Einfach ganz großes Kino!

Kammerorchester Uelzen spielte ein faszinierendes Jahreskonzert

Das rauschte und brodelte und dröhnte! Da war hochdramatische, überdimensionale Romantik, irgendwo zwischen Dvořáks „Neuer Welt“ und Wagners Walküren, aber auch ein Adagio zum Dahinschmelzen, das sich zum überwältigenden Tutti aufbäumte, um im Piano auszuklingen. Danach ein einziges Crescendo, ungeheuer beeindruckend und aufwühlend!
Die Rede ist vom Orgelkonzert op. 100 a-moll von Enrico Bossi, so gehört in der Interpretation mit dem Kammerorchester Uelzen und der jungen Merle Hilmer an der Königin der Instrumente in St. Marien.

Das Kammerorchester Uelzen war wieder einmal für eine Überraschung gut. Wie immer bei seinen jährlichen Auftritten. Denn immer forscht sein Leiter Heiko Schlegel nach Unbekanntem, wenig Populärem, und er gibt jungen Musikern eine Auftrittsgelegenheit. Die von Merle Hilmer (*1997), einst Schülerin des Pädagogen am Herzog-Ernst-Gymnasium und von Kreiskantor Erik Matz an der Orgel, jetzt Studentin der Kirchenmusik an der Musikhochschule in Leipzig, war unbestritten die Krone des Konzerts 2017.

St. Marien Kammerorchester Organistin Merle Hilmer_bearb

Merle Hilmer                           Fotos: Barbara Kaiser

In der St.-Marien-Kirche war das Mittelschiff nahezu voll  besetzt, am Vortag hatte das Orchester in Bad Bevensens Dreikönigskirche gespielt. Und weil ein Kammerorchester-Konzert immer auch eine lehrreiche Angelegenheit ist, animierte Heiko Schlegel sein Publikum als Auftakt zum Singen desjenigen Lutherchorals, für den Manfred Spiller (*1932) sieben Variationen komponierte. „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ – eine Partita. Der Komponist saß im Publikum und es wird ihn gefreut haben, wie behände und frisch die Streicher aufspielten. Mit einem satten Klang von Beginn an, lief das Kammerorchester zu sinfonischer Form auf. Dabei war das erste der Anfang des Abends!

St. Marien Kammerorchester Komponist Manfred Spiller_bearb

Komponist Manfred Spiller

Obwohl diese Partita gelassen und in breitem Schluss voller Frieden endete, wurde es mit Dietrich Buxtehude noch harmonischer: „Du Friedensfürst, Herr Jesu Christ“, Sinfonia G-Dur zur Kantate. Man könne sich, so Heiko Schlegel, der immer zu jedem Stück ein paar Sätze sagt, so die Atmosphäre wie im Himmel vorstellen! Obwohl der Theologe Karl Barth den Satz prägte: „Wenn die Engel für Gott musizieren, spielen sie Bach. Aber wenn sie unter sich sind, spielen sie Mozart." Von Buxtehude war also nicht die Rede.

Im Anschluss erklang von Max Reger nach der Orgelbearbeitung von Johann Sebastian Bach (BWV 622) Aria „O Mensch, bewein dein Sünde groß“. Das Original wurde fürs bessere Verständnis an der Orgel intoniert. Danach konnte man wieder einmal erkennen, dass die Romantik zwar ganz schön ist mit ihrer Stimmen- und Instrumentenvielfalt, ihr aber die schlichte barocke Größe – die eines Bach, der Polyphonie ohne diesen ganzen Aufwand auch konnte, sowieso – fehlt. Pardon für diese Ketzerei! Das Kammerorchester aber auch hier ohne Tadel, sich beherzt verschwendend.

Vor der Pause noch das bereits erwähnte Orgelkonzert, dieser den Atem raubende Wechselgesang mit wunderbaren Hörnern und Streichern, die über sich hinauszuwachsen schienen, einer ambitionierte Organistin und einem Pauker (David Gutfleisch) auf dem Punkt. Das war wirklich ganz großes Kino in fein abgestimmter Ausgewogenheit, kraftvoll leuchtend, bestechend auch in den leisen Tönen.

Als zwei Kontrapunkte zum Beruhigen die „Meditation über einen altböhmischen Choral“ von Josef Šuk, der Antonin Dvořáks Schwiegersohn war. Der Titel Meditation beschreibt die Ruhe, die von diesen Noten ausgeht, ehe sie fugatoähnlich ausschwingen. Übrigens hatte sich Heiko Schlegel in Tschechien die Noten des Chorals besorgt und sang das kurze Stück zu Beginn. Es kann als erneuter Beweis gelten, wie engagiert Schlegel, der das seit 46 Jahren existierende Kammerorchester seit 2001 leitet, in seiner Arbeit ist.

St. Marien Kammerorchester Vor dem Orgelkonzert_bearbAm Schluss das Gitarrenkonzert Nr. 1 D-Dur von Mario Castelnuova-Tedesco, mit dem Simon Gutfleisch seinen Auftritt hatte. Der im Jahr 1993 Geborene absolvierte seine studienvorbereitende Ausbildung an der Musikschule für Kreis und Stadt Uelzen, beendete inzwischen mit sehr gutem Abschluss sein Bachelorstudium an der Hochschule Hannover und komponiert auch selbst.

Es muss für das zarte Saiteninstrument immer schwer sein, sich gegen ganze Orchester zu behaupten. Erst recht gegen eine Orgel! Aber trotz des donnernden Erfolgs von Merle Hilmer war das Publikum fair genug und bereit, nun den leisen Tönen zu lauschen.
Gutfleisch spielte griffsicher und fingerflink. Er balancierte klar und durchsichtig auf der Grenze zwischen Tradition und Moderne, mit voluminösem Ton und technischer Exzellenz. Ungekünstelt, aber kunstvoll. Zupackend, aber nie grob. Unüberhörbar, aber nicht schrill. Es gab Momente großer Stille und Zartheit, dann wieder laute Lebensfreude. Das Ganze ohne dissonante Verschreckung oder nachklirrender Irritation, wie es bei Gitarren so oft passiert.

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Simon Gutfleisch

Der Komponist war Italiener, imaginierte aber dennoch die Gitarrenmusik Andalusiens. Der Solist kam entschlossen, ohne Tändelei, zum Wesentlichen dieser Musik. Das Kammerorchester war verlässlicher Begleiter. Vielleicht wäre eine leichte akustische Verstärkung der Gitarre angebracht gewesen.

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„… dass sie so wachsen und ich sie heute begleiten darf, das ist toll“, hatte Heiko Schlegel über die zwei jungen Instrumentalsolisten des Abends gesagt, die einst seine Schüler waren. Dass sein Kammerorchester ihm und allen Zuhörern einen solch phänomenalen Abend bescherte, dürfte zusätzliches Glücksgefühl gewesen sein. Ein lautes Bravo allen!
Barbara Kaiser – 22. Mai 2017

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