Geballte Romantik

Klassische Philharmonie Bonn beschließt Konzertsaison im Theater an der Ilmenau

Kaum ein anderes Orchester gastiert so häufig in den großen deutschen Konzertsälen wie die Klassische Philharmonie Bonn. So die Eigenwerbung. Seit 1986 führt eine Abonnementreihe den Klangkörper jedes Jahr auf Deutschlandtournee - damals wie heute unter der Leitung von Heribert Beissel.
Dass das Orchester, dessen 86-jähriger (!) Dirigent nicht nur hier den Taktstock schwingt und sich der Begabtenförderung besonders verpflichtet fühlt, in Uelzen Station machte und die Saison des Symphonischen Rings beschloss, verdankt sich Birgit Alpers-Meyer, die die Musiker in ihrem Gründungsort Bonn hörte.

Im Gepäck hatten die Gäste eine geballte Ladung Romantik und die Geigerin Carla Marrero Martinez. Es erklang das Konzert für Violine in d-moll von Robert Schumann und die vierte Sinfonie A-Dur op. 90 – die „Italienische“ – von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Zum Aufwärmen gab es die Ouvertüre zu „Don Pasquale“ von Gaëtano Donizetti. Und spätestens bei der Intonation der Cavatine der Norina „Auch ich versteh` die feine Kunst“ hatte das Orchester sein Publikum gewonnen durch seine souveräne Leichtigkeit im Spiel, durch Rasanz und Farbe.

Die Solistin des Abends spielte ein Schumann-Werk aus dem Jahr 1853, das allerdings erst 84 Jahre später anlässlich einer Nazi-Inszenierung – die liebten den hohen Ton des Pathos wie man weiß – uraufgeführt wurde. Dabei komponierte Schumann das Konzert in d-moll für Joseph Joachim, den genialen Geiger seiner Zeit.

Solistin des Abends: Carla Marrero Martine.

Beissel und seine Solistin nahmen jedes verdächtige Pathos aus den („belasteten“) Noten, eher schien es, als spräche ein subtiler Schmerz. Das Ganze hatte dankenswerter Weise nichts Schmetterndes (man mochte sich die Intention der Uraufführung aus dem Jahr 1937 sowieso lieber nicht vorstellen). Nach dem düsteren ersten Moll-Satz wendete sich der zweite Satz ins Lichte, war vielleicht sogar ein bisschen zu lieblich, ehe er sich übergangslos von B-Dur nach D-Dur und den dritten Satz transponierte. Mazurka-artig, majestätisch gar – und trotzdem wie hingetupft. Das Orchester trug seine Solistin auf Händen! Nicht einmal das Blech drängelte sich in den Vordergrund.

Als Zugabe spielte Martinez das Allegro assai einer Bach-Sonate. Und natürlich belohnte das Publikum die technische Versiertheit mit langem Applaus. Mir persönlich fehlte dem Stück, das ohne Zweifel Brillanz war, die eigene Note, ein Quäntchen Seele….

Carla Marrero Martinez und Dirigent Heribert Beissel.

Nach der Pause dann die „Italienische“, die wahrscheinlich bekannteste Sinfonie Mendelssohn-Bartholdys. Das Anfangsmotiv nutzt so manche Rundfunksendung als Erkennungsmelodie! Zupackend und fröhlich kam es bei den Bonnern daher, in einem luftigen Klangbild, bei dem es heller zu werden schien im Theatersaal. Das Andante des zweiten Satzes schrieb der Komponist unter dem Eindruck des Todes von Johann Wolfgang Goethe und Carl Friedrich Zelter, der zweite Direktor der Berliner Sing-Akademie und sein verehrter Lehrer, die im März beziehungsweise Mai 1832 starben. Ein wenig wird der Zuhörer erinnert an Beethovens Satz zwei der „Eroica“, der ein Trauermarsch ist.

Aber diese vierte Sinfonie ist ein Karussell der Leidenschaft: Satz drei ein A-Dur-Menuett, das die Philharmonie zauberhaft zu phrasieren wusste. Nicht zu aufdringlich in den Lautstärkewechseln, mit schönen Blechbläserzwischenrufen. Im Rondo des vierten Satzes ließ der Dirigent die Streicher von der Leine, ohne jedoch die Kontrolle zu verlieren. Ohne Furcht vor Opulenz produzierten die Musiker schönsten Forte-Lärm. Mit Ritardando-Flöten und eilenden Streichern. Flirrend-atmosphärisch, dabei unsentimental. Nach Maß in Ausführlichkeit und Balance, mit erforderlicher Knappheit.

Der Abend war ein bisschen „easy-listening“ und Gefälligkeitsakustik – Romantik eben. Aber trotzdem ein schönes wie hörenswertes Konzert.
Barbara Kaiser – 25. März 2019

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben