Verkaufter Braut“, dort ein Orchesterschluss wie in der Verdi-Oper, dann wieder ein Stürmen wie im „Holländer“. Das „Freude durchströmet ihr Herz“ hat unbedingt einen Beethoven-Takt! Dazu ein Text, der Längen aufweist und vielleicht heute in seiner bedingungslosen Ergebenheit nicht mehr unserer Intention entspricht. Musikalisch ist die Nummer sechs „Zerstreuet euch, stürmende Wolken“ am interessantesten. Der Schluss trifft mit der ganzen Wucht der Spätromantik.

Die Kantorei hielt sich tadellos, in jeder Hinsicht beweglich und bezwingend. Das Kraftzentrum dieser zwei Stunden Konzert war trotzdem die Choralkantate „Vom Himmel hoch“. Nicht nur, weil das alte Lied bach-affin ist und von Beginn an gute Laune machte. Auch durch den Beweis, was ein Komponist von Rang, der Mendelssohn-Bartholdy ohne Zweifel war, aus dieser einfachen Melodie zu machen im Stande ist.

Der Ausklang also vital, charismatisch, voller Sangeslust. Manchmal erschien die Polyphonie des Komponisten wie eine fröhliche Persiflage auf dieses Ereignis, aus dem wir das wichtige christliche Fest gemacht haben. Tausendmal auserzählt, genauso oft durchkomponiert.
Die Kantorei, das Orchester und die Solisten stellten sich noch einmal mit Emphase dieser Herausforderung. Großformatig, mit innerer Spannung und kraftvoll-präzise. „Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron, der uns schenkt seinen eignen Sohn. Des freuen sich der Engel Schar` und singen uns solch neues Jahr.“
Ein Adventskonzert ohne Halleluja und Amen, ohne Bach sowieso. Voller Freude jedoch und ein kleines Quäntchen Bedenken. Vielleicht.
Barbara Kaiser – 14. Dezember 2015

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