Grüße aus dem weiten Russland

Ekaterina Leontjewa spielte den Auftakt der Sommerkonzert-Reihe in St. Marien

Kühle, Stille und Musik – das ist ein Konzept, das in diesen Tagen mehr denn je aufzugehen scheint. Auf der Suche danach ist man ab sofort immer samstags um 16.45 Uhr in St. Marien goldrichtig, wo die Reihe der Sommerkonzerte eröffnet wurde. Rund 30 Besucher hatten sich eingefunden zur ersten dieser frühabendlichen Stunden, die vor dem 18-Uhr-Abendläuten Gelegenheit zum Runterschalten geben.

Zu Gast war Ekaterina Leontjewa, die Organistin, die im Jahr 2005 der Liebe wegen aus St. Petersburg nach Halle an der Saale umzog. In Uelzen stellte sie sich schon mehrfach als musikalische Botschafterin zwischen den Welten vor, dieses Mal hatte sie ihr Programm pragmatisch-schlicht mit „Orgelmusik aus Russland und anderen Ländern“ überschrieben. Wobei sich die „anderen Länder“ durch Frankreich, Deutschland, Österreich und die USA bestens vertreten sahen.

Den Auftakt machte die 49-jährige Künstlerin mit der Fuge aus dem Magnificat A-Dur von Michel Corette, einem Bach-Zeitgenossen. Fröhlich und fingerflink, voller Beschwingtheit und Leichtigkeit markieren hier drei kraftvolle, sich wiederholende Akkorde das Thema eines insgesamt kurzen Stücks. Als wäre für so viel Ausgelassenheit Abbitte zu leisten, danach der Choral „Meine Seele erhebt den Herrn“ (BWV 648). Eine düstere Angelegenheit.

sommerkonzert-st.marien2Mit Toccata und Fuge d-moll (BWV 565), einem der bekannten Stücke des Genres, blieb die Solistin  bei Johann Sebastian Bach. Leontjewa begann die Toccata mit einem sehr respektablen Tempo, was den Vorteil hatte, dass sie in den Klangballungen nie barocker Breiigkeit erlag. Die Wucht des Stücks: Wie gestanzt, an keiner Stelle aber kalt. Die folgende Fuge erklang noch rasanter, was den Hörgenuss zum Spaß erhob. Dennoch blieb alles durchsichtig und übersichtlich, mit der Liebe zum Zarten genauso wie der Präferenz für das Majestätische. Zudem holte die Spielerin das Monumentale nie aus übermäßiger Lautstärke.

Zierlicher Kontrapunkt danach fünf Stücke aus Joseph Haydns Werk für Flötenuhr, diese kleinen, sparsamen Partituren für den stündlichen Schlag. Verbeugung vor Mozart hier der Anklang an Papagenos Lied „Ein Mädchen oder Weibchen“ – Mozart selbst verfasste ebenfalls derlei Uhr-Werke, genauso wie Beethoven, Händel, die Bachsöhne, Salieri….

Danach wurde es wie angekündigt russisch: Das einsätzige Konzert D-Dur von Dmitrij Bortnjanski (1751 bis 1825) bedient allerdings unsere Klischee-Vorstellungen aus diesem Lande nicht. Vielleicht deshalb, weil der Komponist musikalische Erfahrungen in Italien sammelte, ehe er Staatsrat und Direktor der Hofsängerkapelle des Zaren in St. Petersburg wurde ((1796) – der Künstler als Staatsmann, ein Goethe auf Russisch quasi. Flott, fröhlich und hell, mit eingängigen Harmonien kam dieses Konzert daher, anmutig gestaltet von der Organistin.

César Francks Prelude, Fuge und Variation op. 18 war danach bedenkendes Zwischenspiel. Die Fuge düster, in den hohen Tönen wie um Hilfe rufend, die Variation schwermütig, eine Klage. Mit gestalterischer Kraft spielte Ekaterina Leontjewa das Ganze, eminent sinnlich in all der Mutlosigkeit der Noten.
Danach eine Eigenkomposition: Dialog, Aria und Toccata über den Choral „In dir ist Freude“. Jazzig die Anlage, immer wieder unterbrochen, angehalten, von choralartig-bedächtigen Akkorden. Die Arie, gezügelt bis zum Ausbruch der Toccata. Diese leierkasten-like, ein wenig schräg in moderner Phrasierung und Taktmaß. Insistierend am Schluss mit Abwärtsläufen.

sommerkonzert-st.marien1Nach William Bolcom (*1938) und dessen Noten zu „What a friend we have in Jesus“ - nah am Atonalen, amerikanisch-lässig, unkonventionelle Tastenwühlerei - beschloss Ekaterina Leontjewa ihren Auftritt mit einer Komposition ihrer Schwester Maria: „Russische Rhapsodie“. Es war der Beweis, wie zeitgenössische Musik auch klingen kann, nämlich einfallsreich, polyphon und mit überraschenden Harmonien.
Rhapsodie also, nicht „in blue“ oder „ungarisch“, sondern russisches Lebensgefühl und Bild landschaftlicher Weite. Donnernd der Auftakt, der durch ein dumpfes Motiv – transponiert durch die Register - zurückgenommen wird. Wolgatreidler-Reminiszenz? Typische Volksweisen-Takte eines Kassatschok, die sich zur Raserei steigern und im Triumph enden!

Ekaterina Leontjewa setzte die Effekte wohl kalkuliert. Musizierte prall und leicht geschürzt. In flüssigem Tone übertrieb sie nicht, sondern ließ alles wunderbar in fein abgestimmtem Fluss. Sie traf im gesamten Konzert die wichtigste Entscheidung in der Musik, die über das Tempo, immer angemessen und füllte die Noten mit Emotion. Es war ein rechter Auftakt der Sommerkonzerte. Als Zugabe  erklang Frank Sinatras „My Way“ – zu deuten so, dass Kantor Erik Matz mit seiner fast 20 Jahre andauernden Reihe immer noch auf einem richtigen Wege sich befindet. – Weiter geht es am 11. Juli 2015, um 16.45 Uhr, mit Kammermusik für Harfe und Violoncello.
Barbara Kaiser – 05. Juli 2015

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben