Gottfrieds Königin

Im sächsischen Freiberg feiert man derzeit 300 Jahre Große Silbermannorgel

Der Organist wuchtet Bachs Anfangsakkorde von Toccata und Fuge d-moll (BWV 565) vors Ohr der Zuhörer und – denen steht fast der Atem still. Was für eine Kraft! Welcher Glanz! Das drangvoll-stürmische Werk, noch von Buxtehude beeinflusst, bietet gravitätisches Volumen und Poesie im Leisen, ist erregend, kontrastreich und gewaltig.

Das hier beschriebene Konzert ist nur eines der donnerstäglichen Sommerkonzerte, die im Dom zu Freiberg nunmehr zum 75. Mal stattfinden, was natürlich gebührend gefeiert wird. Der besonders umfangreiche Jubel gilt in diesem Jahr jedoch dem Geburtstag der Großen Silbermannorgel.
Trotz ihrer 300 Jahre besitzt sie noch 98 Prozent der Originalteile und ist damit die am besten erhaltene Barockorgel überhaupt. Der geniale Baumeister hat keine (heute üblichen) Sollbruchstellen versteckt; die 2674 Pfeifen und 45 Register funktionieren einwandfrei. Den „Stradivari unter den Orgelbauern“ nennt man Gottfried Silbermann auch. Es gibt dafür viele gute Gründe.

Inzwischen spielt Daniel Maurer aus Straßburg weiter. Der Gast brauchte hörbar eine Weile, sich auf das Instrument einzustellen. Aber: Auch wenn man sagt, eine Orgel klänge wie die Sprache ihrer Region – was im Sächsischen eher breiig hieße! – findet er am Ende zu einem schlanken Ton, vor allem aber zu recht zügigen Tempi. Die Fuge C-Dur (BuxWV 174) von Dieterich Buxtehude – noch undurchsichtig in den Strukturen und nicht immer rein. Eine Messe von Francois Couperin – im Manual manchmal ein wenig atemlos. Bei Bachs Fantasie G-Dur (BWV 752) hat sich Maurer eingestellt – ein glasklares Entrée vor dem ersten wuchtigen Akkord der Fantasie. Georg Friedrich Händels „A flight of angels“ (HWV 600) war wild flatternde Aufregung und doch zephirzart, zur Besänftigung danach ein Menuett (HWV 603), höfisch anständig, und eine Gigue (HWV 589) in heiterer Gelassenheit. Alles aus der „Suite Nr. 1 for a musical clock“.

Als Gottfried Silbermann begann, den Königinnen der Instrumente in Sachsen eine Heimstatt zu geben, gebrach es ihm trotz junger Jahre an Selbstbewusstsein nicht. Selber pries er das in Freiberg im Bau befindliche Instrument mit den Worten: Es werde „dergleichen in Sachsen und weit und breit nicht von (dieser) Güte“ geben. Seine Forderungen an den Rat zu Freiberg, 2000 Taler plus freie Kost und Logis, sollte die Stadt bis heute nicht bereut haben, obwohl das Großprojekt damals nur mit einem Bauverzug  (wie sich die Zeiten gleichen) eingeweiht werden konnte. Aber auch eine saftige finanzielle Nachforderung ließ den Rat nicht Abstand nehmen und der optische wie akustische Mehrwert erfreut alle Gäste durch die Jahrhunderte bis heute.

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Insgesamt 50 Orgeln baute Silbermann, 31 sind erhalten. Die „Große“ in St. Marien zu Freiberg aber ist die schönste. „Diese Orgel ist wie Silbermann – sie hat einen silbernen Glanz“, sagte ein französischer Instrumentalist, der beim diesjährigen Orgelwettbewerb antrat. „Durch dieses Instrument ist man Bach auch näher, der ja aus derselben Zeit stammte“, war sich Domkantor Albrecht Koch in einem mdr-Interview sicher. (Dabei sollen sich die beiden Giganten gar nicht so gut vertragen haben, weil sie unterschiedlicher Auffassung waren, die Stimmen der Orgel betreffend.)

In der Abendmusik ist der französische Gast inzwischen bei der d-moll-Fuge angekommen. Fingerflink ohne Fehlgriff oder Aussetzer durchlüftet er sie auf wunderbare Art und Weise. Er spielt mit den Lautstärken, hält sein zügiges Tempo durch und steigert das am Ende fast zur Raserei. Langen Beifall gab es dafür von den etwa 300 Zuhörern. Und obwohl nach Bach eigentlich nichts mehr kommen kann, wurden sie mit einem witzigen Extemporé über Paul Gerhardts „Geh aus mein Herz und suche Freud“ belohnt. Maurer jagte das Thema durch alle Register und  machte einen großen Spaß daraus!

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Gottfried Silbermann wurde im Jahr 1683 bei Freiberg geboren und starb 1753 in Dresden. Die Feierlichkeiten für seine große Orgel könnten der Auftakt einer ganzen Reihe (für die kleineren Schwestern) sein und bis 2053 andauern. Aber so weit voraus denkt keiner - hier sollte nur einmal auch über den heimischen Tellerrand geschaut werden.
Obwohl der Klang des Instruments jede Statistik und Auflistung verbietet, noch einige Termine: Vom 21. September bis 5. Oktober dieses Jahres dauert die Festwoche (mit Welturaufführung einer Auftragskomposition) zum 300. Geburtstag. Im September 2015 finden die Silbermanntage der gleichnamigen Gesellschaft statt. Und das Versprechen gilt: Jeder Zuhörer verlässt nach einem Konzert mit Gottfrieds Königin berauscht, beseelt und beeindruckt den Dom. www.silbermann2014.de
5. September 2014

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