Geschichtsstunde

Kristin Kehr und Tristan Jorde bewiesen, wie aktuell Tucholsky-Texte sind

Du lieber Himmel! Sind diese Zeilen wirklich schon 100 Jahre alt:
„Freundlich schaun die Schwarzen und die Roten,/ die sich früher feindlich oft bedrohten./ Jeder wartet, wer zuerst es wagt,/ bis der eine zu dem andern sagt:/ `Schließen wir nen kleinen Kompromiß!/ Davon hat man keine Kümmernis./ Einerseits – und andrerseits –/ so ein Ding hat manchen Reiz .../ Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß:/ Schließen wir nen kleinen Kompromiß!`“

Oder singen gerade CDU und SPD in Berlin auf diesen Text? Ob sie dazu allerdings nach Hanns Eislers Noten tanzen, scheint ausgeschlossen. Schließlich stand der der KPD nahe und lebte nach dem Krieg bis zu seinem Tod 1962 in der DDR, auch wenn er lebenslang österreichischer Staatsbürger blieb.
Kurt Tucholsky - er schrieb die Verse im Jahr 1919. Wie aktuell der Publizist und Dichter auch im Jahr 2018 ist mit seinen Einschätzungen, bissigen Kommentaren auf Zeitgeschehen, ja, seiner Hellsichtigkeit, die politische Entwicklung betreffend, das bewiesen Kristin Kehr und Tristan Jorde im Neuen Schauspielhaus Uelzen, am Klavier begleitet von Sebastian Hubert.

Kristin Kehr, Tristan Jorde und Sebastian Hubert am Klavier.    Fotos: Barbara Kaiser

Es war eine Geschichtsstunde und das kleine Theaterchen voll besetzt. Das Duo begann mit ein paar Lebenslauffakten von Tucholsky und Eisler aus dem Off, ehe der Ritt durch die Zeit startete. Kristin Kehr hat eine Stimme, die besser fürs Lyrische taugt als für den Klassenkampf. Sie weiß das offenbar und wählte vor allem die Lieder danach aus.
Das meist recht kitschige „Deine Hände“, die Verbeugung vor einer Mutter, interpretierte sie so unsentimental wie möglich, eher nachdenklich, was dem Text gut bekam.
Grundierter das Timbre von Tristan Jorde, der alle Register beherrschte, das traurige oder ironische genauso wie das kokette und patriotische.

Meine persönliche Beziehung zu Kurt Tucholsky ist alt. Sang mir doch meine Jugendliebe ein wenig verschämt die ersten Zeilen von „Wenn die Igel in der Abendstunde“ vor. Das Lied, in dem eine Anna Luise die Herzdame eines nicht immer ganz aufrichtigen Herrn ist. Was singt sich eigentlich heutige Jugend ins Ohr? Na, Tucholsky bestimmt nicht. Eigentlich sehr schade.

Das Publikum im Neuen Schauspielhaus nickte an vielen Stellen wissend. Bei den Erklärungen über die Nationalökonomie, die „ist, wenn die Menschen sich wundern, daß sie kein Geld haben“ oder der bitteren Erkenntnis, dass die deutsche Justiz zu allen Zeiten auf dem rechten Auge blind war. Und ist!
Ob man über „Das Lied vom Kompromiß“ wirklich herzlich lachen kann angesichts der gegenwärtigen Misere, bleibe dahingestellt. Aber das wollte Kurt Tucholsky wahrscheinlich sowieso nicht.

Kristin Kehr und Tristan Jorde warfen einen Blick in den Alltag der neuen deutschen Republik von 1919, in die Politik, die Industrie und in Bildung und Familie. „Mutter, wozu hast du Deinen aufgezogen? … Für den Graben, Junge, für den Graben.“ Als hätte der Dichter nach diesem Krieg, der später der Erste genannt werden würde, den Zweiten vorausgewusst.

Einen Lapsus darf man den Akteuren ankreiden: Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hätten als einzige gegen die Kriegskredite gestimmt. Das ist insofern falsch, als Luxemburg als Polin nicht Abgeordnete des Deutschen Reichstages war; Liebknecht war der Einzige, der im Dezember 1914 die Fraktionsdisziplin der SPD für nicht angebracht hielt.

Es war ein rasanter Abend mit engagierten Akteuren. Sie fuhren mit „5 PS“ – die vier Pseudonyme und der eigene Name, unter dem der Literat und Zeitgenosse für diverse Medien schrieb – durch deutsche Geschichte. Sie demontierten den schönen, ehrenwerten Irrglauben, dass der Mensch die Fähigkeit habe, aus Geschichte zu lernen. Sie schickten ihre Zuhörer auf die Achterbahnfahrt zwischen Erschrecken, Erkenntnis und der Kapitulations- und Passivitätsausrede: Es war halt schon immer so.

Vielleicht aber verhilft die Distanz von 100 Jahren zur sich selbst feiernden Gegenwart zu einem klareren Blick? Denn das eingangs zitierte Lied hat die folgenden zwei Zeilen als Schluss: „Und durch Deutschland geht ein tiefer Riß./ Dafür gibt es keinen Kompromiß!“
Barbara Kaiser – 14. Januar 2018

1 Antwort

  1. Das war ein toller Abend und ich freue mich, über deinen Artikel. Schade, dass ich dich gar nicht gesehen habe, dann hätte ich dir noch zum Geburtstag gratulieren können.

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