Gut in Form

Erik Matz spielte auf der Orgel für das 4. St.-Marien-Sommerkonzert Musikstandards

Die Fuge war nicht dabei, sieht man davon ab, dass das Präludium D-Dur von Dietrich Buxtehude eine beinhaltet. Die Toccata auch nicht. So gesehen blieb Kantor Erik Matz bei seiner Programmankündigung inkonsequent, wollte er doch die „Orgel in Form“ präsentieren, was Standards – so hieße es in der U-Musik - meint.

Aber Matz nahm sich eine Sonate vor, die vierte von Mendelssohns sechs Orgelsonaten, die in B-Dur op. 65. Er brachte ein Trio zu Gehör, das Gottfried August Homilius, Bachschüler, aufschrieb. Und er spielte drei der 24 Fantasiestücke von Louis Vièrne aus dem Jahr 1926. Natürlich gab es auch den großen Meister selbst: Es erklangen die wunderbaren „Pièce d` Orgue“ BWV 572 und mit den Choralvorspielen „In dir ist Freude“ BWV 615 und „Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl“ BuxWV 193 eine weitere Form der Musik.

So war das vierte St.-Marien-Sommerkonzert eine Melange durch die Jahrhunderte. Rund 80 Besucher lauschten dieser erneuten Verbeugung vor der Orgel. Erik Matz zog zahlreiche Register. Er begann mit dieser kleinen Melodie des Buxtehudschen Präludiums (BuxWV 139), die sich fröhlich gebärdet, ehe dramatische Akkordfolgen Neues hervorbringen, gegenläufige Noten in Pedal und Manual enden dann unvermittelt. Dagegen verströmt das folgende Choralvorspiel Geborgenheit, das nächste von Bach dann deutlich hörbare Freude.

Die „Pièce d `Orgue“ waren ein Klangfest, scharf konturiert und höchst differenziert dargeboten von dem Mann auf der Empore, der den Riesenapparat Bachscher Komposition präzise zu nutzen wusste. Diese Fantasie in G-Dur, wie das Stück auch heißt, besteht aus drei stark kontrastierenden, aber eng aufeinander bezogenen Teilen, früheste Abschriften der endgültigen Fassung stammen aus den 1720er Jahren.

Unter den Händen von Erik Matz erblühte dieses bekannte und wohl meistgespielte Orgelwerk Bachs zur schönen, originellen und wirkungsvollen Schöpfung, die ebenso mit gedanklicher Frische und Könnerschaft zu tun hat, zum Glanzpunkt des ganzen Konzerts. Munter und fingerflink das sehr beeindruckende Trés vitement, nicht in einem Klangbrei versinkend das fünfstimmige Gravement und sehr effektvoll das abschließende Lentement.

Das Trio in G-Dur von Homilius danach war schöner, zierlicher Zwischenruf. Ein Allegretto, dem Menuett nicht unähnlich. Matz` Spiel blieb gläsern, ehe er sich in die Mendelssohn-Sonate stürzte. Der gleichzeitige Zeitsprung befremdete zunächst, denn das Allegro con brio brachte romantischen Bombast mit weniger Wohlgefallen. Aber der Solist gab sich zupackend, ohne falsche Ehrfurcht und in schöner Rasanz bis zum Schluss. Bewegend wie lustvoll das Andante religioso – keine dumpfe Bigotterie. Spielerisch leicht Satz drei, ehe  Satz vier, Allegro maestoso, eher herrisch denn majestätisch daherkam. Erik Matz gab den vier Sätzen  Ausdrucksstärke und Klangschönheit mit der Fähigkeit zu vielfältigen Nuancierungen. Farbenreich und konfliktgeladen brachte er die 15 Minuten-Sonate zu ihrem Forte-Ende. Romantik eben.

Am Schluss ging die Sonne auf: „Hymne au soleil“ aus den „Pièces de Fantaisie“ von Vièrne. Die französischen Noten irrlichterten zunächst, ehe sie mit einer einprägsamen, sich wiederholenden Tonfolge die Präsenz des Glutballs vehement unterstrichen. Es folgte ein eilig huschendes „Impromptu“ (in Bereitschaft, Improvisation), das den Spaß mit der Melodie von Westminster Abbey vorbereitete. „Carillon de Westminster“ (das Glockenspiel von Westminster) ist eine Hommage an die weltbekannte Notenfolge im Pedal, immer umwuselt und variiert von einer Hand, sich zu einem wahren Klangrausch steigernd. Am Ende erwartete man zumindest ein paar Glockenschläge – die bleiben aber aus.

So war das Konzert barocke Klarheit und Romantik-Droge. Es gab langen Beifall für ein anstrengungsloses Spiel, das immer durchhörbar blieb. Kantor Erik Matz war also in Form wie sein Programm, und er bewies ein Gespür für selbige.

Am kommenden Samstag, 29. Juli 2017, ist um 16.45 Uhr das Ensemble „Concerto Giovannini“ zu Gast. Es bringt Choräle, Kantaten und Anekdoten zu „Luther und Bach“.

Barbara Kaiser - 23. Juli 2017

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