Ganz viel Blech – with love

Wil Salden gastierte mit seinem Glenn-Miller-Orchestra im Bevenser Theater

Es gibt Noten, die altern niemals. Wahrscheinlich trifft das auch auf die Musiker zu, die sie spielen. Auf jeden Fall hat man bei Wil Salden und seinem Orchester, die seit 1985 mit dem Glenn-Miller-Sound durch die Welt touren, dieses Gefühl.
Jetzt waren die Swing-Spezialisten ein weiteres Mal in Bad Bevensen zu Gast, nahmen ihr Publikum mit durch das kurze Leben des Namenspatrons, spielten Noten zahlreicher anderer Musiker, die in den 1940er Jahren Furore machten; die Evergreens schufen, die auch nach mehr als 75 Jahren Nachfolgendes mühelos in den Schatten stellen.

Swing sei eine „schöne, ungefährliche Droge“, sagte ein Kollege von Wil Salden: Andrej Hermlin steht ebenfalls einem Swing-Orchester vor und muss es wissen. Salden besitzt eine der wenigen Lizenzen, sich „Glenn-Miller-Orchestra“ nennen zu dürfen und Ovationen ist er gewöhnt. Umso erfreulicher und angenehmer, wie selbstverständlich frisch und sympathisch der inzwischen 65-Jährige moderiert, singt, am Klavier seinen Part bedient und alles im Griff hat. Er lege Wert auf eine „perfekte Darbietung des Originalsounds“, sagte Salden.

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Fotos: Barbara Kaiser

Kennen Sie die berühmteste Telefonnummer für Swingmusik? Natürlich, Pennsylvania 6-5000!  Unter dieser Nummer gab es damals Karten für das Tanzlokal, in dem die angesagtesten Noten gespielt wurden. Die von Glenn Miller.
Die Bevenser und ihre Gäste konnten ihre Eintrittskarten bestimmt auch telefonisch bestellen, Tanzen stand am Sonnabend im sehr gut besetzten Theatersaal jedoch nicht auf dem Plan, obwohl es schon in den Füßen zuckte.

Ganz und gar unspektakulär, nämlich sehr souverän, gaben sich die Orchestermitglieder, die seit dem letzten Auftritt hier sichtbar verjüngt sind. Alle zudem durchweg solistenbefähigt, wenn nicht gar multitalentiert, mit einem Schalk im Nacken zudem. Weil auch bei Glenn Miller-Musikern inzwischen die Emanzipation angekommen ist, sitzt eine Frau an der Trompete. Als Sängerin hatten sich die Niederländer Ellen Bliek mitgebracht, die mit gut sitzender, erotischer Stimme absolut kompatibel zum Sound war. Mühelos leicht absolvierte sie Tonintervallsprünge und agierte charmant mit ihren Partnern.

glenn-miller2So wiegten sich die Zuhörer leise mit beim „It`s been a long long time“, erinnerten sich, sachte mit dem Fuß den Takt klopfend, an „Sentimental Journey“, der Doris Day einst mit der Band Les Brown Stimme verlieh. Ellen Bliek musste auch hier ihre Stimme nicht verstecken. Samtig und modulationsfähig konnte sie zehn Doris Days das Wasser reichen!
Ach, man müsste – nicht Klavier – Saxophon spielen können. Oder Posaune. Oder wenigstens der Drummer sein, der mit Klaas Balijon in diesem Orchester die Inkarnation aller Schlagzeuger war. Der Abend war wieder einmal Beweis: Swing ist nicht nur Musik, sondern Lebensgefühl.

glenn-miller1Im Publikum saß der große alte Mann des Swing und der Bigband für Bad Bevensen: Mathias Torp. Er spielte sichtbar jede Note mit und hatte genauso sichtlich Freude – wie alle anderen Zuhörer auch. - Es habe keinen Zweck, zu imitieren, sagte Will Salden vor 15 Jahren im Interview (damals im Kurhaus!). Dafür seien die musikalischen Vorbilder viel zu gut gewesen. Also wischten die Instrumentalisten nur einmal kräftig Staub mit ihren Arrangements, gaben den Instrumentalisten viel Raum für Soli.

glenn-miller3Wenn die „Moonlight Serenade“ das zweite Mal erklingt, heißt das bei Salden: Abspann! Natürlich hatten „In the mood“ und der „Chattanooga Choo Choo“ nicht gefehlt, der berühmte Zug, der viele Jahre später auch als Sonderzug nach Pankow fuhr! Für über zwei Stunden Konzert gab es langen, begeisterten Beifall und – natürlich eine Zugabe. Es erklang der legendäre „appletree“, das Lied, in dem die Liebste ihren imaginären Liebsten bittet, doch mit niemandem anders als ihr unterm Gehölz zu sitzen – wer könnte solch dringlicher Aufforderung widerstehen.
Was macht diese Musik nur so anziehend? „There`s nothing to explaine“ heißt es im berühmten „Bei mir bist du schön“. Warum also nach Erklärungen suchen, es ist eben so!
Barbara Kaiser – 3. August 2015

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