Früh übt sich!

Sommerakademie-Angebot: Sieben Musikschüler erhielten die Gelegenheit für Unterricht bei Hinrich Alpers

„Die Autorität des Lehrers schadet oft denen, die lernen wollen.“ Für den Beweis, dass der Dichter Cicero an dieser Stelle absolut falsch lag, setze man sich als stiller Zuhörer einen Vormittag lang in die Juniorakademie der Internationalen Sommerakademie. Dort nämlich unterrichtet Hinrich Alpers Musikschüler.

Seit dem Jahr 2011 ist das schöne Tradition. Er wolle etwas zurückgeben von dem, was ihm in dieser Stadt, wo er seine ersten musikalischen Schritte tat, Gutes widerfuhr, sagte der Pianist vor vielen Jahren in einem Interview.
Einem beachtenswerten persönlichen Anliegen verdankt die Stadt Uelzen übrigens auch den wunderbaren Steinway-Flügel, den Alpers restaurieren ließ und als Dauerleihgabe ins Schloss Holdenstedt stellte (manchmal ist Erinnerung an derart selbstloses Tun durchaus angebracht), wo er im vergangenen Jahr mit seiner Beethoven-Sonaten-Reihe zu Gast war und im November dieses Jahres und im folgenden Frühjahr Ravel vorstellen wird.

Bei der Juniorakademie 2016 waren Dietrich Schröder und Sophie Ackermann unter den Schülern. Er 13, sie 14 Jahre alt. Dietrich spielte Mozarts Fantasie d-moll KV 385, Sophie legte sich im Max-Reger-Jahr (100. Todestag) dessen Melodie und Scherzino aus „Blätter und Blüten“ aufs Pult.

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Sophie Ackermann          Fotos: Barbara Kaiser

Unterricht bei Hinrich Alpers ist stets sehr anschaulich. Er redet kein Fachchinesisch, sondern hat immer pragmatische Vergleiche zur Hand. Und er besitzt obendrein die Fähigkeit (natürlich muss er die haben!), dass, wenn er die Mozart-Melodie nachsingt, die immer noch die Leichtigkeit des Komponisten hat, dass sie wie Zephir schwebt und nicht klassisch poltert.
Das ist jedes Mal frappierend, auch wenn man seit vielen Jahren bei der Juniorakademie zuhört.

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Dietrich Schröder

Natürlich spielt Dietrich Schröder seinen Mozart wuchtig und es fehlt auch noch an der Technik für die Sechzehntelläufe. Das war jetzt sehr unpädagogisch, die Schwächen zuerst zu nennen. Würde Alpers nie tun. Der freut sich zuerst, dass der Junge auswendig spielt und erklärt auch warum: Weil man sich da nicht aufs Notenblatt konzentrieren muss, sondern dem Spiel, der Interpretation, mehr Beachtung schenkt. Den Unterschied zwischen 4/4 und 2/2 – rechnerisch immer 1, musikalische sind Welten dazwischen – kennt der junge Klavierspieler aber. Er begreift überhaupt sehr schnell. Vielleicht, weil ihn die unterschiedliche Akustik, der schönere Klang überzeugen – vor und nach den Vorschlägen, die sein `Lehrer für 30 Minuten` macht. (Alpers würde immer Vorschläge sagen, nie Korrekturen, denn das hieße ja, er sei im Besitz der alleinigen Wahrheit)

SoAk Juniorakademie Dietrich Schröder2_bearbSophie Ackermann gelingt das Fine-Piano von Beginn an.  „Das war ziemlich gut!“, ruft Hinrich Alpers aus und staunt ehrlich. Die Spielerin hat sich mit Dreiviertel- und Sechsachteltakt herausgefordert, was immer auch Versuchung zu Gleichförmigkeit und nicht zum Schweben ist. „Man merkt, dass du vorher bloß in Vierteln gedacht hast“, sagt Alpers. „Es wäre schön, die Takte unterschiedlicher zu gewichten.“ Dafür sind noch Fingersätze zu klären; eins/vier, zwei/fünf. Das klingt ganz einfach, wenn man es aber wochenlang anders gespielt hat, ist da plötzlich eine Hürde. Und zügige Sechsachtel und Crescendo – das ist wirklich schwer.

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Hinrich Alpers verlor in drei Stunden Unterricht am Stück nirgendwo die Geduld. Alle seine Schüler erhielten einen individuellen Rat, bekamen die Ohren geöffnet für eine andere Möglichkeit des Spiels. Napoleon nannte die wahren Eroberungen die Siege über die Unwissenheit. Ganz bestimmt gingen die sieben Musikschulschüler mit dem erhebenden Gefühl nach Hause, musikalisch an diesem Vormittag ein Stückchen (Noten)Welt erobert zu haben.
Barbara Kaiser - 25. Juni 2016

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