Halbzeit bei Beethoven

Sonaten-Marathon ist bei op. 26 bis 28 angekommen

Die Plätze im ovalen Saal des Schlosses sind wieder alle ausverkauft. Hinrich Alpers konnte mit dem vierten Konzert der „32mal Beethoven“-Reihe Halbzeit feiern, lässt man das große Festwochenende im Juni 2015 außen vor. Der Pianist kam also inzwischen bei den Opus-Zahlen 26, 27,1+ 2 und 28 an.

Die Zuhörerschar würde nun auf absichtsvolle Musik des Meisters treffen, auf thematische Arbeiten und Sonaten, die häufig Namen tragen. Eine neue Art der Extrovertiertheit klingt uns in den Ohren, man bedenke die so genannte „Mondscheinsonate“. Eine ganz andere Tiefe scheint auf, beispielsweise der dritte Satz der As-Dur-Sonate, der Trauermarsch.

Man darf sich immer wieder fragen, wie der 33-jährige Alpers das Programm stemmt. Eine Stunde Einführung vorab; kompakte Häppchen, Anekdoten, Notenbeispiele. Danach zwei Stunden hochkonzentriertes Konzert, in dem jeder Ton stimmt. In dem der Musiker die Moll-Passagen auch ins Verstörende treibt, wo er pianistische Tornados entfesselt, unter konsequenter Auslassung des Unwichtigen seine differenzierte Anschlagskultur vor uns ausbreitet - ein Wanderer, ein Bewanderter.

Ludwig van Beethoven hatte das dritte Lebensjahrzehnt vollendet, als er die vier Stücke dieses Konzertes schuf. Da ist zunächst die Sonate As-Dur op. 26, gewidmet seinem Mäzen Fürst Karl von Lichnowsky. Es ist sehr aufschlussreich, dass der Dichter Johann Friedrich Rochlitz (1769 bis 1842) ausgerechnet den ersten (unüblichen) Variationen-Satz dieser Sonate mit dem Werdegang eines jungen Menschen in einem seiner Romane parallelisiert. Er schrieb über die Musik: „O Leser, das stand`s vor mir; alles, alles…Ich selbst stand vor mir, in den entscheidenden Momenten meines Lebens…“.

Ein Lebensroman also zum Auftakt. Hinrich Alpers stellt das Andante con variazioni charakteristisch vor. Die entscheidende Mollvariation ist bei ihm keine Drohung, aber auch nicht zu keck. Der zweite Satz, das Scherzo, erklingt blendend, robust und zügig. Nichts weist auf den folgenden dritten Satz, den Trauermarsch. Der Interpret versinkt hier nicht in Rührung und wird damit den Noten gerecht. Denn: Dieser Trauermarsch ist nicht mit dem in der dritten Sinfonie etwa vergleichbar. Hier scheint es verordnete Trauer, dort (ein Jahr später) Verzweiflung einer persönlichen Berührtheit. Alpers nimmt diese Auffassung ernst, spielt jedoch nicht zu introvertiert. Aus dem leisen Ausklang steigt das Allegro des vierten Satzes, wächst empor zu akustisch gezähmten Läufen, die der Spieler wieder zu einer Kunst der leisen Schnelligkeit macht, die so schwer ist.

Danach die Sonate Es-Dur op. 27,1. Beethoven gab ihr den Beinamen „quasi una Fantasia“ – wie eine Fantasie. Gewidmet ist das Werk Josephine von Liechtenstein, alle vier Sätze bilden eine Einheit, werden ohne Pause gespielt. Mit fröhlicher Radikalität geht Hinrich Alpers das Ganze an: Bedrängendes Allegro, ein Hauch Aggressivität, die das Adagio vergessen lässt, rauflustig, sprungbereit die kesse Motivwiederholung – wie Fangenspielen. Kurzer Rückwurf auf Moll, ein Innehalten vor Schluss, ehe alles weiterrennt. Dem Ziel entgegen.
Alpers erschöpft, aber zufrieden. Pause.

Nach der Pause die berühmte „Mondscheinsonate“ cis-moll op. 27,2. Totgespielt der erste Satz, immer intoniert, wenn es um Sentimentalität gehen soll. Was wissen wir von den Sätzen zwei und drei?
Franz Liszt nannte das Allegretto des zweiten Satzes „eine Blume zwischen zwei Abgründen“, etwas Wunderbares also zwischen traurig-seligem Träumen und einem wild-verzweifelten Presto agitato. Vielleicht muss man dazu wissen, dass der Komponist schwer in Gräfin Guiletta Guicciardi verliebt war, als er die Noten schrieb. Und so hören sie sich an.
Das zärtliche, einer wiegenden Barcarole nicht unähnliche Adagio – O-Ton Beethoven, seine Lage beschreibend: „Das erste Mal, dass ich fühle, dass Heiraten glücklich machen könnte….“ Hoffnung – die Blume - vielleicht das kurze Intermezzo in Satz zwei. Satz drei jedoch die Erkenntnis: „Leider ist sie nicht von meinem Stande.“ Heißt: es ist vergebens, um sie zu werben, alle eiligen Einwände, alles Rasen nützen nichts. Presto agitato – böse Welt.
Hinrich Alpers stellt den ersten Satz wie neu vor, am Ende fleht, tobt, insistiert er fingerflink. Er bleibt der Komposition in technischer Brillanz und Nuancierungsmöglichkeit nichts schuldig, überzeugt sein Publikum, das euphorisiert ist.

Am Schluss die Sonate D-Dur op. 28, gewidmet Joseph Freiherr von Sonnenfels. Den Beinamen „Pastorale“ erhielt sie nicht von ungefähr; es gibt eine innere Verwandtschaft mit der sechsten Sinfonie. Das Andante des zweiten Satzes soll nach Carl Czerny Beethovens Lieblingsstück für eine lange Zeit gewesen sein. „Er spielte es sich oft“, heißt es in dessen Notizen.

Alpers pendelt zwischen der verführerischen Zartheit des heiteren Eingangs, Beethovens „Lieblingsstück“, einem marschartigen Lied von Ohrwurmcharakter und zahlreichem Da Capo, zwischen Lachen und perlendem Miteinander der Motive und dem wieselnd flinken Reigen des vierten Satzes. Mit dem Wagemut heiteren Charmes und hingebungsvoll persönlich musizierend. Bravos am Ende. Die Zugabe, Variationen op. 34, bleibt im Duktus des Abends. Am 2. November geht`s weiter!
Barbara Kaiser, 30. September 2014

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