Eine Ansprache an Herrn S. in J.

Zu Friedrich Schillers 260. Geburtstag am 10. November 2019

„Könntest Du mir innerhalb eines Jahres eine Frau mit 12.000 Thalern verschaffen, mit der ich leben, an die ich mich attachieren könnte, so wollte ich Dir in 5 Jahren – eine Fridericiade, eine klassische Tragödie und weil Du doch so darauf versessen bist, ein halb Dutzend schöner Oden liefern – und die Academie in Jena möchte mich dann im Arsch lecken.“ (Friedrich Schiller 1788 an seinen Freund Christian Gottfried Körner)

Aber, aber Herr Hofrat! Hochverehrter Friedrich! Herr Professor Schiller! So schlimm war es in Jena nun wirklich nicht. Und dass die Professur an der Universität ohne Grund-Honorar erfolgte, das habt Ihr Eurem - im Jahr 1788 noch - Nicht-Freund Goethen zu verdanken. Der schrieb nämlich an das Geheime Consilium, dass Ihr im Fach Geschichte der Akademie durchaus nützlich sein könntet, zumal „diese Acquisition ohne Aufwand zu machen ist.“ Kein Geld also, das Ihr so dringend nötig hattet. Ein Leben lang.

Büste in Jena.                Fotos: Barbara Kaiser

Aber die Antrittsvorlesung war doch erfolgreich! Ihr erinnert Euch? Am Dienstag, dem 26. Mai 1789, habt Ihr sie gehalten. „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ so der Titel. Ihr ward damals anerkannter Historiker. Und auch der Geheime Rat in Weimar sah es lieber, keine Konkurrenz im dramatischen Fache durch Euch zu kriegen. „Die Räuber“ konnte er sowieso nie leiden.
Der 26. Mai also: Der festgesetzte Hörsaal war eine halbe Stunde vor Vorlesungsbeginn schon überfüllt, also beschließt man, das Auditorium zu wechseln. Dafür musstet Ihr, mit den Studenten im Gefolge, die ganze Johannisstraße hinunter ziehen, das war zu Euren Zeiten die längste und prächtigste Straße im Städtchen. Was für ein Getöse, denn über 400 Studiosi wollten die Ausführungen des neuen Professors und Dichters der „Räuber“ hören. „So kam die Straße in Allarme… Man glaubte anfangs, es wäre Feuerlerm und am Schloß kam die Wache in Bewegung“, habt Ihr zu diesem Ereignis selber notiert. Und dass Ihr nach der Vorlesung eine Nachtmusik bekamt und dreimal Vivat gerufen wurde.

Antrittsvorlesung 1789

Dass Ihr Euch, verehrter Herr Schiller, schon ein Vierteljahr später so ganz und gar unwohl in Jene fühlt, wer kann`s verstehen? „…die traurigen Gesichter der Gelehrten verscheuchen alles, was Freiheit und Freude athmet.“ Das ist kaum zu glauben.
Aber letztlich seid Ihr ja doch in der Universitätsstadt geblieben. In gebührlicher Entfernung Eurer Hassliebe Goethe, ein schwer erkämpfter, aber nötiger Abstand. Ihr habt den Plan, nach Mainz zu gehen, aufgegeben, und durch die Hochzeit mit Charlotte von Lengefeld auch die fatalen Träume einer ménage á trois mit deren Schwester Caroline.

Die Kirche, in der Ihr der Adligen im Februar 1790 das Ja-Wort gabt, ist übrigens wunderhübsch saniert und heißt, natürlich, Schillerkirche. Dass auch die Universität Euren Namen trägt, wisst Ihr sicherlich. Ihr habt auf Euch aufmerksam gemacht durch ästhetische und philosophische Schriften, als – wenn auch nicht so erfolgreicher, aber hoch ambitionierter - Zeitschriftenherausgeber. Und vier Jahre später wagt Ihr, lieber Friedrich, einen erneuten Vorstoß in Richtung Goethe.
Im Juni 1794 ladet Ihr ihn ein, an der Zeitschrift „Die Horen“ mitzuarbeiten. Als Ihr darin später dessen „Erotica Romana“, die „Römische Elegien“, druckt, haben Hof und Stadt Weimar ihren Skandal. Herder wettert, die „Horen“ sollten wohl künftig mit u gedruckt werden wegen der „bordellmäßigen Nacktheit“ (Gymnasialdirektor Böttiger). Der neu entstandenen Freundschaft tut das keinen Abbruch.

Wie oft habt Ihr mit Goethe in Eurem Garten in Jena gesessen? Es müssen fruchtbare Gespräche gewesen sein, denn Goethe sagt noch 22 Jahre nach Eurem Tode zu Eckermann: „An diesem alten Steintisch haben wir oft gesessen und manches gute und große Wort miteinander gewechselt.“ Dort in der Gartenzinne, einem kleinen Häuschen, zu dem eine Stiege führt und in das nur ein Schreibtisch passt, ist auch der „Wallenstein“ entstanden.

Schreibtisch in Weimar.

Ja, Professorchen, natürlich ist das „liebe, närrische Nest“ Jena inzwischen Großstadt. Ihr aber seid allgegenwärtig. Es gibt ein „Schillergässchen“ und eine „Schillerstraße“. Eine „Goetheallee“ gibt es nicht mehr, die heißt seit fast 30 Jahren unnötigerweise wieder „Fürstengraben“. Die zwei großen Einkaufstempel nennen sich „Goethegalerie“ und „Schillerpassage“. Wahrscheinlich wäre es Euch viel zu laut und zu hektisch, und keiner würde Rücksicht auf Eure angegriffene Gesundheit nehmen. Aber vielleicht wäre Euch im großen Klinikum zu helfen gewesen?

In Eurem Garten jedoch, an dem alten Steintisch, kann man immer noch sitzen. Das Grundstück liegt heute zwar mitten in der Stadt, atmet trotzdem Ruhe und Frieden. Und übrigens nimmt Euch keiner in Jena übel, dass Ihr 1799 doch wieder nach Weimar umgezogen seid. Zwölf Jahre zuvor von Goethe geschnitten, nun herzlich von ihm erwartet.

Schiller-Haus in Jena.

Schiller Souvenir

Es ist nun über 200 Jahre her, dass sich Eure Augen für immer schlossen. Mozart wurde zur Trauerfeier gespielt und das helle Kinderlachen Eurer noch nicht einjährigen Tochter Emilie soll letzten Abschied gewunken haben.
Vergessen seid Ihr nicht, lieber verehrter Hofrat, Professor Friedrich (von) Schiller. Werdet Ihr nie. Und das nicht nur in Jena und Weimar. Übrigens wurde Euer „Tell“ durch das Nationaltheater Weimar schon am Originalschauplatz auf dem Rütli, wo Ihr selber nie gewesen seid, in der Schweiz gespielt. Hättet Ihr das jemals für möglich gehalten?
Und hier soll jetzt einfach einmal an Euren 260. Geburtstag erinnert werden! Prosit!
Barbara Kaiser – 11. November 2019

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