Geschichten gucken

Zur Ausstellung von Katrin Graalmann im Kunstverein Uelzen

Das Copyright auf die Überschrift hat Renate Schmidt! Als ich, wegen Urlaubs, nachgekleckert kam, die Bilder, die der Kunstverein derzeit und noch bis 3. März in seinem Galerieraum zeigt, anzuschauen, waren wir ganz allein und hatten Zeit für ein Gespräch, wo man sonst immer nur nötigste Informationen austauscht. Dabei fielen diese Worte: Geschichten gucken.

Und in der Tat! Die Grafiken von Katrin Graalmann sind wunderbarste, mit Fantasie überbordete Arbeiten, die Räume aufblättern, Welten öffnen. Dabei ist die ganze Ausstellung mit 57 Arbeiten – meist kleine und kleinste Formate – eine in Grau. In Schwarz-Weiß-Grau. Wie bunt sie aber ist, bemerkt man erst auf den zweiten Blick. Das schleicht einen an. Bis es manchmal auch „klick“ macht und der Betrachter eine Idee zu einem Bild hat, von der er meint, nur er allein sei jetzt darauf gekommen. Dabei ist richtig gute Kunst zeitlos. Sie erzählt auch in 50 oder 100 Jahren ihre Geschichten; vielleicht nur ein wenig modifiziert…

Katrin Graalmann           Foto: Christine Samman

Ich habe Katrin Graalmann gefragt, wie sie ihre Drucke fertigt. Ob es ein Wachsen und Werden, ein immer wieder Hinzufügen ist oder ob es von Beginn an ein Thema gibt. Sie gab dazu Amüsantes zu Protokoll:
Während ihres Studiums habe sie der Professor in den Hamburger Hafen geschickt. Vor Nine-eleven konnte man dort am Wochenende noch quer durch die Werften spazieren, sich irgendwo auf eine Wiese setzen und Hafenmotive zeichnen (was heute aus Sicherheitsgründen nicht mehr erlaubt ist). „Mit einer Kollegin bin ich durch den Hafen gestromert, und wir haben uns vor ein spannendes Motiv gesetzt und jeder für sich direkt in die Platte gearbeitet“, erklärt Graalmann. Es sei ein Wintersemester gewesen, vielleicht sehe man es den Grafiken ein wenig an, „dass wir ziemlich froren“. Des Weiteren wären alle Motive seitenverkehrt, weil die Künstlerin die Motive nicht simpel abbilden wollte, sondern nur das vorgefundene Motiv nutzen.

"Hafen: Stück Tor zur Welt"

So entstanden Industrieanlagen und viele Schiffe. Ein kleines Hausboot nennt sich großspurig „Stück Tor zur Welt“. Na dann – ahoi! Bei einer zwischen Kränen und Kaianlagen eingeklemmten weißen Yacht denkt der Betrachter sogleich an eins der zahllosen Kreuzfahrtschiffe, die die Weltmeere verpesten und die Anrainer-Städte – wie Tallinn, Venedig, Split oder Dubrovnik – in den Wahnsinn treiben. Oder ist es etwa die abgewrackte „Gorch Fock“, mit der eine Verteidigungsministerin gerade in Seenot gerät?

Kunst ist ja der Wegweiser auch in eigene Empfindungen. In Ausstellungs- oder Theaterzeit will man etwas anfangen mit sich. Ich will doch enthalten sein, will vorkommen, in Gelesenem, Gesehenem. Ob erschrocken, erfüllt, überwältigt – egal. Bei Katrin Graalmann funktioniert dieser Anspruch.

Noch sicherer ist eine Empfindung in der Reihe „Illustrationen“. Sie entstanden, erzählt die Künstlerin, während einer Studienexkursion in die Niederlande, in ein Museumsdorf, das eine Radierwerkstatt hatte. Man wollte dort eine Woche lang arbeiten. Eine kleine Auflage von Druckgrafiken sollte entstehen, sodass am Ende jeder Teilnehmer die zu einem Thema erarbeiteten Blätter der anderen in einer kleinen Mappe mit nach Hause nehmen könne.

"Schach"

„Das Thema allerdings fehlte uns noch“, erzählt sie. Als man sich auf keines einigen konnte, besann man sich dieses Kinderspiels: man schreibt ein, zwei Sätze auf ein Blatt Papier, faltet es so weit, dass nur das Ende des letzten Satzes einsichtig ist und reicht den Zettel weiter. Der nächste ergänzt den Satz dann, fabuliert weiter und gibt an den Nächsten ab… Nebenbei: Ich habe laut gelacht bei dieser Erzählung, denn natürlich kenne ich das Spiel auch; die Erinnerung an so manchen Spaß damit brachte aber erst Katrin Graalmann wieder an die Oberfläche.

Die Studenten jedenfalls erhielten am Ende zwölf letztlich unsinnige aber witzige, wunderbar surreale Geschichten. Eine mit einer dicken Frau, einem Zug und einem Hund wurde auserwählt. „Leider haben wir den Zettel nicht aufgehoben“, bedauert Graalmann heute, „aber diese aberwitzige Geschichte bildete für mehrere von uns über diese Exkursion hinaus die Grundlage für eine ganze Reihe von Radierungen.“

Bei Graalmann lümmelt eine Frau im Baum. Sie steckt Schachfiguren an die Äste und hängt so manches Ding, wie beim Weihnachtsbaumschmücken, auf. Fische, Eisenbahnwaggons. Auch ein Hund hängt, ein wenig hilflos, in einer Astgabel.
Und dann gibt es beispielsweise das Bild „Schach“- eine offenbar wüste Rauferei, in der der Springer auf alles losgeht, das nicht rechtzeitig Asyl im Turm gesucht hat, der längst überquillt. Warum kommt mir jetzt hier das böse Bild vom „Das Boot ist voll“, rechtsnationalistische Propaganda in der Flüchtlingspolitik, in den Sinn?

"Baumfrau"

So ein plötzlicher Sinn fiel mir auch bei „Flughaus“ aus der Reihe „Häuser-Stadtansichten“ ein. Ein Gebäude mit Raketenbeinen hebt ab ins All. Das Haus, gebaut wie der Turm von Babel (siehe Bosch oder Tübke). Wir kennen die Geschichte der Sprachverwirrung, weil die Menschen in ihrer Anmaßung immer höher hinaus wollen. Und jetzt fliegen sie bei Graalmann sogar mit Raketenantrieb. Höher, schneller, weiter, unverschämter – was wird die Strafe einst dafür sein?

Georg Wilhelm Friedrich Hegel war der Ansicht, dass die Kunst als Instanz der Wahrheitsvermittlung eines Tages von der Philosophie abgelöst würde. Nun ist zwar die Kunst schon lange keine „Wahrheitsvermittlerin“ mehr, aber Philosoph darf man vor den Bildern von Katrin Graalmann sein. Da nennt sie eins „Troja“ (aus der Reihe „Odyssee“). Auf ihm springt ein prächtiger Schimmel mit Geschenkschleife aus der Kiste, die gleichzeitig schon die Rammböcke und Waffen freigibt. Hätten sich die Trojaner mal nicht blenden lassen! – Oder ihre „Stürzenden Bauten“ aus der Reihe „Häuser“ sind eine Mahnung an alle Städte der Welt – zwischen London, Moskau, Dubai und New York – doch weniger zu glitzern in ihrer Architektur, sondern stattdessen für die Menschen zu bauen…

"Troja"

Man muss Katrin Graalmanns Arbeiten mögen. Selbstverständlich stehen sie handwerklich auf sehr solidem Grund (der eine oder andere Abzug ist vielleicht ein wenig dunkel). Die 46-Jährige, die seit 2017 Werkstattleiterin der Druckgrafischen Werkstatt der Kunsthochschule Mainz ist, die den Master of Art an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und davor das Diplom im Fachbereich Design, Studienrichtung Illustration an derselben Einrichtung erwarb, fordert in der Ausstellung auf, sich doch seines Verstandes zu bedienen – in bester Kantscher Manier! Sie ist Künstlerin, Aufklärerin, Erzählerin. Was könnte man Schöneres über einen Menschen sagen?
Barbara Kaiser – 08. Februar 2019

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