Für den am meisten angemessenen Ton

Stiller Beobachter bei zwei Unterrichtsstunden der Internationalen Sommerakademie

Minh ist erst zwölf. Sie kommt aus Hanoi/Vietnam. Ihr Vater sagt, sie sei sehr schüchtern und fügt lachend hinzu, sie sei wohl auch ein bisschen klein. Das Mädchen schweigt. Sie war vor zwei Jahren schon einmal bei der Sommerakademie dabei und über ihren Beitrag zum Abschlusskonzert stand damals Folgendes zu lesen:

„Auf die erste Solistin des Abends musste man zwei Mal schauen. Minh Trau Tran kommt aus Vietnam und ist erst zehn Jahre alt. Den Bonus des Klavier spielenden Kindes hatte sie damit natürlich. Aber wie sie den ersten Satz (Allegro) des Mozart-Klavierkonzerts Nr. 12 A-Dur KV 414 anging und durchhielt, nötigte schon Respekt ab.
Die Konzerte 11,12 und 13  bilden den Beginn der berühmten Reihe von 17 Wiener Konzerten, mit denen sich der Komponist als Solist und Komponist in der Musikstadt vorstellte. Er war Mitte 20 und sagte über seine Musik: `Die Conzerten sind eben das Mittelding zwischen zu schwer und zu leicht - sind sehr brillant – angenehm in die Ohren – natürlich ohne in das Leere zu fallen.` Natürlich! Auch bei der jungen Solistin fiel nichts `ins Leere`, vielleicht reichten an der einen oder anderen Stelle für die Läufe die kleinen Hände nicht ganz aus, aber sie spielte unbekümmert und effektvoll.

Jetzt ist Minh zwölf, und wenn sie am Flügel sitzt, dann spielt sie so, dass der Zuhörer den Atem anhält. Ihr Lehrer Hinrich Alpers ist offensichtlich auch erst einmal ohne Worte, denn ihm fallen  ausschließlich freundliche Sätze ein wie „Much better than yesterday“ oder „Really, much better!“. „We are impressed! Very good! It`s here a very easy job for me!“

Minh Trau Tran                      Fotos: Barbara Kaiser

Es erscheint keineswegs übertrieben, dass Alpers seine Schülerin, die er bereits in Vietnam  unterrichtete, als er dort auf Konzertreise war, so sehr lobt. Vielleicht will er sie auch einmal lächeln sehen, denn Minh bleibt ernst. Sie bot - hochkonzentriert - aus Bachs Französischer Suite Nr. 6 Gavotte und Gigue, perlte das Allegro der Haydn-Sonate Nr. 50 C-Dur über alle 88 Tasten und absolvierte die Etüde Nr. 5 Ges-Dur op. 10 von Frédéric Chopin mit liebenswürdiger Eleganz in den Kaskaden. In des Komponisten Polonaise gis-moll trifft sie die Schwermut und den prickelnden Rhythmus gleichermaßen. Am Ende noch Franz Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 11 a-moll, diese träumerischen Zymbal-Imitationen, die energischen Akzente bis hin zum lebhaften, kurzen Csárdás-Finale.

Die Fingerarbeit sei gut, lobt der Lehrer. „An dieser Stelle die Melodik vielleicht ein wenig kraftvoller…“ Aber auch Hinrich Alpers sagt danach im Gespräch, was der Zuhörer erahnt, dass das Mädchen ein großes Talent sei und er mit zwölf niemals so gespielt habe. Minh hört es nicht mehr, denn sie hat den Raum schon verlassen.
Man hätte ihr gerne übers Haar gestrichen. Aber vielleicht wollte sie das gar nicht, denn sie ist eine harte, fleißige Arbeiterin. Leider wird sie beim Abschlusskonzert nicht zu hören sein, weil sie da schon wieder an einem Wettbewerb in Spanien teilnimmt…

Danach wird es im Langhaus lebhafter. Die drei Musiker, die sich jetzt an die Instrumente setzen, kommunizieren und lachen auch zusammen: Andrej Bielow an der Geige ist der Lehrer. Am Flügel agiert Wanting Qiu aus China. Das Violoncello streicht Alice Grote aus Wrestedt. Auf dem Notenpult Felix Mendelssohn-Bartholdys Klaviertrio c-moll op. 66.

Andrej Bielow, Wanting Qiu und Alice Grote

Das Allegro energico e con fuoco  mit seinem drängenden Moll-Motiv steht auf dem Programm. Das Klavier breitet es in Oktaven zu Beginn aus. Der melancholisch-grüblerische Charakter kontrastiert aufs wirkungsvollste mit dem melodisch aufblühenden Seitenthema der Streicher in Dur. – „Können wir am Anfang noch ein bisschen mehr mysteriöse Stimmung schaffen“, bittet Bielow. Er fordert mehr Lautstärke fürs Cello und das Klavier solle „ganz leicht denken“, aber trotzdem nicht nur Begleitung sein.
Dann gibt es da ein Crescendo in nur einem Takt…. Hier ein Ritardando! „Nicht so laut! Eher wie - ein Sonnenaufgang.“ Das ist typisch russisch-blumig ausgedrückt, aber Wanting Qiu und Alice Grote verstehen Bielow. Auch als er fordert, man solle sich Zeit nehmen für das Piano, um die Dynamik in den Saal zu bringen.

Auf jeden Fall wird dieses Klavier-Trio am ersten Kammermusik-Konzertabend am Montag, 26. Juni, erklingen. Ob die drei Solisten bis dahin die Diskrepanz zwischen sich ausgeräumt haben werden, wird sich erweisen. „Wenn man Kammermusik macht“, sagt Hinrich Alpers dazu, „muss man sich erst gewöhnen. Das ist was ganz anderes.“
Es ist auf keinen Fall ein Solo-Kaprizieren, sondern das Ringen um den angemessenen, kollektiven Ton, um dieses „sich vernünftig unterhalten“, wie es der Dichter Goethe erfuhr und wohl auch schätzte.
Barbara Kaiser - 25. Juni 2017

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben