Flucht ins Paradies

Kunstverein Uelzen zeigt Arbeiten von Corneille im Schloss Holdenstedt

Es sind starke Worte, die im Manifest der Gruppe CoBrA stehen. Die dort vereinten Maler hatten im Jahr 1945 die Welt in Trümmern liegen sehen und eine Chance erhofft für eine neue Gesellschaft. Die Kunst sei „zu zunehmender Abhängigkeit verdammt“ gewesen, liest man in diesem Schriftsatz aus dem Jahr 1948. Die westliche Kunst, „die einst Kaiser und Päpste feierte“, habe sich danach „der neuen Bourgeoisie“ zugewandt, um ihr zu dienen. Die Kunst gehöre mehr und mehr kleinen Gruppen und wurde auf Kenner und Virtuosen reduziert. Nicht einmal vor dem Wort Klassengesellschaft schreckten die Verfasser des Manifests zurück….

Es war der Traum von einer wirklich freien Kunst, den die Gründer dieser Vereinigung träumten. Die alte Welt lag in Scherben nach einem mörderischen Krieg. Auch die bildenden Künstler wollten sich neu besinnen. Sie wollten nicht mehr nach Brot gehen, wie es die Kunst oft zu tun gezwungen ist, und nicht mehr nur den Eliten dienen; sie wollten sich besinnen auf Ursprünglichkeit und Wurzeln jenseits des alten Europa. Es sind nicht uninteressante Überlegungen, bedenkt man, was daraus bis heute geworden ist und was hätte werden können.

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Fotos: Barbara Kaiser

Man kann es allerdings auch einen fragwürdigen Weg nennen, ausgerechnet nach dem II. Weltkrieg gesellschaftliche Ursachen nicht zu hinterfragen, sondern sich am Experiment und an der Spontaneität beim Malen zu berauschen, sich von Kinderzeichnungen inspirieren zu lassen und die Freiheit ausschließlich von Farbe und Form zu feiern.
Die sich das vornahmen, kamen aus Copenhagen, Brüssel und Amsterdam = CoBrA. Dass sich Karel Appel, Christian Dotremont, Asger Jorn, Joseph Noiret, Corneille und andere den Namen der gefürchteten Giftschlange gaben, mag ihnen ausreichend gewesen sein. Ein bisschen Provokation gehört eben zu den Fluchten in eine Ästhetik jenseits gesellschaftlicher Wahrheiten. Dass sich CoBrA nach nur drei Jahren wieder auflöste und jeder eigene Wege ging, mag Indiz für all die unerfüllten - auch gesellschaftlichen –Träume (oder Hirngespinste?) gewesen sein.

corneille3Der Kunstverein Uelzen stellt noch bis zum 7. Juni 2015 im Schloss Holdenstedt in Zusammenarbeit mit „Die Galerie“ Frankfurt/Main rund 50 Exponate eines CoBrA-Begründers aus. Von Corneille, eigentlich Guillaume Cornelis van Beverloo, geboren 1922 in Lüttich, gestorben 2010 in Paris, werden vor allem Druckgrafiken, eine große Tapisserie und Keramik gezeigt. Dabei auch Arbeiten aus einer ersten CoBrA-Mappe, die sich sichtbar an Picasso orientierte. Später werden die Bilder, durch Reisen nach Afrika vor allem, einen ruhigeren, klareren Stil erhalten, Perspektive und Motiv werden sich reduzieren auf Wesentliches.

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Vernissagerednerin Elisabeth Dieterle

Das Wesentliche waren bei Corneille die Frau als Motiv und der Vogel, bedeutet sein Künstlername auf Französisch doch „Krähe“.  Die Frau ist das sinnliche Weib, im Zusammenspiel mit dem (männlichen) Vogel treffen sich die beiden Geschlechter bei Corneille auf tausendfache Weise. Eine Farb- und Formenintensität ist dabei zusätzlich zu beobachten. Der Maler sagte sich, trotz des angestrebten freien Zugangs zu Fantasie und Unterbewusstsein im Schaffen, nie ganz von der erkennbar bleibenden Figur auf seinen Bildern los.

Der Künstler schrieb seinen Blättern selbst Gesehenes ein, war er doch im nordafrikanischen Maghreb begeistert vom Licht und seinem Spiel auf  Felsformationen und in der Wüste gewesen. Seine Bilder sind Farbtumult und von schreiender Intensität, ihre Wirkung ist der Appell.
Er sei keinem Stil eindeutig zuzuordnen, wusste Elisabeth Dieterle, Mitarbeiterin der Frankfurter Galerie, in ihrer Vernissagerede. „Corneille verweigerte sich auch aktuellen Strömungen.“ Karl Ruhrberg, ein ehemaliger Direktor des Museums Ludwig in Köln, traf es in seiner Aussage vielleicht am besten, Dieterle zitierte ihn am Schluss ihrer Rede: Corneille sei ein „Maler des Sommers“, die „Antwort auf die Schrecken der Zeit“, seine Farben seien „kosmische Farben des Glücks“.

corneille1Zu bedenken wäre, dass es, mit Blick in die Welt, ein trügerisches Glück gewesen ist. Aber vielleicht ist ja Flucht nicht die schlechteste Möglichkeit der Kunst. Und ob diese Kunst Beunruhigung oder Entdeckerfreude auslöst, bleibt dem Betrachter überlassen. Otto Dix war der Meinung, alle Kunst sei Bannung. Was die bunten Bilder dem Maler Corneille wirklich bannen sollten, wissen wir wohl nicht.
Barbara Kaiser - 12. Mai 2015

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