Ein vor allem buntes Leben

Zum Tode der Malerin Brigitte Jerosch-Dürfeldt aus Barum

Es war ein Lebensbuch. Ein Lebenswerk. Eine Summe. Wofür andere Rehkitz- oder Männerstatuetten mit Spaßgesellschaftsnamen in Goldplaque überreicht bekommen - Brigitte Jerosch-Dürfeldt überreichte sich derlei Ehrung in Form eines Buches selbst. Und sie beschenkte damals gleichzeitig uns, die wir ihre Arbeiten schon immer mochten. Das war im Jahr 2010.

In dem über 200 Seiten starken, liebevoll gestalteten Kompendium, versammelten sich Arbeiten zu verschiedenen Themenfeldern, die gleichzeitig Inventur waren. „Es müssten ja noch Sachen im Keller liegen“, sagte die Malerin damals und es klang ein klein wenig nach Verzweiflung. „Mir wird richtig schlecht, wenn ich dran denke, aber irgendwann muss man einen Strich ziehen.“

Jetzt hat der Tod der 79-Jährigen den Pinsel aus der Hand genommen. Ein endgültiger Strich ist gezogen. Das letzte Foto des Künstlerbuches, auf dem ein unfertiges Gemälde einer imaginären Unterwasserwelt zu sehen ist, unter dem steht „… und es geht weiter. 2010 bis …“ könnte mit „… bis 29. Oktober 2017“ Abschluss finden.

Die agile, immer fröhliche Frau hatte ihr Werk und ihr Leben geordnet über den Tod hinaus. Die Künstlerin aus Barum hatte Überblick hergestellt und Vereinbarungen getroffen. Sie hatte ihre Bilder aus 40 Jahren Gruppen zugeteilt, die solch anschauliche Titel tragen wie „Meine ländliche Umgebung“, „Mein Garten“, „Hafen Hamburg“, „Früchte und Stillleben“, „Reunion und Australien“ oder „Das Apfelthema“.

„Äpfel sind mein Schönstes“, resümierte Brigitte Jerosch-Dürfeldt, um allerdings gleich zu ergänzen: „Die Frankreich-Aquarelle, ach, als ich die wieder gesehen habe…“ Oder: Der Hamburger Hafen, „bei jedem Wetter hab` ich da gesessen.“ Aber „mein Lieblingsthema ist Reunion.“ Es hörte sich an, als tauche sie nach der Inventur aus dem tiefen Brunnen gelebten Lebens auf und blicke zufrieden um sich. Und das war sie wohl auch.

Ich durfte Brigitte Jerosch-Dürfeldt seit fast 20 Jahren in ihrem Schaffen begleiten. Die Erinnerung an das erste Miteinander ist präsent wie kaum andere Begegnungen: Für eine Ausstellung großer Acryl-Früchte-Stillleben in einer verklinkerten Werkhalle sollte eine Zeitungsseite entstehen. Beinah sofort hatte ich mich in die Arbeiten verliebt. In den glühenden Kirschzweig, den prallen Kohlkopf, den einladenden Früchtekorb. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nichts von den anderen Bildern: Von den zauberhaft-zärtlichen Aquarellen, von den liebevollen Menschenporträts, den lebendigen Skizzen. Von den explodierenden Australienarbeiten konnte ich noch nichts erfahren haben, weil die Reise da noch bevorstand…

Jerosch mit Regenwaldbild und Hund Käte. Fotos: bk

Brigitte Jerosch-Dürfeldt hatte sich nie einsperren lassen in ihre Sehnsüchte und Wünsche. Sie setzte sich der Welt stets aus, um sie so zu verstehen. Sie gewann ihr Publikum mit ihren Bildern, die intensiv sind wie ein Kammerstück, dazu ehrlich und authentisch. Manchmal sind sie so schön, dass es beinahe optischen Stress bedeutet, sie zu betrachten. Nie jedoch ist dieses süße Ziehen klebrig.

Jerosch-Dürfeldts künstlerische Laufbahn begann als die einer grafischen Zeichnerin. Gebrauchsgrafik sagte man zu diesen Produkten. Was ein abschätzig klingendes Wort für einen wertvollen Beruf ist. Aber die Künstlerin blieb eine zutiefst grafisch, primär mit präzisen Linien gestaltende Künstlerin, die ihre Werke von ihren Mitmenschen gebraucht sehen wollte. Auch wenn sie sich längst Malerei, also Farbigkeit und Körperlichkeit, mit nachdrücklichen Erfolgen hinzugewann Ihre Bilder sind farbenfrohe Schöpfungen voller explodierender Lebensfreude.

Im Barumer Haus, 2010

Ganz so viel Lebensfrohsinn hatte das Schicksal zu Beginn nicht bereit. Im Jahr 1938 in Stagard/Pommern geboren, mit zwei Geschwistern aufgewachsen, hat sie kaum eine Erinnerung an ihren Vater, der im Krieg blieb. Als Flüchtlinge kamen die so amputierten Familienmitglieder in den Kreis Uelzen, nach Hanstedt I. Und auch wenn das Leben schwer war, als Fremde, die überall zu stören schienen, hatte sich die Mutter ihre Heiterkeit bewahrt, wofür die erwachsene und selbst lebenserfahrene Tochter ihr immer dankbar blieb.

Groß geworden mit dem Satz: Ihr müsst immer in den Spiegel sehen können – also die Aufforderung zur Ehrlichkeit und Selbstachtung – wusste das Mädchen sehr zeitig, dass sie „etwas mit Malen und Zeichnen“ werden wollte. Sie verzweifelte auch nicht, als mehr als 50 Bewerbungen erfolglos blieben. Im Jahr 1956 klappt es aber endlich in Hannover, wahrscheinlich, weil sie dort immer noch mit frappierender Naivität ins Vorstellungsgespräch ging und sich auch nicht der Dürftigkeit ihrer winzigen Arbeitsmappe bewusst war. Vielleicht wurde sie gerade deshalb angenommen.

"Klassenfoto 1949", 2012

Bis 1959 lernte sie also „Grafische Zeichnerin“. Danach folgte das Studium in Hannover und Hamburg. Finanzieren konnte sich die junge Frau ihre Ausbildung selbst, indem sie nachts arbeitete am Tage studierte. „Es war `ne harte Zeit...“ Nach dem Studium begann sie als Freie in der Werbung in Hamburg. Mit großem Erfolg war sie letztlich für alle großen in der Hansestadt ansässigen Firmen tätig. Die im Jahr 1980 geschlossene Ehe hielt. Wenn auch nicht immer zusammen gelebt, bewahrten beide Partner bis zum Tode des einen die Achtung vor- und die Sorge füreinander. Das genannte Künstlerbuch ist „meinem Albrecht“, wie Brigitte Jerosch-Dürfeldt über ihren Mann sprach, gewidmet.

Spätestens als Brigitte Jerosch-Dürfeldt in den Landkreis ihrer Kindheit zurückkam und sich sogar mit 60 Jahren (!) noch ein Haus baute, beschloss sie auch, ab jetzt nur noch das zu malen, was ihr Spaß machte. Und es waren die großen Formate, die es ihr angetan hatten. „Ich liebe große Bilder, weil man da reingeht. Man wohnt dann drin. Wenn ich davor stehe, sehe ich nichts anderes. Bei einem kleinen Bild können Sie weggucken“, ist ihre Begründung dafür. Nun gut, auch bei Brigitte Jerosch-Dürfeldts kleineren Bildern wäre keiner auf die Idee gekommen, wegzugucken.

Es sind meist wunderbare Aquarelle, die aus Farbe, Licht und Schatten Plastizität modellieren. Anmutig und freundlich. Das bevorzugte Sujet ist die Natur, aber auch Menschen einer fernen Insel im Indischen Ozean.
Ihre großen Acrylbilder aber, die Blumen und Früchten in Überdimensionalität huldigen, sind das, was für viele Jerosch-Dürfeldt-Kenner atemberaubenden Genuss ausmacht.

Tulpen, Acryl

Angesichts postmoderner Beliebigkeit, bei der sich alles Kunst nennt, was Materialien schichtet oder umschichtet, machen diese Bilder deutlich, dass wirkliche Kunst aus (akademischem) Können entsteht und dass ihr Anliegen ist, Sinnbilder zu erschaffen. In den Werken der Barumer Künstlerin war die tiefe Ehrfurcht vor der Schöpfung stets ebenso zu spüren wie ein leises Erschrecken vor ihrer Vergänglichkeit.

Hier wird kein Umweg über die Verfremdung gemacht, das Annähern nicht erschwert durch reflektierende Distanz. In den Bildern blüht es wollüstig, lockt der Genuss, verzaubert ein ganzer Garten Eden voll poetischer Begierde. Melancholisches von Isolation und Konfusion war der Künstlerin Ding nie, genauso wie dieser Malerei Hintergründiges und dramatische Augenerlebnisse fremd sind. Jerosch-Dürfeldt erarbeitete sich den inneren Zusammenhang der Welt, fand so Beständigkeit als Absage an die forteilende, flüchtende Zeit.

Ihre Acryltechnik kam den Motiven entgegen. Aus vielen Farbschichten bestehend, gaukeln die zweidimensionalen Bilder Dreidimensionalität vor, scheint magisches Leuchten tief aus dem Inneren zu kommen. Ihre Quitten, Äpfel, Trauben, Aprikosen und Beeren sprengen den Rahmen fast, sind ästhetische Paradiese; die Kinder Floras, Amaryllis, Mohn, Iris, Strelitzie, gebärden sich fleischfressend. Zuschauerverschlingend.

Ja, man kann in die Bilder „hineingehen“, eintauchen wäre vielleicht das treffendere Wort. Und man kommt als Betrachter ein bisschen zufriedener, beseelter gar, wieder daraus hervor. Trotz oder vor allem wegen des Bewusstseins, dass diese (Um) Welt geschundener ist, als die Bilder sie vermitteln. Und trotzdem ist es keine Kunst, die sich am Zustand der Welt vorbeikünstelt. „Was nützt es mir und dem Betrachter, wenn ich male, dass die Depressionen größer werden?“, war Jerosch-Dürfeldts Lebensphilosophie. Eine berechtigte Frage, auch wenn wir darüber nicht zu einem Konsens fanden.

Brigitte Jerosch-Dürfeldt hat sich trotz allen „Schönblicks“ auch sozial engagiert. Sie war als Kind schon der Meinung, dass, wenn es ihr gut geht, sie etwas davon was abgeben müsste. „Es kommt ja auch so viel zurück“, war sie sich sicher.
Die Künstlerin war Mitglied bei den Soroptimistinnen, werktätige Frauen, die soziale Projekte fördern. Und sie sorgte sich um den künstlerischen Nachwuchs, wohl der Zeit eingedenk, in der sie es selber nicht leicht hatte. Sie sammelte Geld am Rande der Ausstellung „Wasserkunst“ für einen Brunnen in Kambodscha. Und sie malte, malte, malte.

Vernissage des Kunstvereins, 2016

Alles, was sie interessierte. „Ich denke eigentlich von vielen Bildern, dass sie nicht verkaufbar sind.“ Das Pekuniäre war also sekundär, obwohl auch Brigitte Jerosch-Dürfeldt von ihrer Kunst leben musste. Aber wenn dann manchmal jemand kam, der von ihr ein Bild erworben hatte und erzählte, dass es täglich neue Freude mache, es zu betrachten, dann war sie froh. Es kommt eben wirklich vieles zurück. Als schönster Lohn, als bestes Kompliment.

Die Künstlerin hatte die Gabe, neugierig zu bleiben, auch auf sich selbst. Sie würde es nie zugelassen haben, dass sie sich langweilt. Dabei war sie ganz offensichtlich mit sich in einem fast beneidenswerten Gleichgewicht. Und: „Ich habe eigentlich mein ganzes Leben gearbeitet. Ich kann gar nicht aufhören.“ Aber das ist eben um so viel leichter, wenn man für eine Sache brennt.

Ihre letzte große Arbeit, die Inventur, das Werkbuch folgte der Hegelschen „List der Vernunft“, nach der das Gesamtbild in der Rückschau stimmen und Sinn machen muss, auch wenn manches Einzelteil nicht zu passen scheint. Brigitte Jerosch-Dürfeldt war immer darauf bedacht, Lösungen zu finden, nicht, Probleme zu definieren. Für ihr gelebtes Leben hieß die „Lösung“, die Bilanz, dass sie aus der Fülle der Möglichkeiten, die im Alter ohne Zweifel abnimmt, so entschieden wie zurückhaltend geschöpft hat; gefeit gegen die Anfechtungen des Selbstdarstellertums, das bei anderen Präsenz ersetzen soll.

So habe ich die Künstlerin kennengelernt. „Ein Porträt ist keine Abbildung, sondern eine Meinung“, war sich der Fotograf Robert Capa sicher. Das gilt mehr als anderswo für das geschriebene Wort. „Ab einem bestimmten Alter sind alle Wege Wege nach Hause“, sagt der Dichter Stephan Hermlin. Brigitte Jerosch-Dürfeldt war schon lange zu Hause angekommen. In Barum. In ihrer Kunst. Der ab jetzt nichts mehr zuwächst, die abgeschlossenes Gebiet bleiben wird.
Barbara Kaiser – 1. November 2017

1 Antwort

  1. Der BBK Uelzen und auch ich persönlich bedanken sich bei Barbara Kaiser für die sehr einfühlende und treffende Würdigung von Brigitte und ihrem Werk. Danke ! Georg Lipinsky

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