Eine 40 Jahre alte Liebe

Kulturverein Bevensen hatte das Theater Detmold zu Gast

Man lebt doch nur akzeptabel, wenn man sich wenigstens ab und zu mal eingesteht, wie falsch so manches läuft, was man eigentlich für richtig hält. So ist das wahrscheinlich in jeder Beziehung. Die Kunst besteht wohl darin, die Kurve zu kriegen, miteinander zu reden vor allem. Harry und Lore sind 40 Jahre verheiratet und halten es so.

 

Das Theater Detmold gastierte auf Einladung des Kulturvereins Bevensen mit der Dramatisierung des Buches von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder. Der Roman „Alte Liebe“, das Gemeinschaftswerk der beiden Autoren, erschien 2009 und entging nicht der Mode, nun auch auf die Bühne gestellt zu werden. Die Gäste hangelten sich korrekt an der Textvorlage entlang – man müsste es also nicht sehen und vorerzählt bekommen, sondern könnte das Buch lesen.

Schlecht allerdings machen die zwei Akteure Kerstin Klinder und Jürgen Roth ihre Sache nicht. Szenen einer Ehe sozusagen, mit einer abwesend-anwesenden Tochter Gloria, die nicht so recht gelungen scheint. Und Enkeltochter Laura gleich ganz und gar nicht. Trotzdem sind Harry und Lore natürlich zur dritten Hochzeit ihres einzigen Kindes gefahren. Nach Leipzig. Wo der neue Schwiegersohn als einer der vielen Wessi-Invasoren seit der Wende im Baugewerbe sein Geld macht. Viel Geld.

So ist alles vom Feinsten, Standesamt und Kirche, Fressorgie inklusive. Hier aber sind sich Harry und Lore einig: Dies war unnötig und zu solchen Leuten wollen sie auch in ihrem Alter nicht gehören. Und ob Tochter Gloria nun glücklich wird? Das muss sie ganz alleine wissen! Obgleich die Eltern die Frage bewegt, wie es kam, dass sie unter diese Bande fiel. Wo ein weißes Nerzjäckchen zum Brautkleid gehört, Gloria aber bereits im zarten Alter von 14 ihre Eltern mit Tierschutz traktierte und Vegetarierin wurde. Tja, tempi passati – das sind leider vergangene Zeiten.

Wer das Buch kennt wusste, dass das Stück durchaus keine Komödie ist, wie es im Programm steht, denn Lore wird sterben. Die Charakterisierung „plötzlich und unerwartet“ trifft auf sie wie auf keine andere zu. Dabei hatten sie und Harry noch so viel vor im Ruhestand… Am Ende verhallt Harrys Ruf „Sag doch was!“, ohne eine Erwiderung zu erfahren.

Kerstin Klinder und Jürgen Roth vermitteln ihre so unterschiedlichen Figuren glaubhaft. „Er hat seinen Garten, kramt und macht und zupft, trinkt sein Bier und denkt – nichts.“ Sind wir glücklich, fragt sich Lore; um zu antworten: „Ist es schon Glück an sich, wenn es hält?“ Mit ihren Büchern ist sie ansonsten allein, Harry liest nur Zeitung.

In der Inszenierung von Jan Steinbach müssen sich die Darsteller nicht verbiegen, es hat den Anschein, als spielten sie sich selbst, als hätten sie diese Situationen auch auf dem heimischen Sofa oft genug diskutiert. Was will man aus der Beschreibung einer 40 Jahre alten Liebe auch anderes machen? Es ist vielleicht sogar Glücksgriff, dass die Regie nicht auf (überflüssige) Effekte setzte, nicht überdeutlich didaktisch agieren ließ und das Publikum nicht mit fingerzeigender Überdeutlichkeit anstrengte.

Langweilig aber war es schon deshalb nicht, weil jeder, ist er nicht gerade Single, ähnliche Konstellationen kennen sollte. So waren es insgesamt 100 unterhaltsame Theaterminuten. Das Buch sei allen aber dennoch ans Herz gelegt.

Barbara Kaiser – 09. Februar 2020

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