Farbiges in Dur und Moll

BBK begleitet mit Bildern die Internationale Sommerakademie

Geöffnet ist die Ausstellung immer zu den Konzerten. Oder man muss, an Tagen des Abendvorspiels etwa, den Schlüssel bei den Verantwortlichen der Sommerakademie erbitten. Aber der Bund Bildender Künstler Uelzen (BBK) hat es sich auch in diesem Jahr nicht nehmen lassen, das internationale Musikereignis optisch zu begleiten. Unter dem Titel „Sommer-Musik“ stellen 15 Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten im Oldenstädter Galerieraum aus.

In der Konzertpause besteht also die Möglichkeit, sein Gefühl, das die Musik hervorbrachte, in Bildern wiederzufinden. Für meine Begriffe geht das am besten angesichts der Aquarelle von Friedel Jacobs und Renate Schmidt. Jacobs  nennt seine mittelgroßen Formate „Anlandung von Farbklängen“ und „Aus dem Grau heraus“. Sie sind ein unglaublich wildes Farbgewusel, ein Aufsteigen vom Dunkel „ins Licht, ins Licht“ (Beethoven) und erzählen zudem eine Geschichte. Die „Anlandung der Farbklänge“ versetzt die Menschen in Schwingungen, ins Schweben. Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Musik verzaubert, entführt, beschwingt und glücklich machen kann – hier ist es zu erahnen.

Friedel Jacobs: "Anlandung von Farbklängen"

Katja Schaefer-Andrae: "Fliegen"

Renate Schmidt hat fünf „Farbige Partituren“ geschaffen. Die kleinen, nur 20 mal 20 Zentimeter großen Aquarellkreiden tragen die Bezeichnungen, wie Partituren sie vorschreiben, die Noten zu spielen: Vivace, Andante, Presto, Adagio und Allegro. Es sind immer oszillierende Wellen, wobei das „lebhaft“ eines vivace bei der Künstlerin in Blau, Rot, Gelb und Grün erscheint. Dem Grün des Presto – sehr schnell – sieht man die Geschwindigkeit an, da ist ein Vibrieren, eine Beschleunigung. Das gehende, schreitende Andante ist grau, rosé, bläulich – unentschlossen wie die Tempobezeichnung selbst. Dagegen das Adagio – langsam, ruhig! Ein Ton in Sonnengelb, bei dem ich an eins der schönsten Adagios denke: An das des Klavierkonzerts Nr. 5 von Beethoven! Adagio ist meist eine Liebeserklärung! Das muntere, fröhliche Allegro ist bei Renate Schmidt orange-blau-grün, denn Allegro kann alles. - In dieser Beschränkung, in Format und den Farben, liegt eine Poesie, die durch ein Mehr verloren ginge.

Renate Schmidt: "Farbige Partituren"

Katja Lasar nahm die „Sommer-Musik“ wörtlich und malte vier gefiederte Sänger im Wettstreit. Rotkehlchen, Goldammer, Buchfink bringen erstaunliche Phonstärken hervor.
Waldemar Nottbohm hat Eisen geschmiedet zu einem „Scherzo“. Diese Musikform, aus dem Menuett hervorgegangen und im Sechsachteltakt, schafft Atmosphäre, Ausgelassenheit. Bei Nottbohm sind es singende, winkende, schwingende Eisenstäbe von großer Leichtigkeit.

Katja Lasar: "Sängerwettstreit Rotkehlchen"

Waldemar Nottbohm: "Scherzo"

Viele der BBK-Mitglieder haben sich ans Thema Musik angelehnt. Annette Grund mit „Cembalo“ beispielsweise, dessen aufgeklappter Deckel einem roten Segel nicht unähnlich scheint. Brigitte Jerosch-Dürfeldt spürte einer Open-Air-Musikveranstaltung nach, Norbert Birnbaum nannte seine Arbeit „Rhapsodie“. An Vera Dornfeldts „Sommer-Dreiklang“ kann der Besucher die drei gespannten Seiten anzupfen. (Als ich es versuchte, war die letzte Saite, der letzte Ton für den perfekten Dreiklang, allerdings verstimmt!)

Annette Grund: "Cembalo"

Marlis Bredin nahm das Thema ernster: „Lotte singt `Die sieben Todsünden`“. Gemeint hier Lotte Lenya, die Frau von Kurt Weill, und dessen Ballett mit Gesang nach einem Libretto von Bert Brecht. Uraufgeführt im Juni 1933 in Paris. Viele rote Münder formen unhörbar Texte zu  Habsucht, Hochmut, Geiz und Wollust…

Die 27 Arbeiten der BBKler kommen zwischen hoffnungslos verrätselt und lustvoll farbschwelgerisch daher. Sie sind vital improvisiert oder farblich edel. Von den allermeisten jedoch fühlt man sich berührt und durchströmt von Vertrauen. Und in den besten geht die Malerei mit der Musik eine Verbindung ein, die auch mal von augenzwinkernder Kumpanei sein kann.
Barbara Kaiser – 26. Juni 2017

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