Ein Sound zum Niederknien

Fünftes St.-Marien-Sommerkonzert mit Saxophon und Orgel

Frank Lunte und Henning Münther waren im fünften St.-Marien-Sommerkonzert zu Gast, spielten sich durch musikalische Weltliteratur und stellen die Autorin dieser Zeilen vor die  unlösbare Aufgabe, mit anderen und vielen Worten zu sagen, wie wunderbar es war. Orgel und Saxophon (es sträubt sich die Tastatur, dieses Zauberinstrument nach der neuen Rechtschreibung mit „f“ zu setzen!) – was für eine Paarung!

Es können mehr als 100 Besucher gewesen sein und Programme fürs Konzert mussten eilig nachgedruckt werden. Das Duo Lunte/Münther hat in dieser Stadt einen Klang, der Qualität, Abwechslung und Virtuosität verheißt. Dieses frühere Versprechen lösten die zwei Instrumentalisten wiederum ein.
Was eine Orgel kann, weiß jeder. Sie stellt zwischen zartem Glockenspiel und Donars Donner alles. Ein Saxophon ist jedoch genauso wenig zu verachten; besitzt es doch die Fähigkeit zu schluchzen, zu spotten, zu schmachten. Was aber Orgel und Saxophon im Duett zu leisten vermögen – war phänomenal!

St. Marien 5. SoKo Saxofon Frank Lunte_bearb

Fotos: Barbara Kaiser

Es ließe sich episch lang schwärmen. Über die sanft-weichen Ansätze des Saxophonisten, seine Läufe voller Leichtigkeit oder ein elegisches Legato, das bedenkend traurig  daher kommt, aber an keiner Stelle sentimental ist. Über eine Orgel, die trotz brillanter Schnörkel nie dominieren will. Das Zusammenspiel von Lunte und Münther  passierte auf den Punkt.  Traumwandlerisch sicher musizierte das Duo mit Humor, Verve und ganz, ganz großem Können.

Mit einer faszinierenden Instrumentierung der bekannten Stücke  entfalteten die zwei Solisten die ganze Sinnlichkeit der Noten. Wie konnte man beispielsweise den Walzer Nr. 2 von Dmitri Schostakowitsch davor anders denken als in dieser Paarung? Das totgespielte Stück erwachte zu neuem Leben, stellte neue Nuancen vors Ohr. Im schönen Humm-Ta-Ta der Drehorgel – man dachte an Dr. Schiwago, nicht an die selbstvergessene Wiener Walzerseligkeit. Das hatte Fröhlichkeit und russische Schwermut gleichermaßen.

Frank Lunte und Henning Münther spielten sich durch Noten des 19. und 20. Jahrhunderts. An der Orgel ein sanft gleitender „Schwan“ von Camille Saint-Saëns, Münther hielt das dazu gehörende Wellengeplätscher nahezu lautlos. Am Saxophon „Le Carnaval de Venise“ von Franck de la Méche (*1968), das wir als „Mein Hut, der hat drei Ecken kennen“. Lunte spielte die Variationen als wüste Chromatik, augenzwinkerndes Moll-Andante, das unmittelbar darauf ins Prestissimo davonraste.

St. Marien 5. SoKo Orgel Henning Münther_bearb

Als wäre es füreinander komponiert, erklang ein Medley aus Leonard Bernsteins „Candide“ – das ist der, der nach Voltaire die beste aller Welten sucht -, dem „Jupiter“ aus Gustav Holsts „Planeten“-Musik, das „Star Wars“-Film-Thema und Edgar Elgars „March Nr 1“ aus „Pomp and Circumstance“.
Davor hatte Henning Münther seinen Soloauftritt mit der Toccata in h von Eugéne Gigout (1844 bis 1925). Sich wiederholende Erkenntnis: Die französischen Orgelkomponisten können es eben am besten! Henning Münther aber auch.

Uneitel, hochvirtuos, handwerklich geerdet. Nie akademisch, sondern farbig, lebhaft und plastisch – es fiele einem noch mehr Lobendes ein zu diesem fünften St.-Marien-Sommerkonzert.
Zum Schluss gab es Noten zum Dahinschmelzen: Drei Titel aus der „West Side Story“. Es war mucksmäuschenstill in der Kirche, ehe das Saxophon den ersten Ton von „Maria“ intonierte. Voller Zärtlichkeit, anrührend, zum Niederknien oder Augen schließen. Das flott-lärmende „America“ vollendete eine Stunde, die weiterer, eigentlich überflüssiger Beweis war, was Musik mit uns zu machen in der Lage ist. Langer, langer Beifall am Ende.

Am kommenden Samstag, 6. August, spielt um 16.45 Uhr Christoph Schoener aus Hamburg die Orgel als Solist. Er widmet sich Original, Variation und Bearbeitung – ein spannendes Thema.
Barbara Kaiser – 31. Juli 2016

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