Fünfsterne-Konzert

St. Marien-Kantorei mit Weihnachtsoratorium im Doppelpack

„Mal sehen, wie das Ganze im Theater gelingt“, schrieb mir Kantor Erik Matz vor der diesjährigen Aufführung des Weihnachtsoratoriums, und es klangen vielleicht ein paar Zweifel mit. „Jedenfalls freue ich mich auf St. Marien“, bekräftigte er per WhatsApp am Aufführungstag, nachdem er ab dem Mittag mit den Chören Einsing- und Durchlaufproben absolviert hatte. Uelzens Hauptkirche ist endlich fertig saniert! Aber bis zum dritten Advent und dem traditionellen Konzert war es eben nicht zu schaffen.

Wem das jetzt nach Einschränkung klänge, der liegt falsch. Das Weihnachtsoratorium 2018 war ein Fünfsterne-Konzert, das die St. Marien-Kantorei, die Schulchöre des Herzog-Ernst-Gymnasiums, das Uelzener Kammerorchester, verstärkt durch professionelle Bläser, und die Solisten Stephanie Henke (Sopran), Bernadette Beckermann (Alt), Svjatoslav Martynchuk (Tenor) und Matthias Weichert (Bass) ablieferten.

Stephanie Henke, Sopran und Matthias Weichert, Bass. Fotos: Barbara Kaiser

Die Neuerung, eine 45-Minuten-Aufführung für Kinder, die vom Publikum gut angenommen wurde, erwies sich als eine gewitzte Angelegenheit, in der der Erzähler Jan Frigger als Hirte (im richtigen Leben Musiklehrer am HEG) neben der Geburt des Christkindes auch gleich die Instrumente im Orchester erklärte. Er machte wie nebenbei deutlich, dass die Trompeten fürs Schlaflied nicht taugen (wahrscheinlich hat das Experiment, es erst mit dem Blech zu versuchen, die Erwachsenen noch mehr amüsiert!), sie aber für die Lobpreisung dieser königlichen Geburt genau den richtigen Ton finden und betonte, dass dieses Kind willkommen ist und für alle ankam. Auch wenn es auf stacheligem Stroh zu schlafen gezwungen wird.

Erzähler Jan Frigger mit Erik Matz.

Es kann nicht genug gewürdigt werden, dass – hier verstärkt durch die Schulchöre des Gymnasiums – die Kantorei, das Orchester und die Solisten diesen verlängerten Auftritt auf sich nahmen. Eine Blitzumfrage im jungen Publikum ergab, dass es allen gefallen hatte. Matthes (8) saß mit seiner Oma im Saal und spendete langen Beifall wie all die anderen jungen Zuhörer. Die meisten wohl zwischen fünf und zwölf Jahren alt.

Chor des HEG.

Den Kantaten I bis III des Bachschen Weihnachtsoratoriums hatte Erik Matz in diesem Jahr das „Schwingt freudig euch empor“ (BWV 36) vorangestellt. Das kleine Werk, das der Komponist im Jahr 1731 am ersten Advent aufführte, das sich aber aus zwei Geburtstagskantaten der 1720-er amalgierte. Das ist, wenn man so will, die Weihnachtsgeschichte in Kurzfassung. Aber die 35 Minuten gaben die Gelegenheit, sich auf die Solisten für den Fortgang des Abends zu freuen. Die Offenbarung und Entdeckung des Abends: Die Altistin Bernadette Beckermann – mit biegsam lyrischer Stimme, die nie in die Nähe angestrengten Übersteuerns geriet - und der Tenor Svjatoslav Martynchuk – kunstreich ungekünstelt mit energischen Höhen. Stephanie Henkes Sopran war voller Eindringlichkeit zu warmer Gefühlstiefe in der Lage, und Matthias Weicherts Bass, bei dem man oft eine gewisse Kurzatmigkeit in den barocken Koloraturen zu bemängeln hatte, erwischte an diesem dritten Advent in Uelzen auch einen gut konditionierten Tag.

Tenor Svjatoslav Martynchuk.

Vielleicht lag es am Ort der Aufführung, dass dieses Mal die Soloinstrumente des Orchesters besonders wohllautend auffielen. Nein, nicht die Trompeten – die überhört man nirgendwo, sondern die Oboen, die Flöte, das Fagott. Auch die Sologeige schmiegte sich den Gesangssolisten unvergleichlich an.
Und es war genauso geboten, einmal auf den Text zu hören. Der zwar in Bachs Passionen unsäglichen Antijudaismus mitschleppt (weshalb die in Israel immer noch nicht öffentlich gespielt werden), aber in „Schwingt freudig euch empor“ heißt es zum Beispiel: „Auch mit gedämpften, schwachen Stimmen/ Wird Gottes Majestät verehrt…“ Vielleicht sollten wir uns das in diesen Tagen hin und wieder vorsingen, wo die Händler protzige, laute, glitzernde Tempel besitzen, aus denen Jesus sie seinerzeit vertrieb!?

Dann aber erklang es endlich, mit Pauken und Trompeten eingeleitet, das ersehnte „Jauchzet, frohlocket“. Es sind nicht nur der Wiedererkennungswert und die Gewohnheit dieser Noten, dass man mit den ersten Takten gerader, erwartungsvoller sitzt in seinem Theatersessel.
Die Kantorei: Absolut präsent, sicher und freudig. Voller Gestaltungskraft alle Solisten. Die schlichten Choräle kamen wunderbar im Publikum an. Alle Akteure erzählten diese erste Kantate spannend, wie nie gehört, fein gestaltend. In präzise austariertem Zusammenspiel hielt Kantor Erik Matz die Fäden sicher in der Hand.

Stephanie Henke, Sopran und Bernadette Beckermann, Alt.

Vor Kantate zwei verordnete Matz eine Pause. Schließlich stand man da bereits mit der Vorbereitungszeit fast fünf Stunden auf den Podien. Wer sich aus der Stimmung gerissen fühlte, was für möglich gehalten werden kann, der fand die schnell wieder bei der Sinfonia, die zurückwiegte ins Bachsche Universum.

Die St.-Marien-Kantorei blieb bis zum Ende ohne Schwäche. Die Flöte war eine wahre Zauberflöte. Die Fuge „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden…“ ließ hoffentlich die meisten denken, wie gut es uns hier im reichen Deutschland geht. „Weil unsere Wohlfahrt befestiget steht“ heißt es am Ende in der dritten Kantate.

Damit kam ein Konzertabend zu seinem Schluss, der es an nichts fehlen ließ. Mit großer Kulisse – der Theaterbühne sei Dank, an dem in 120 Minuten Kantor Erik Matz aus Altbekanntem allemal wieder etwas Neues, Spannendes machte. Mit dem Enthusiasmus aller Beteiligten. Mit der Wucht und Wirkung von Noten, denen man nicht ausweichen kann.
Barbara Kaiser – 17. Dezember 2018

Ergänzung:
Erik Matz machte mich darauf aufmerksam und das Internet weiß auch den neuesten Wissensstand: Im Jahr 2016, also erst vor zwei Jahren, fand in Israel das erste Bach-Fest statt, wo auch Bach-Passionen aufgeführt wurden. Weil, so sagte es damals der amerikanische Dirigent Joshua Rifkin, „ es auf der Welt nur zwei Städte (gibt), um Bachs Passionen aufzuführen. In Leipzig, wo sie entstanden sind, und in Jerusalem, wo sich alles ereignete.“ (Barbara Kaiser - 19. Dezember 2018)

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