Generationenwechsel

„Herkuleskeule“ versprach im Theater „Lachkoma“, weil das Lachen im Koma liegt

Am Schluss wurden die drei Kabarettisten noch einmal prinzipiell: „Wir müssten aufhör`n vor lauter Angst vor der Zukunft denen zuzujubeln, die in die Vergangenheit marschieren!“ Und sie stimmten das gemütliche wie eingängige Monty-Python-Lied aus dem „Leben des Brian“ an: „Alles kannst du verlieren, nur nicht den Mut!“ Das ist so gut gemeint wie blauäugig!

Die „Herkuleskeule“ aus Sachsens Landeshauptstadt Dresden war zu Gast im Theater an der Ilmenau und versprach, nicht das Publikum ins „Lachkoma“ fallen zu lassen, sondern darüber zu disputieren, warum es so wenig zu lachen gibt, das Lachen selber im Tiefschlaf liegt.

Fotos: Barbara Kaiser

Mit diesem Programm verabschiedet sich der wunderbare Rainer Bursche von der Kleinkunstbühne; Brigitte Heinrich vermisste man als Zuschauer in diesem Jahr sowieso. Die Neuen, die Jungen, wurden uns vorgestellt, weil auch beim Kabarett die Leute altern. Ob sie sich am Ende totlachen, bleibe dahingestellt. Zu Bursches Unterstützung reisten alsdann Katrin Jaehne und Alexander Pluquett an. Am Piano saß ein einfühlsamer Thomas Wand. Die neue Generation übernimmt also – ein Wessi (Pluquett wurde in Kassel geboren) im legendären Ost-Kabarett!

Ich weiß nicht, ob ich mich mit dieser anderen Art des Kabaretts anfreunden werde. Im Auftritt des Trios waren die scharfen, politischen Pointen eher selten, Tagesaktualität war eher nicht sein Geschäft, mehr das Allgemeingültige. Diese Mischung will sich offenbar dem breiteren Publikum ankumpeln. Denn: Ein Comedian erzählt Witze, damit die Leute lachen – ein  Kabarettist macht sie, damit die Leute nachdenken müssen.

Aber: „Heute kannste alles sagen, ohne dabei zu denken“, antwortet Rainer Bursche auf die Vermutung seiner jungen Kollegen, dass man im DDR-Kabarett nicht alles sagen durfte, was man dachte. Die Gäste arbeiteten sich schon an Politik ab, ergänzten Marlene Dietrichs „Wenn ich mir was wünschen dürfte….“ mit „… spräch ich von Gerechtigkeit.“ Oder durch: „… wär`s, dass die, die uns regier`n, alles, was sie beschließen, mal am eigenen Leibe spür`n“, aber die gewohnte Bissigkeit, die dem Zuhörer die Luft nimmt, gab es nicht.


Da wurde nach Nicoles Grand-Prix-Hit aus dem Jahr 1982: „Ein bisschen Krieg für deutsche Waffenschmieden…“ gesungen. Aber wenn dann der Terror mal über unsere Weihnachtsmärkte rollt, dann gibt es fünf Gedenkminuten. „Wie lange müssten wir schweigen für die vielen Weggebombten im Irak, Afghanistan oder Syrien?“ Genau!

Es war der einfache Basissatzbaukasten des Kabaretts für Sprache und Weltbetrachtung: Ein bisschen Erschrecken, ein Quäntchen Zynismus (Spenden-Gala) und ein wohliges Gefühl, dass es uns doch gut geht. Sogar wenn wir verreisen – und wir Deutschen reisen gerne - , dann „ist das Positive, `s ist alles inklusive!“ Schlussfolgerung: „Das ist das Urlaubsideal, ein deutsches Ausland, ganz pauschal.“

Es müsste uns gruseln nach den vielen Spiegeln, die die Keule schwingenden Künstler uns da vorhielten. Deshalb war der empfohlene Mut am Ende blauäugig; es wird eine ganze Menge mehr brauchen. Und die Aufforderung, „wiedermal `ne Revolution zu machen, um die Demokratie zu retten“, macht einem eher Angst.
Das Schwierigste am Kabarett ist ja, über andere zu lachen und zu begreifen, dass man selber gemeint ist. Es bleibt zu hoffen, dass bei den rund 250 Zuschauern im Theater diese Rechnung aufging. Dass sie den glatten Steg in den Sumpf des Fremdenhasses, des Rassismus und der Ressentiments mitgingen, beim „Fundamentalisten-Rap“ beispielsweise, der allen Religionen und allen politischen (!) Strömungen fatale Gemeinsamkeiten beglaubigte. Fundamentale eben. Und Google, Apple und Facebook als das entlarvte, was sie sind: Diktaturen. Nur merkt`s nicht jeder.

Es ist wohl wirklich so: Das Lachen liegt im Koma. Es gibt mehr Bedenken als Freude  angesichts dieser Welt. Und Rainer Bursche gab es am Ende auch zu: Eine Antwort hat er nicht darauf, was seine Enkel in 40 oder 50 Jahren über uns sagen werden….
Barbara Kaiser – 11. März 2018

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