Familien-Bande

Sehenswerte Ausstellung als „Zwischenstation“ im ehemaligen „Deutschen Haus“ Bad Bevensen

Es war ein Projekt. Und ein Projekt ist immer etwas auf Zeit. Der Verein „Kulturstation Bad Bevensen“ erschuf mit den Aktionen, die es seit dem 12. August 2019 im ehemaligen Hotel „Deutsches Haus“ in der Kurstadt gab, eine Interimslösung - für Leerstände. Es ist also eine Zwischennutzung, eine „Zwischenstation“, die am kommenden Wochenende ihren Abschluss finden wird. Eine „Zwischenlösung“, was nach Verlegenheit klingt, war es zu keiner Zeit!

„Wir legen Wert darauf, dass es ein soziokulturelles Projekt war“, sagt Katja Schaefer-Andrae, die die Fäden des Handelns in der Hand hält, „weil wir die Leute mit einbeziehen wollen.“ Der Wunsch, Begegnungsorte zu schaffen, stand im Vordergrund, auch wenn sich die Frage stellt für viele Orte: Was macht man mit leer stehenden Gebäuden?
In Bad Bevensen konnte die Lösung nicht glücklicher sein, denn acht Wochen lang war das Erdgeschoss dieses Eckhauses an der Lüneburger Straße 30 Werkstatt, Bühne und Ausstellungsraum. Außerdem: Wir brauchen solche Orte der Begegnung.

Es hat funktioniert. Die verschiedensten Menschen „schneien hier so rein“, resümierte Schaefer-Andrae. Geöffnet war immer zu den Marktzeiten und am verkaufsoffenen Sonntag.
Zur Vernissage mit Arbeiten von Ulrike und Paula Bals und Jochen Quast – der letzten Aktion - begrüßte Schaefer-Andrae dann die Gäste auch als „Zwischenstations-Familie“, dass die drei genannten Aussteller Vater, Mutter und Tochter sind, passt da genau ins Raster.
Zu sehen sind die Fotoarbeiten von Jochen Quast, Rapper-Porträts von Tochter Paula und eine Graphic Short Story seiner Frau Ulrike. So verschieden, so aufregend.

Paula Bals                             Fotos: Barbara Kaiser

Ulrike Bals

Jochen Quast

Die Entdeckungsreise für die Fotos bekam einen engen Rahmen gesetzt, denn Jochen Quast erspähte im „Deutschen Haus“ Details und Miniaturen, die das Anschauen lohnen. Die wunderschönen Buntglasfenster beispielsweise, die dem Jugendstil zugeordnet werden können, denn das Haus wurde im Jahr 1907 erbaut. Der Fotograf schuf sehr stille Bilder, schließlich ist das frühere Hotel schon seit Ewigkeiten geschlossen. Ein einsamer Garderobenhaken wartet auf eine Jacke, die elegant-schlichte Tür bleibt leider zu. Das Gebäude ist ein imposantes und man wünschte ihm so sehr, dass es nicht weiter im Dornröschenschlaf versänke.

Foto: Jochen Quast

Die Porträts der Sänger – zu denen die Playlist ihrer Songs zur Vernissage lief – erarbeitet sich Paula Bals nach Fotos. Rap – dieser schnelle Sprechgesang, ist ja auch ein Lebensgefühl, wenn er gut ist, transportiert er eine Haltung. Sieht man das den Bildern an? Sehr wohl. Sie höre auch diese Musik während sie arbeite, sagt die 17-Jährige, „dann fließt das so rein“. Und der Text spiele natürlich auch eine Rolle, versichert sie. Obgleich man sich um dessen Verständnis bemühen muss.

"Porträt" von Paula Bals.

Die illustrierte Erzählung von Ulrike Bals wird jeden freuen, der für die nächste USA-Wahl hofft, dass sie das derzeitige unberechenbare Trumpel-Tier aus dem Weißen Haus fegen möge. Bals erfand in ihren Graphics ein kosmisches „Wurmloch“, durch das eine für den Betrachter anonyme Besucherin reist und dem selbstverliebten 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten offenbar die Instrumente zeigt. Nach der Begegnung jedenfalls tritt der zurück und legt überhaupt alle Ämter nieder. Die das geschafft hat, erhält von ihrem Chef, mit dem sie in Funkkontakt war, den nächsten Auftrag: Brasilien.

Die Vorstellung ist einfach zu schön. Und die Gesichtsausdrücke, die Ulrike Bals für diesen Macho fand, umwerfend. Zwischen blasiert, arrogant und zerrüttet ist alles dabei. Sein Ausspruch, er könne auf der Fifth Avenue getrost jemanden erschießen und verlöre doch keine Wähler, fehlt im Text ebenfalls nicht. So viel Selbstherrlichkeit, absolut frei von Selbstzweifel – zeichnerisch auf dem Punkt gebracht und trefflich charakterisierend.

"Graphic Novel" von Ulrike Bals

Der „Zwischenstation“-Galerieraum ist noch bis Samstag, 12. Oktober, geöffnet. An diesem Tag beschließt eine Finissage um 17 Uhr das Projekt. Auf weitere bleibt zu hoffen.
Barbara Kaiser – 07. Oktober 2019

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