Einmal eine Welt umarmt

„32 x Beethoven“ geht mit letztem Klaviersonaten-Konzert auf die Zielgerade

Dieser Abend war erwartungsgemäß einer, der seine Strahl- und Bannkraft nahezu ausschließlich aus dem Leisen holen musste. Die letzten drei Sonaten für Klavier von Ludwig van Beethoven, die er nach eigenen Aussagen in einem Zuge niederschrieb, sind die Auflösung des glorifizierten Schemas, sind ein Beitrag des Meisters zu Transzendenz, intuitiver Gestaltung und Meditation. Der Vorsatz, alle Starre abzuwerfen, führte zu einer Entfesselung der Fantasie; die Nutzung der Töne im höchsten Diskant und im tiefsten Bass zum unvergleichlichen Gefühl, raumgreifend eine ganze Welt umarmen zu können.

Hinrich Alpers hat sein Großprojekt fast geschafft. Am 27. September wird er die krankheitsbedingt ausgefallenen Sonaten Opera 90, 101 und 106 nachholen.

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Fotos: Barbara Kaiser

Dieses Wochenende steht zusätzlich im Zeichen der Kammermusik und des Festkonzerts. Nun begab sich der Pianist noch einmal solo im ovalen Saal des Holdenstedter Schlosses vor Publikum, um zuerst in die Werke op. 109 E-Dur, op. 110 As-Dur und op. 111 c-moll einzuführen. Dabei ritt er sein Lieblingssteckenpferd: Den klassisch-harmonisch ausgewogenen Aufbau der Sonate. Farblich unterlegte Themen auf den Notenblättern seiner Präsentation rissen ihn, der es eigentlich tagtäglich erfahren muss, zu dem Ausruf hin „Das ist doch ausgesprochen schön!“. Und natürlich hat er Recht. Die erstaunliche Symmetrie, die keineswegs bewusst gehört wird, begründet zumindest zum Teil, warum diese Musik so wunderbar in unser Inneres dringen kann. Sich dem Ohr nicht sperrt, den Hörer in einen elysischen Zustand zu setzen vermag.

Diese drei Sonaten Beethovens waren lange Zeit das Heiligtum schlechthin. Vor allem für die Gralshüter, die bestimmen wollten, man dürfe die Partituren nur ab einem gewissen Alter interpretieren, immer nur eine in einem Konzert darbieten und danach selbstverständlich keine Zugabe spielen. Zum Glück gelten diese Regeln nicht mehr. Der exzentrische Glenn Gould war 24, als er die Werke einspielte. Eine der vorläufig letzten Aufnahmen stammt aus dem Jahr 2013 von Igor Levit, der sich 26-jährig daran wagte.
„Beethoven hätte noch fünf Jahre Zeit gehabt“, endete Alpers seinen Vortrag, „weitere Klaviersonaten zu schreiben. Er hat es nicht gewollt. Verneigen wir uns heute Abend noch einmal.“ So viel Pathos darf sein und in dem folgenden Konzert ging diese Verneigung von ganz allein.

alpers-beethoven3Hinrich Alpers geht seinen Vortrag und die Sonate op. 109 E-Dur optimistisch an. Frohgemut im Vivace, wild, nie jedoch ausufernd im Prestissimo. Den Grat, der bei „Gesangvoll, mit innigster Empfindung“ schnell sich ins Süße verlöre, geht er unangefochten. Sachlich und ballerinazart gleichermaßen. Er spielt meditativ, wie eben erst erdacht, malt die Töne liebevoll, stets auf Ganzheit aus und kristallklare Tiefenschärfe. Sechs Variationen hat der dritte Satz – zwischen Kantilene, Staccato-Achteln und vierstimmigem Fugato. Bei Alpers geht kein Ton verloren im feinen Gespinst der Noten, die in tiefer Ruhe enden.

Op. 110 steht in As-Dur, einer eher ungebräuchlichen Tonart. Das Werk wird auch verstanden als Genesungs-Danksagung Beethovens, der zu dieser Zeit ein rheumatisches Fieber und eine Gelbsucht durchmachte. Die elegische Stimmung verdüstert sich im Adagio, findet jedoch wieder zum Dur. Mit wachsender Lautstärke erklingt der G-Dur-Dreiklang, der insistierend ins Leben zurückruft. Es bleibt nicht bei der „Ich-Verlassenheit“, die Thomas Mann im „Dr. Faustus“ zunächst konstatiert. Denn Souveränität lasse „den herrischsten Subjektivismus“ hinter sich.

alpers-beethoven1Mit dieser Souveränität trägt Alpers vor. Ein Schwelgen und Rauschen im Moderato cantabile, schlagkräftig rhythmischer Gegensatz dazu das Scherzo des zweiten Satzes. Der Pianist gestaltet den suggestiven Zauber der Musik mit einer Vorliebe für klare Zäsuren und transparente Kontraste. Mit unendlicher Intimität, großer Intensität und meditativer Innigkeit. Das von Ruhe erfüllte Spiel strahlt Besinnung wie Energie und endet im Triumph.

Dann op. 111 c-moll: Beethoven beantwortete die Frage nach einem möglichen dritten Satz mit Arbeitsbelastung. Dabei war dieses Bestehen auf üblicher Dreisätzigkeit töricht, denn die vorhandenen zwei Sätze bilden ein so unübertroffenes Ganzes, dass sich andere Erwartungen von selbst erledigen sollten. Nach kurzer Maestoso-Einleitung der erste Satz in zwingend melodischer Prägung. Wild-schäumend: Ich – Beethoven! (anderer Text dazu ginge: Hier stehe ich, ich kann nicht anders!) Der zweite Satz dagegen ein Wunder an Schlichtheit. Der am Ende verlöschende C-Dur-Akkord scheint zu bitten: Gedenkt meiner!

alpers-beethoven4Hinrich Alpers vollführt mit dieser Sonate geistreiches musikalisches Florettfechten. Kein Zerren zwischen Sinnlichkeit und Verkopfung; dieser 33-jährige Künstler hat seinen Beethoven verstanden und vermittelt uns Zuhörern mit Verführungspotenzial dessen Größe und Solitärstatus.

Mit exquisiter Anschlagskultur im Leisen, Ausdrucksintensität und Kraftvolumen im Forte überzeugt dieser Abend in jeder Note. In frischem Tempo, so vital wie fragend, war der Auftritt die konzentrierte Botschaft aus Klang, der nichts von Abnutzung weiß.

Barbara Kaiser – 13. Juni 2015

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