Fröhlicher Weihnachtsradau

„flutes & drums“ spielten am Vorabend des 1. Advents in St.-Marien

Erster Advent schon wieder! Aber als das Veerßer Flötenorchester „flutes & drums“ am Vorabend dieses ersten Erwartungssonntages das Weihnachtsliedermedley mit „O, du fröhliche“ - unter kräftigem Mitsingen der Zuhörer in der vollbesetzten St.-Marien-Kirche – beendete, schwebte erste Vorfreude herbei, lugte das Gefühl für diese Zeit vorsichtig aus allen Ecken. Das Potpourri wäre ein großartiges Finale gewesen nach fast 90 Minuten Konzert. Aber die Programmgestalter wollten es anders. Vielleicht der Reihe nach:

Die Instrumentalisten, die sich einst als Spielmannszug gründeten, schon lange jedoch über dieses Repertoire hinauswuchsen und manchmal wohl gerne ein großes sinfonisches (Blas)Orchester sein wollen, luden zum traditionellen Weihnachtskonzert. Es begann mit Bach – das gehört sich wohl, auch wenn dessen Largo trotz der Tempovorschrift einen Metronomschlag mehr Schwung vertragen hätte. Für den Mozart-Choral stand der Chor „Just for fun“ aus Lehmke bereit.

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Fotos: Barbara Kaiser

Fast ein wenig erleichtert wie es schien moderierte danach Roman Weiter den Abend an: Der melancholische Teil sei hiermit abgeschlossen. Ab da gab es nur noch Fröhliches. Dass die Veerßer Truppe unter der Leitung von Michael Zessack am Schluss für ihren Auftritt vom Publikum gefeiert wurde, konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Konzert Mängel hatte. Die sich allerdings ohne jeden Zweifel abstellen lassen!

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Roman Weiter

„Flutes & drums“ standen immer für eine große Leichtigkeit des Spiels. Für eine gewisse Unbekümmertheit und einen sympathischen Übermut auch. Davon ist nicht mehr viel geblieben. Der Grund kann sein, dass Michael Zessack seine Spieler in eine sterile Perfektion treibt, die Kühle und Distanz schafft. Das Orchester bringt die Töne nicht zum Klingen und Leuchten, deren Wirkung sich dann in den Herzen der Zuhörer festsetzte und ein Lächeln zauberte.

Dazu kommt ein permanentes Forte, das es Solisten unmöglich macht, Gehör zu finden. Beispielsweise der Trompeter Matthias Saul, der beim „Ave Maria“ einen wunderbar sicheren und weichen Ansatz blies und an keiner Stelle quäkte, dessen Töne aber kaum im Mittelschiff ankamen, in der letzten Reihe wohl gar nicht. Genauso wie die Gesangssolisten Stephanie Lange und Ernie Lawson. Sogar der Chor, ansonsten stimmstark und vokal beweglich, verlor gegen das Orchester viel zu oft nach Dezibel!

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Matthias Saul

Zessack führte seine Musiker mit großer Geste und in der Instrumentierung mit viel Brimborium im Schlagwerk. Das war insgesamt wirklich sehr, sehr schade. Denn ich habe die engagierten Musiker, die sich auch um die musikalische Früherziehung kümmern, wie fünf reizende Engelchen mit der Flöte bewiesen, als akkurat, in einfallsreichen Arrangements spielende junge Leute erlebt. Diese Mal gab es entschieden zu viel Pathos im Weihnachtsgepäck.

st-marien-flutesdrums-frueherziehung_bearbEin zarter Glanzpunkt war im bereits genannten Medley das Marimbaphone, das die zweite Stimme von „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ exzellent zu spielen wusste, auf Spitzen tanzte! – Nach diesem stimmungsvollen Intermezzo ging es – man möchte sagen leider – amerikanisch weiter. Mit den lateinamerikanischen Rhythmen von „Feliz Navidad“, was auch nichts anderes als fröhliche Weihnachten heißt. Mit dem „Little drummer boy“, zum Glück ohne den unendlich sentimentalen Text. Einen Gospel, in dem Stephanie Lange als Sängerin wegen der beklagten Lautstärke schlechte Karten hatte, und als Rausschmeißer das „Last Christmas“, das ja eigentlich ein Herzschmerzschlager ist.

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Stephanie Lange

Mein persönliches Resümee – das sei hier ausdrücklich betont – heißt Enttäuschung. Weil das schöne  und beachtliche Potenzial dieser Musikanten zu sehr verkopft wurde und die Sinnlichkeit auf der Strecke blieb. Wo sind die frohgemuten und fidelen Anwälte – trotz aller Ernsthaftigkeit beim Musik machen – geblieben, die früher diesen Klangkörper ausmachten? Wo sich Erfahrung, Können und Fantasie im Flöten und Trommeln, die sich mit kecker Lust verbanden und den Zuhörer elektrisierten!
Barbara Kaiser – 27. November 2016

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