Goethe feiert seinen 270. bei Schillern

„Abenteuer der Vernunft“ heißt bis 5. Januar eine sehenswerte Ausstellung in Weimar

Es ging ganz schön zur Sache in diesem wissenschaftlichen Streit. Johann Wolfgang Goethe mittendrin. Sein Resümee: „Wenn Humboldt und die Vulkanisten es zu toll machen, werde ich sie schicklich blamieren. Schon zimmere ich Xenien genug gegen sie. Die Nachwelt soll wissen, daß doch wenigstens ein gescheiter Mann in unserem Zeitalter gelebt hat, der jene Absurditäten durchschaute.“ Und dieser „gescheite Mann“ war natürlich er selbst, Goethe.

Während er sich in diesem Falle mit darum stritt, ob alle Steine Sedimente, heißt aus den Ozeanen abgelagert, seien oder alles Erdengestein bei der Entstehung unseres Sterns durch ein gewaltiges Feuer geboren wurde, zankte er sich mit Newton ebenso hartnäckig ums Licht. Goethe hielt ja seine 1400 Seiten dicke „Farbenlehre“ für seine bedeutendste Lebensleistung, nicht etwa den „Faust“, die Romane, Dramen oder seine Gedichte.

Gemälde: Vesuvausbruch. Fotos: Barbara Kaiser

Egal wie. In der Farbenlehre irrte der Geheime Rat gewaltig. Ansonsten aber war er schon besessen davon zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Weil doch die Spur „von unsern Erdentagen“ nicht in „Äonen untergehn“ kann. Ja, meistens tut sie es aber. Goethe hat heftig dagegen angearbeitet!

 

Anlässlich seines 270. Geburtstages präsentiert die Klassik Stiftung Weimar in einer Ausstellung erstmalig die umfassende naturwissenschaftliche Sammlung des Dichters. Von 23 000 Mineralien und Fossilien, Pflanzen- und Tierpräparaten und Experimentiervorrichtungen versammelt die Ausstellung im Schillerhaus (!) rund 400 Objekte zum Titel „Abenteuer der Vernunft. Goethe und die Naturwissenschaften um 1800“. Es ist eine großartige, sehenswerte und multimediale Schau, die auch die Experimentierlust nicht zu kurz kommen lässt.

Herbarium

Ich habe sie besucht. Habe das nagelneue Bauhaus-Museum nicht einmal von außen betrachtet, obgleich ich damit dem Mainstream auswich, und auch an der neuen Dauerausstellung „Weimarer Republik“ (im alten Bauhaus-Museumsgebäude am Theaterplatz) bin ich vorbei gehuscht. Die bleiben ja unbenommen; und in diesem Jahr hat sowieso jeder davon geredet. Über den 270. Geburtstag des Dichters allerding kaum. Bedenkt man, dass anlässlich des 250. Weimar Kulturhauptstadt Europas war, ist das recht wenig.

Aber die Klassikstiftung hat sich aufgemacht und seit dem 28. August – Eröffnung war selbstverständlich am Tag des Jubiläums – folgten ihr bis jetzt mehr als 7000 Besucher! Und seit Professor Harald Lesch – das ist der, der im Fernsehen so wunderbar die Welt erklärt – diese Exposition eine hervorragende nannte und in der überfüllten Weimarhalle am 2. Oktober 2019 einen Vortrag zu ihr hielt, strömen die Leute weiter.

Was gibt es also zu sehen? Die abgedunkelten Räume empfangen den Gast mit geschickter Lichtregie und Tropfgeräuschen. Wer schon einmal Untertage war, kennt die. Im Auftrage des Herzogs sollte Goethe ja den Ilmenauer Silber- und Kupferbergbau wiederbeleben. Was letztlich erfolglos blieb, war jedoch der Beginn einer Gesteinssammlung, die ihresgleichen sucht. So heißt der erste Abschnitt der Ausstellung auch „Zeit und Erde“ und beinhaltet eingangs erwähnten Streit zwischen Vulkanisten und Neptunisten.
Goethe hing den Wassermenschen an, vielleicht auch, weil seine Charlotte von Stein einmal geäußert hatte, wir seien wohl alle einmal Fische gewesen. Was für den Menschen irgendwie stimmt, trifft auf Gestein nicht zu. Aber man darf halt heutiges Wissen nicht rückdatieren, das macht arrogant. (Das stimmt übrigens in der Gesellschaftswissenschaft genauso!)

Wissenschaftliche Geräte

Ist das erste Kapitel den Anfängen der Geowissenschaft gewidmet, beschäftigt sich Kapitel zwei der Ausstellung mit den um 1800 vieldiskutierten Fragen nach Konstanz und Wandel in der Natur und ihren Ordnungssystemen. Es wird über Carl von Linnés System erzählt, über die Schädellehre Franz Joseph Galls (ob man die Eigenschaften des Menschen an seinem Schädel ertasten könne) und die Frage erörtert, ob es zwischen toter und belebter Materie einen Übergang gibt. Goethe selbst untersuchte „Infusionstiere“, die sich in einem Heuaufguss entwickelten, mit dem Mikroskop. Er hörte an der Universität Jena Anatomie – Stichwort: Zwischenkieferknochen beim Menschen -, betrieb morphologische und botanische Studien.

Das dritte Kapitel widmet sich „Licht und Substanz“. Hier begegnet der Besucher einem der nur drei weltweit erhaltenen Sonnenspektren Fraunhofers, das sich in Goethes Besitz befand. Um es zu verstehen, hilft Professor Lesch virtuell weiter. „Wie viel Bilder haben Sie denn heute schon gemacht mit Ihrem digitalen Dings?“, fragt er und bittet so auch um ein wenig Respekt für die Anfänge einer Forschung, die uns heute die immer einfacher werdende Fotografie ermöglicht.

Farbenspektrum

Ich habe mich also zwischen die (verbalen) Fronten der Vulkanisten und Neptunisten begeben, konnte die Frage, was denn ein Donnerkeil sei, richtig beantworten und hatte auch eine Ahnung davon, wie die Findlinge zu uns kamen. Nur das Prinzip der camera obscura blieb mir wieder einmal zu obskur!

Dass Johann Wolfgang Goethe nicht nur Dichter und Staatsmann war, weiß wohl jedes Kind. Wie umfangreich aber seine Korrespondenzen und Netzwerke in Sachen der sich neu formierenden Naturwissenschaften waren, zeigt diese famose Ausstellung in Weimar. Und dass Goethe sich auch fundamental irrte und keinem Streit aus dem Wege ging macht ihn doch ein bisschen mehr alltagstauglich…
www.klassik-stiftung.de/abenteuer-der-vernunft
Barbara Kaiser – 20. Oktober 2019

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