Ganz schön viel Romantik

Das Wendland-Sinfonieorchester spielte sein traditionelles Neujahrskonzert im Kurhaus Bad Bevensen

Die Neujahrskonzerte, für die der Kulturverein Bevensen seit vielen Jahren das Wendland-Sinfonieorchester verpflichtet, waren noch nie so typische wie die laut-fröhlichen Begrüßungen des neuen Jahres anderswo. Auch in Uelzen herrscht mit den Göttinger Symphonikern meist Wiener Krawall vor, während man sich im Kurhaus schon die eine oder andere Depression mitnehmen konnte. Mit Mahler etwa.

Der Kleinste im Orchester: Julian, 12 Jahre alt, am Cello.

Und wird das Jahr 2020, von dem viele schon wieder den Beginn neuer „Goldener 20er Jahre“ erwarten (dabei waren die 1920er mitnichten „golden“ mit zwei Weltwirtschaftskrisen, blutig niedergeschossenen Maiunruhen und den immer lauter marschierenden braunen Stiefeln) – wird das Jahr 2020 also so wie das Programm, dann kommt es eher besinnlich. Schwermütig auch. Mit großen emphatischen Ausbrüchen dazwischen, ansonsten aber ganz aus schöner Atmosphäre gemacht. Das jedoch scheint, mit Blick in diese Welt, eher unwahrscheinlich.

Friedrich Praetorius, der Mann am Pulte des Projektorchesters, das im hiesigen Wendland nach Neujahr und zu Pfingsten probt, legte diesmal Hochromantik auf. Was anderes sollte er auch tun bei 73 Musikern, die alle beschäftigt sein wollen. Diese übrigens haben internationale Pässe, studieren aber meist in Deutschland. Der Jüngste saß in diesem Jahr am Cello; Julian, zwölf Jahre.

Der Abend begann mit Richard Wagners Ouvertüre zu „Rienzi“. Praetorius nahm sie sehr bleiern – das würde sich für das gesamte Konzert kaum ändern. Ehe der Klangbombast losbrach, schleppte das Tempo. Das Marschmotiv hätte durchaus die Handbremse lösen können, denn eigentlich ist die Partitur für Wagner ungewohnt pfiffig. Ich habe sie jedenfalls schon sehr viel lebhafter und leichtfüßiger gehört.

Sarah Praetorius an der Bratsche

Danach die Solistin des Abends: Die Bratschistin Sarah Praetorius (die Ehefrau des Dirigenten) mit dem Rhapsody-Concerto von Bohuslav Martinů (1890 bis 1959), einem tschechischen Komponisten, der nach seiner Flucht vor den deutschen Faschisten in den USA lebte.

Das zweisätzige Stück ist eine Zwiesprache mit vielen volksliedhaften Anklängen zwischen Soloinstrument und Orchester. Sarah Praetorius führte einen feinen Strich, nahm die schwierigen Klippen der Noten ohne Mühe. Das Orchester blieb an ihrer Seite, füllte den Begleitpart anschmiegsam aus, war aber auch – wohltimbriert – gestaltender Teil. Gemeinsam bewältigten sie die Klangmassen durchsichtig, obgleich diese Rhapsodie nach dem ersten Hören eher uneingängig, auch ungefällig erschien.

Dirigent Friedrich Praetorius

Nach der Pause der Brocken des Abends: Sergej Rachmaninows Sinfonie Nr. 2, e-moll op. 27. Vier Sätze. Eine Stunde Schwerstarbeit. Russisch-elegisch jedoch mit Innigkeit Satz eins, Largo – Allegro moderato. Dieses Stück Romantik schien Orchester und Dirigent mehr zu liegen als der Wagner. Das Blech erklang viel sauberer als beim Auftakt. Es war ein Rauschen und Schwelgen und Drängen, hier ein schöner Zwischenruf der Oboe, dann ein Solo für den Konzertmeister.

Praetorius navigierte seine Musiker sicher durch die Vielzahl der Themen und Motive, denen zu folgen die meisten Zuhörer sicherlich bald aufgaben. – Ein wunderbar aufblühendes Klarinetten-Solo in Satz drei. Fast so schön wie bei Mozart – Sie wissen schon: „Jenseits von Afrika“. Nur ein wenig überdimensioniert vielleicht.

Der Konzertabend war insgesamt breitspurig und monumental angelegt. Für diejenigen, die das mögen, ging es in Ordnung, weil das Wendland-Sinfonieorchester durchaus klangsinnlich, ausdrucksstark und emotional zu musizieren wusste. Obwohl ich keineswegs zum event-hörigen Teil eines Konzertbesucherkreises gehöre, der nur Gefälliges hören will, war es mir persönlich für ein Neujahrskonzert zu wenig ausgelassen und publikumswirksam. Na, vielleicht im nächsten Jahr…

Barbara Kaiser – 6. Januar 2020

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben