„Eine Krise kann doch jeder Idiot haben…“

Oma Sanne macht morgen, am Dienstag, das 50. Mal ihr Fenster auf!

Die Überschrift ist von Anton Tschechow, dem großen russischen Seelenklempner. Und der Satz geht weiter mit: „Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag.“ Es sieht wieder einmal so aus, als müssten wir gar nicht immer alles neu erfinden: Es ist schon mal gedacht. Sogar ausgesprochen – wie man an dieser Aussage des Dichters merkt.

Und deshalb hat uns Kurz-Video-Guckern auf der Homepage des Jahrmarkttheaters Oma Sanne heute, am 49. Tag, einen Blick gewährt auf eine Fläche weißer Blüten, die sich leise in der Sonne und im Wind wiegen. Sind es schon Kamillen oder gar Margeriten? Es ist ja alles durcheinander heutzutage. Ich habe hier ein paar Blüten stehen, die nach Kamille duften, aber wie Margeriten aussehen. Obwohl beide sonst erst im Juni blühen…. Also, Oma Sanne, veranlasst uns darüber nachzudenken, sich doch trotzdem zu freuen, trotz aller Krisen. An so einem Blütenteppich zum Beispiel.

Die weniger schöne Nachricht kam per Pressetext: „Das Jahrmarkttheater muss leider wegen der aktuellen Entwicklungen und den damit verbundenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens seine für diesen Sommer geplante Open-Air-Theaterproduktion `Das Haus` absagen.“

Schock!!! Das erste Mal sollte auf dem Areal in Bostelwiebeck gespielt werden und dann das.

Ich bin wirklich kein Freund von Open Air! Noch nie gewesen. Und wenn ich auf den unbequemen Stühlen in Wettenbostel saß, den Schreibblock und die schwere Kamera in der Hand, konzentriert auf das Spiel – schließlich sollte eine Rezension entstehen danach – und dann erging auch noch die Aufforderung ans Publikum, den Standort zu wechseln, habe ich oft im Stillen geflucht. Wobei hier noch nicht von den Mücken und anderen Quälgeistern die Rede ging….

Aber was denn nun?  Da wird etwas seit zehn Jahren ganz und gar Vertrautes, etwas alljährlich Wiederkehrendes und mit großer Spannung Erwartetes abgesagt. Wegen so einem kleinen Vieh, das nicht einmal beißen kann!

„Wir haben lange mit uns gerungen“, sagt Anja Imig, „aber der direkte Kontakt zwischen Publikum und Ensemble gehören zum Jahrmarkttheater wie das Amen zur Kirche.“ Und Thomas Matschoss ergänzt: „Unter den heute geltenden Abstandsregelungen ist diese Art Theater weder zu planen noch zu verantworten“.

Aber das Jahrmarkttheater war schon immer etwas Besonderes und fand eine kreative, künstlerische Lösung, mit dem Publikum im Austausch zu bleiben. Im Sommer öffnet es seine Türen für „Dorfgedanken im Ausnahmezustand“.

Beginnend am 30. Juli 2020 gibt es vier Wochen lang auf dem weitläufigen Gelände Abende zu wechselnden Themen. Die Veranstaltungen passen sich flexibel dem an, was dann möglich und verantwortbar ist. Die Themen werden die sein, „die für uns alle auf der Dorfstraße liegen.“

Vielleicht geht es um die Sehnsucht, wenn schon nicht die Welt, so doch Kollegen oder Verwandte in den Arm nehmen zu dürfen. Nebenbei: Schiller sähe derzeit ganz schön alt aus mit seinem „Seid umschlungen, Millionen!“. Vielleicht geht es ums Geld – es geht ja immer ums Geld! Um Gesundheit kann es gehen oder ob die viel beschworene europäische Einheit wirklich so einheitlich ist oder eher eine Ansammlung von Egoisten?

Auf jeden Fall geht es auch musikalisch zu und unterhaltsam sowieso. Das gesamte Team des Jahrmarkttheaters (unterstützt von Oma Sanne) wird die Abende bestreiten. Fünf Schauspielerinnen, zwei Musiker, Technik-, Kostüm- und Ausstattungsmitarbeiter*innen, freuen sich auf ein neugieriges Publikum, das Lust auf Begegnung im Ausnahmezustand hat!

Alle, die schon für das Sommertheater Karten gekauft haben, teilen Anja Imig und Thomas Matschoß mit, werden in den nächsten Tagen kontaktiert, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Für „Dorfgedanken im Ausnahmezustand“ ist der Eintritt frei, um Anmeldung unter 05807 / 97 99 71 oder unter karten@jahrmarkttheater.de wird aber gebeten.

Die genauen Termine gibt es unter www.jahrmarkttheater.de. Am Abend selbst wird für einen solidarischen Beitrag die Hutkasse herumgehen.

Damit uns also der Alltag nicht allzu sehr zu schaffen macht, nein anders: weil wir als Gemeinschaft durchaus in der Lage sind, den Ausnahme-Alltag zu meistern, hat sich das Jahrmarkttheater etwas ausgedacht. Statt den ganz großen Auftritt kleine Glanzpunkte, die wir dann, wenn wir später an das versaute Jahr 2020 zurückdenken, anheften können an unsere Erinnerungen aus dieser Zeit. In der auch klar wurde, dass manchmal so gering Geschätztes unendlich wertvoll ist. Barbara Kaiser – 04. Mai 2020

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