Es lebe die Liebe!

Schlosswochen 2015 mit mozärtlichem Opernabend beendet

„Zu schön für unsere Ohren und gewaltig viel Noten, lieber Mozart.“ Übersieht man die Tatsache, dass für Kaiser Joseph II. die Grammatik offenbar eine untergeordnete Rolle spielte, war sein Urteil nach der Uraufführung doch nicht unbedingt ein Lob. Goethe fasste es vier Jahre nach der Wiener Premiere noch drastischer, er schrieb an Carl Friedrich Zelter nach Berlin: „All unser Bemühen, uns im Einfachen und Beschränkten abzuschließen, ging verloren, als Mozart auftrat. Die `Entführung aus dem Serail` schlug alles nieder.“ Das ist heftig. Der Komponist blieb gelassen; hatte er doch schon Seiner Majestät selbstbewusst geantwortet: „Gerade so viel, Majestät, als nötig ist.“

„Die Entführung aus dem Serail“ – das Lied von junger Liebe und wieder gewonnener Freiheit. Die Komposition fällt in Mozarts Brautzeit mit Konstanze Weber. Spielerische Heiterkeit, drastische Komik und Märchenzauber wohnen in dem Werk dicht beieinander, aber das Schönste sind vielleicht die menschlichen Werte, dass die Chronologie des Hasses der Vergebung weicht. Gerade diese Änderung im Libretto, die Vorstellung eines liberalen Fürsten, könnte nicht unbeeinflusst von Lessings „Nathan“ gewesen sein, der 1779 erschien.

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Fotos: Barbara Kaiser

Die Holdenstedter Schloss(wochen)tage endeten mit der szenischen Aufführung dieser Oper. Zunächst ein „Chapeau!“ für Volker Link, der, beginnend mit der Ouvertüre, ein Mammutpensum am Klavier als Korrepetitor und wiederholt verlässlicher Begleiter leistete. Und das trotz eines penetrant mitpfeifenden Hörgeräts bis zur Pause, das wirklich jeden störte, offensichtlich aber nicht seinen Träger. Nachdem dieses akustische Hilfsmittel stumm blieb, war doppelter Genuss.

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Frauke Thalacker als Konstanze, das ist eine ziemliche Trauerrolle bis zur glücklichen Wendung. „Meine Seele betet Schmerz“ und „Mein armes liebend Herz“.  Belmonte, Camillo dell` Antonio, wandelt ähnlich depressiv auf der Suche nach seiner Geliebten, obendrein hat er zu fürchten, dass sie ihm untreu ward, was natürlich gar nicht geht. Dieses Paar hat eigentlich nichts mit dem Leben zu tun. Die Ähnlichkeiten zur Jahre später erscheinenden „Zauberflöte“ sind unübersehbar. Da zeichnet sich der Liebhaber auch nicht durch Heldenmut und Entschlossenheit aus. Dagegen ist es eine Etage tiefer im sozialen Gefüge viel praller und sinnlicher. Blondchen, eine hübsche, zutrauliche Miriam Alexandra, und ihr Gefährte Pedrillo, der zauberhaft freche Tenor Timo Rößner, sind quasi das viel sympathischere Paar, das später Papageno und Papagena heißen wird.

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Meine Publikumslieblingsgunst an diesem Abend allerdings ersang sich Gregor Loebel als Osmin. Schauspielerisch begabt und drollig agierend, dabei wohltimbriert und brummelnd in den Tiefen war er eine Freude. „Vivat Bacchus, Bacchus lebe“, das Sauf-Duett mit Rößner – ein vitales Feuerwerk. „O, wie werd ich triumphieren“ – Rache ist süß. Aber eben nicht die Lösung. Und wenn der Herrscher Bassa Selim, die Sprechrolle, die Thomas Ney selbstverständlich gediegen füllte, auf Verständigung setzt, hat Osmin  ganz schlechte Karten.
Trotzdem ist er bei Mozart nicht der Depp. Dafür waren die Türken vor Wien noch nicht aus dem kollektiven Gedächtnis, denn das war damals noch keine 100 Jahre her. Das „Türkenstück“ war schlicht modern, natürlich machte Mozart mehr draus, und Osmin bekam die hinreißendsten Noten der ganzen Oper.

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Die Stimmen der Aufführung waren beachtlich. So solide und vor allem textverständlich wie die des Bassisten allerdings nicht jede. Frauke Thalacker hatte mit mancher Koloratur ihre Mühe und die eine oder andere Höhe kostete sie hörbar Kraft. Camillo dell` Antonio knödelte doch ziemlich, sein Tenor war nicht frei in der Kehle. Und wenn er sich im Liebesduett ans Notenpult klammert, weil er den Text nicht im Kopfe hat, nicht die zaghaften Blickflirtversuche von Thalacker, seiner Konstanze, bemerkt, dann ist das schade. Kann man eigentlich erwarten, dass die Akteure alle (!) ohne Textheft in der Hand zu spielen in der Lage sind? Auf der Bühne müssen sie es auch.
Quicklebendig und mühelos Timo Rößner. Auch Miriam Alexandra überzeugte die Zuhörer, mal kess (im Duett mit Osmin), mal anschmiegsam.

schlowo3-5Die Aufführung war ohne Zweifel eine voller Enthusiasmus bis zum choralartigen  Schlussensembles: „Nie werd` ich deine Huld verkennen; mein Dank bleibt ewig dir geweiht.“ Davon kriegt der arme Bassa Selim zwar auch keine Frau, aber alle sind ihm dankbar. Und die Botschaft ist eindeutig: Verzeihen vor Eskalation. Diese Linie wäre in die Gegenwart zu ziehen.
Die Schlosswochen 2015 sind Geschichte; sie hatten ein wenig mehr als 300 Zuhörer. Man arbeite an denen 2016, verkündete Ute Lange-Brachmann, ungeachtet, was mit dem Schloss wird. Und weil im nächsten Jahr schon wieder Shakespeare-Jahr ist (2014: 450. Geburtstag, 2016: 400. Todestag), wird man sich des großen Engländers annehmen. Was fällt uns dazu ein? Vielleicht, dass von den 37 Shakespeare-Dramen nur etwa sechs keine Lieder haben. Oder dass Arthur Sullivan, Humperdinck und Sibelius eine Musik zu „Sturm“ komponierten. Ganz zu schweigen von Mendelssohns Schauspielmusik zum „Sommernachtstraum“. Allein über „Romeo und Julia“ gibt es 24 Opern. Lustiger wäre die Geschichte um Sir John Falstaff, entweder von Verdi oder die populäre Fassung von Otto Nicolai, „Die lustigen Weiber von Windsor“. Na und die Ballettmusiken erst. Für dieses Jahr war`s das mit den Schlosswochen,  drei unterhaltsame Abende – vielleicht muss man den Namen mal neu erfinden.
Barbara Kaiser – 31. August 2015

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