Faust-Revue

Intendant Hasko Weber inszenierte „Der Tragödie zweiter Teil“ in Weimar

Am Schluss kriegt auch Mephistos Feuerzeug Fausts Lebenslicht, das Gretchen ausgepustet hatte, nicht mehr angezündet. Wobei man sich fragt, warum ausgerechnet Margarete an der Seite desjenigen Mannes, der sie in Schande brachte und sitzenließ, durch die „große Welt“ mitreisen muss. Warum sie ihn am Ende sorgsam wäscht und die Inkontinenzwindel anlegt, ehe er auf seinem Rollator, den Abschlussmonolog murmelnd, zusammensinkt. Sie dagegen freut sich: „Der früh Geliebte,/ Nicht mehr Getrübte,/ Er  kommt zurück.“ Naja, die Liebe - erklär` die einem einer.

Dabei hatte der Heinrich auf seiner Reise doch anderes zu tun, als im zweiten Teil ausgerechnet noch einmal als Déjàvu mit der Frage nach der Religion belästigt zu werden! Er erfand mit Mephisto schließlich gerade das Papiergeld - damit die Party fröhlich weitergehen kann -  und rannte so eher dem Goldenen Kalb hinterher. Außerdem war er im Begriff, für des Kaisers Belustigung die schöne Helena herzuschaffen.

Aber so ist das mit gelöschten Festplatten – Reste bleiben immer. Und in Hasko Webers „Faust II“ bleibt Gretchen dem Treulosen treu. Am Ende wird sie als „Sorge“ zu ihm treten und das Licht ausblasen. Ganz ohne Triumph oder Häme.

Weimar Faust II Neue Pläne

Fotos: Barbara Kaiser

Der „Faust“ ist in Weimar Pflicht. Der erste Teil sowieso, der zweite nicht zwingend. Hat doch sein Dichter das Manuskript nur widerwillig herausgerückt. Bei der Aufführung des ersten Teils blieb er dem Theater fern; den zweiten Teil verschnürte er gewissenhaft – und warf uns Nachgeborenen postum sechzig Jahre Dichterlebens hin. Für bühnentauglich hielt er das nicht, was Regisseure noch nie gehindert hat. Hasko Weber bekannte in einem Interview zumindest, dass man damit „eigentlich nur scheitern“ könne.

Nach zehn Jahren gibt es in Weimar wieder einen „Faust II“. Der letzte von Laurent  Chetouane gehörte eher in die Rubrik Theaterskandale. Nicht so die Inszenierung von Weber, dessen „Faust I“ seit eineinhalb Jahren ungebrochenes Interesse findet und seit der Premiere über 70 Mal gespielt wurde. Die Premiere des zweiten Teils datiert vom 27. Februar 2016. Wer seinen Weimar-Besuch klug plant (beispielsweise Ostern) hat die Möglichkeit, an zwei Abenden hintereinander beide Teile zu sehen. Das ist freilich harte Arbeit – nicht nur für die Schauspieler.

Weimar Faust II Selfie mit Helena

Hasko Weber, geboren 1963 in Dresden, Absolvent der Theaterhochschule Leipzig, Generalintendant in Weimar seit der Spielzeit 2013/14, nähert sich dem Drama aus heutiger Sicht und bereitet eine Collage, eine Revue. Lästerzungen ließen sich bereits vernehmen, dieser Häppchen-Faust sei was für Touristen. Unter dem Motto: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“ Das ist böse. Denn Weber bedient Goethes Wahrnehmung von Gesellschaft mit Aha-Effekt für den Zuschauer.

Ich habe mich gefragt, ob ich die vielen Jahre und zahlreichen Faust-Inszenierungen in der Klassikerstadt blind dafür war. Der Text steht seit fast 200 Jahren fest. Darin ist dieser Faust keineswegs immer strebend sich bemühender Gelehrter, der „erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Auch nicht die Inkarnation des Bürgers in einer freien Gesellschaft Gleicher, wobei das „frei“ das Fehlen von Ausbeutung und Unterdrückung meinte.

Nein! Dieser Faust war im ersten Teil schon immer der Frauenverführer, die Konsequenz nicht zu tragen bereit, und im zweiten Teil ist er der Krieger, der Ausbeuter, der Großgrundbesitzer – der Mörder. Aus seinem aufs Höchste gerichtete Erkenntnisstreben wird Geschäftemacherei. „Dieser Erdenkreis gewährt noch Raum zu großen Taten“, lautet die Devise im vierten Akt des zweiten Teils. Faust hockt dafür auf einem überdimensionalen Kreuz. Ohne schlechtes Gewissen übrigens, nicht etwa frühere Ansprüche bedenkend, es ist ihm nur Aussichtspunkt, Ort kühler Kalkulation.Weimar Faust II Philemon und Baucis

Ruhelos ist er immer noch, aber es ist für seine Umwelt eine gefährliche Unrast geworden. Längst hat er sich dem von Goethe so gefürchteten „Velofizerischen“ ergeben, der teuflischen Geschwindigkeit, dem Schneller-Höher-Weiter, einer neuen Zeit, in der Innehalten und Kontemplation nur stören. Kommt uns das bekannt vor?

Die Schnelllebigkeit auch seiner Zeit betrachtete der Dichter mit befremdlichem Blick. „Es ist der Welt nicht gegeben, sich zu bescheiden“, sagte er. „Egoismus und Neid werden als böse Dämonen immer ihr Spiel treiben.“ So gesehen ist dieser Faust von Hasko Weber endgültig in der Gegenwart angekommen. Schon die Eintrittskarte ziert ein Zitat aus dem Stück, vielleicht das charakteristischste: „Herrschaft gewinn` ich, Eigentum.“ – Willkommen im Kapitalismus!

Die Weimarer Inszenierung kürzt den Text um ein Drittel so, dass Faust als Zeitgenosse aufersteht. Dem Dramentext fehlt ja sowieso eine schlüssige Dramaturgie, die fünf Akte sind sprunghafte Wegstationen. Trotzdem erzählt die Aufführung alles Wesentliche.Weimar Faust II Krieg

Elf Schauspieler genügen für die erhaltenen Rollen. Allen voran Sebastian Kowski als Mephisto, Lutz Salzmann als Faust und Nora Quest als Gretchen. Das ist die Besetzung aus dem ersten Teil. Der Unterschied: Ein selber skrupelloserer Faust braucht den Teufel fast nicht mehr.

Die Bühne baute Oliver Helf – viel Drehpalette, hohe Festungsmauern, die raffinierte Lichtspalten durchlassen. Unter der Kopie des großen Karl-Marx-Kopfes vom Lew Kerbel, dem „Nischel“, wie die Sachsen sagen, erfindet das Duo infernale das Geld auf beliehene Schätze neu – die Staatskrise des Kaisers wird der Philosoph allgemeingültig ganz genau beschreiben. „Im Anfang war die Tat!“ Und weiter geht`s.

Famulus Wagner hat inzwischen den Homunculus kreiert – die Stammzellenforschung lässt grüßen. Bei Mephistos Abfälligkeiten über das (antike) Griechenland, das ihm als nordischen Teufel so fremd ist, lacht keiner im Publikum. Das ist doch nett. Helenas  Entourage macht Selfies und ist alberne Bagage – ein Blick in heutige Yellow Press ist Bestätigung.

Weimar Faust II Euphorion

Dazu kommen ganz viel Lärm, Licht und Action. Ein abgedrehter Euphorion (Fridolin Sandmeyer), der in seinem Wahn irgendwie eine Hitler-Visage hat. Ohrenbetäubend faszinierendes Trommel-Kriegsgeschrei durch die drei Gewaltigen (Nadja Robiné, Fridolin Sandmeyer, Nahuel Häflinger) im vierten Akt. Kurze Slapstickeinlage bei Philemon und Baucis: Der Wanderer, der mit Inlineskates und (fast) Werther-Kluft ankommt, wie hieß er doch gleich? Johann! Nein, Wolfgang! Johann Wolfgang!

Jaja, Herr Dichter, so respektlos gehen sie heute mit Dir um!

Nach so vielen Jahren – das Abitur ist lange her – hatte ich bei diesem „Faust II“ das Gefühl: Der ist heutig wie kaum eines Dichters Figur. (Obwohl meine alte Deutschlehrerin unter Protest den Saal verlassen hätte!) Und die allerschlimmste Erkenntnis am Schluss: Zwar kriegt Mephisto nach so vielen Mühen die Seele nicht, der Faust aber verliert das Ganze nur biologisch, weil wir eben alle sterben müssen. Grundsätzlich und gesellschaftlich haben die „Fäuste“ dieser Welt noch lange nicht verloren. Leider.

Barbara Kaiser – 14. März 2016

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