Frieden, Frieden, Frieden

St. Marien-Kantorei, Torsten Meyer und Hinrich Alpers im Konzert zum Ende des Kirchenjahres

„Das Konzert wird schon ein besonderes Konzert werden“, sagte Kantor Erik Matz als Einladung an mich. „Nicht nur wegen der Musik und der für uns untypischen Besetzung, auch wegen der Zusammenstellung und der Aussage der Texte.“ Und wie Recht er hatte damit, davon konnten sich alle Zuhörer in der bis in die Seitenschiffe fast ausverkauften St. Marien Kirche überzeugen. An diesem 10. November, an Martin Luthers Geburtstag übrigens – und Friedrich Schillers.

„Dona nobis pacem“ war das Programm überschrieben. „Gib uns Deinen Frieden“. Zum Ende des Kirchenjahres ist Zeit zum Innehalten und Bedenken. Der November beginnt in den katholischen Gegenden mit Allerheiligen; mit dem Volkstrauertag und dem Totensonntag wird das Gedenken allgemein. „Ruhe in Frieden“ steht auf vielen Grabsteinen – wir haben mehr als genug Anlass, um Frieden auch für die Lebenden zu bitten, ja, zu insistieren.

Dieser Wunsch bildete die inhaltliche Klammer der 90 Minuten Konzert. Dass die theologischen Verse und Texte Gültigkeit besitzen darüber hinaus, ist schon lange selbstverständlich.

Fotos: Barbara Kaiser

„Verleih und Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten“, dichtete Martin Luther im Jahr 1529. Heinrich Schütz (wie auch Mendelssohn-Bartholdy) vertonte den Text später. Im Jahr 1529 stehen die Türken vor Wien. In der Schweiz wird der reformierte Pastor Jakob Kaiser als Ketzer verbrannt. In den Jahren davor hatten in Mittel- und Süddeutschland die Bauernkriege gewütet…

Die Kantorei begann die fünfstimmige Motette mit dem ersten Ton glockenrein und kraftvoll. Der Chorsatz ist bei aller Getragenheit und Ruhe der Melodie fast ein Schrei nach Frieden. Die Sängerinnen und Sänger werden diesen eindringlichen Ton das ganze Konzert über beibehalten, das neben den verbalen Schwerpunkten ein musikalischer Segen und Genuss war.

Dem Bariton Torsten Meyer legte Erik Matz meist Brahms-Noten aufs Pult: Aus „Vier ernste Gesänge“ op. 121 die Nummern 2 und 3, aus dem „Deutschen Requiem“ op. 45 die 2 und 3. Dazu „Auf dem Kirchhofe“ op. 105,4 ein Lied für Bariton und Klavier.
Meyer sang mit souveräner Artikulation und prägnanter Gestaltungskraft. Seine Stimme scheint mir über die Jahre gereift und von einem Stimmumfang, der staunen macht. Die Höhen (meist) ohne Mühe, die Tiefen sicher.

So suchte und fand der Sänger Aufruhr und Trost (Auf dem Kirchhof), fragte nach dem Sinn des Lebens „Herr, lehre doch mich … und mein Leben ein Ziel hat“. Ungeheuer beeindruckend und nahezu triumphal das Fugato im „Deutschen Requiem“ Nr. 2 gemeinsam mit der Kantorei: „Freude und Wonne werden sie ergreifen und Schmerz und Seufzen wird weg müssen.“ Wer hier bei „Freude“ nicht an Beethoven und die Doppelfuge aus dessen 9. Sinfonie dächte!

Eric Matz, Hinrich Alpers und Torsten Meyer.

Apropos: Hinrich Alpers saß am Steinway-Flügel aus dem Jahr 1910 (auf den Erik Matz extra hinwies, genau wie auf das Harmonium, das über 100 Jahre alt ist, also fast Brahms noch gekannt haben könnte) und begleitete auf seine gewohnt bewährte und einfühlsame Art. Als Solo spielte er das Adagio aus Ludwig van Beethovens „Hammerklaviersonate“ op. 106, die 29. seiner 32 Sonaten. Dieses Adagio des dritten Satzes, das vermeintlich Allerheiligstes im Tempel Beethovenscher Kunst (Hugo Riemann, Musikhistoriker).

Der Grundton des Werkes ist Andacht, womit es ins Programm passte. Und trotzdem ist es kein Gesang der Resignation. Das Adagio ist kein Monolog, sondern eine leidenschaftliche Ballade. Hinrich Alpers spielte mit langsamster Gewalt, aber nicht so langsam, dass der Spannungsfaden risse. Der ist aufs äußerste festgezurrrt, lässt trotzdem ein gewisses Strömen zu, das zu übermannen in der Lage ist.

Nach viel norddeutscher Brahms-Schwermut gab es italienische Leichtigkeit. Vielstimmiger Lobgesang und Erlösung mit Gioachino Rossini: Aus der „Petite Messe Solennelle“ erklangen zwei Stücke, die die Kantorei zu einer musikalischen Predigt von äußerster Klarheit machte. Mit einem vorbehaltlosen Einfühlen in Text und Ton, schlagkräftig und wohlklingend.
Das war übrigens schon gelungen beim Experiment des Auftritts, mit „Warning to he Rich“ von Thomas Jenneleit (*1954). Diese Darbietung war zum Luftanhalten – die warnende Summ- Introduktion, die geflüsterte Warnung an die Besitzenden dieser Welt, die Schaffenden nicht um ihren gerechten Lohn zu betrügen.
Es gibt übrigens ein Gedicht von Bertolt Brecht mit ähnlichem Inhalt (Resolution der Kommunarden), da aber der Text bei Jenneleit auf einem Jakobus-Brief fußt, erweist sich einmal mehr, wie alt die Ungerechtigkeit ist, wie sicher sie daher geht.

Lutz Brockmann am Harmonium.

Die Kantorei war ohne Zweifel in Bestform. Die Gäste, zu denen sich Lutz Brockmann am Harmonium gesellte, desgleichen. Die Klangopulenz und Ausstrahlung des Programms bildeten eine Melange mit den Textinhalten – im Programmheft nachlesbar -, die lange nachhallen wird.
Erik Matz am Dirigentenpult gab konsequente Einsätze und konnte am Ende glücklich sein über diese Leistung unter seiner Leitung. Es war wirklich ein „besonderes Konzert“; engagiert bis in die Textaussagen.
Barbara Kaiser – 11. November 2019

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