Endlich wieder live!

Erik Matz eröffnete die Reihe der Sommerkonzerte an der Orgel

„Wir sind hier!“, rief der Generalintendant der Erfurter Bühnen seinem Publikum zu, als er das Rudiment der Domstufenfestspiele, einen Opernabend, eröffnete. „Kultur ist die Seele der Gesellschaft“, war sich der Chefdirigent der Niedersachsen Philharmonie Andrew Manzen beim Konzertauftakt sicher. Und auch dem Generalmusikdirektor der Göttinger, dem quirligen Nicholas Milton, war die Freude anzusehen, dass es endlich wieder galt, vor Publikum zu spielen. Trotz aller Auflagen und beschränkter Besucherzahlen.

„Wie fühlt es sich an, dass es endlich losgeht“, habe ich Kantor Erik Matz kurz vor Beginn seines Konzerts in St. Marien gefragt. „Schön und aufregend, vor allem erstmal aufregend“, lautete seine Antwort. Und auf der Leinwand im Kirchenschiff, wohin die Manuale von der Orgelempore optisch übertragen wurden, glaubte man, seine Hände zu Beginn zittern zu sehen.

Endlich! Die Sommerkonzerte in St. Marien begannen mit einer Woche Verspätung, aber mit mehr als 40 Zuhörern, aus deren Applaus am Schluss auch die Dankbarkeit zu hören war, dass wieder Livemusik erklang und man sie hatte genießen dürfen.

Erik Matz legte sich Noten von Dietrich Buxtehude und Johann Sebastian Bach aufs Pult, redete über Gleiches und Unterschiedliches in den Partituren. Eigentlich zählen solche „Gesprächskonzerte“ nicht zu meinen Favoriten; mit Grausen erinnere ich mich, wie ein früherer Dirigent der Göttinger didaktisch unerträglich parlierte. Nicht aber bei Erik Matz! Die Erfolge seiner Vorträge im Ratssaal erklären sich auch ganz einfach: Er macht es spannend, ist offenbar ein guter Pädagoge, benutzt Klangbeispiele, die auch ein Laie zu verstehen mag und redet nicht zu lange, sondern lässt die Musik sprechen.

Dieses Rezept ging auch diese Mal auf. Zum Auftakt stellte er die Präludien C-Dur BWV 545 (die Fuge dazu leider nicht) und das in e-moll BuxWV 142 gegenüber. Das kurze Bach-Vorspiel, das trotzdem voller musikalischer Ideen ist, und die vielen kleinen Teile, aus denen Buxtehudes Werk besteht. Erik Matz brachte sie schön akzentuiert und energisch zu Gehör, den Buxtehude zwischen Fortissimo und fein ziseliert.

Bach wollte seinerzeit von Buxtehude lernen, deshalb wanderte er die 546 Kilometer (das schrieb jemand so auf, obwohl keiner weiß, welchen Weg Bach nahm) nach Lübeck. Hier trafen sich nordische Kühle und Prägnanz, die auch mal mit dem Französischen tändelten wie sich erweisen sollte, und thüringische Bodenständigkeit, auch Behäbigkeit.

Bach übernahm von Buxtehude so manche Form, zum Beispiel die Trisonate (wichtigste Form der Barockkammermusik), für die der berühmt war. Dass Johann Sebastian Bach sich am Ende von Buxtehude emanzipierte, ist wohl der Gang zwischen Lehrer und Schüler. Was man später auch bei Haydn und Beethoven sah.

Der nächste Vergleich war der von zwei Choralvorspielen. „Komm, Heiliger Geist“ (BuxWV 200) und „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ (BWV 676. Wieder blieb Buxtehude seiner „Kleinteiligkeit“ treu und ersann fast für jede Choralzeile ein neues Motiv. Für Bach war diese Art der Kompositionsform von großer Bedeutung, in ihr präsentierte er vor allem seine vorzügliche Technik im Orgelspiel.

Am Ende wurde es, wie angekündigt, französisch. Bach war von Lüneburg aus in Kontakt mit dem Hof in Celle gekommen, lernte dort die französische Hofmusik kennen. Weil den Herrschaften ja, wie an allen anderen deutschen Höfen, das Deutsche suspekt und nur fürs gemeine Volk passend schien, stand man dem eleganten Französisch näher. „Pièce d`Orgue“ ist die wohl einzige in dieser Sprache benannte Komposition Bachs, es ist eine Fantasie (BWV 572). Das dreiteilige Stück beginnt mit „Très vitement“ (sehr schnell), wo einstimmige Zwölfachteltakte permanent Mehrstimmigkeit suggerieren,  schreitet über „Gravement“ (getragen), eine fünfstimmige Kühnheit voller Harmonien, fort bis hin zu Zweiunddreißigsteln, für die irrsinnigerweise „Langsam“ vorgeschrieben ist. Bei Bach ist das aber, weil es keine Metronomzahlen gibt, auslegbar. Und so nehmen es manche Interpreten als dramatische Steigerung, andere mit nachdenklichem Ausklang.

Erik Matz forderte sein Publikum auf, für diese Zehn-Minuten-Partitur „auf die Suche zu gehen“, sich „überraschen zu lassen“. Ob sie nun eher meditativ oder voller Esprit, norddeutsch oder französisch sei. Schön und anregend war sie allemal. Auf der St.-Marien-Orgel war eine schlanke Musizierweise möglich, die keinen barocken Brei kennt.

Es war ein wunderbarer Auftakt. Lehrreich, ohne vordergründig belehrend zu sein. Heiter vorgetragen, ohne oberflächlich zu bleiben.

Am Samstag, 18. Juli 2020, ist um 16.45 Uhr das Vokalquartett „Consonanz“ zu Gast.

Barbara Kaiser – 13. Juli 2020

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