Ein Schelm wird 80

Georg Lipinsky zeigt anlässlich seines Geburtstages neue Bilder

Es ist alles ganz neu! Corona machte es möglich, dass der umtriebige Georg Lipinsky zu Hause blieb und vor sich hin arbeitete. Dazu kam die Mahnung in Form einer Krankheit, dass Lebenszeit nur Frist ist. Das ist sie mit 80 Jahren sowieso mehr als in jedem anderen Alter davor, aber zwiefaches Bedenken und das Jubiläum hat uns jetzt mit dieser Ausstellung beschenkt.

Der Rechte - Der Linke

„Uelzener Legenden“ nennt der Künstler die mehr als 20 großformatigen Bilder und 34 Plastiken. Die kleinen Skulpturen aus Ton sind Archetypen. 1:1000 sagt Lipinsky dazu – 34 Stück zu 34 000 Einwohnern Uelzens. Und sie sind alle da! Die R-UE-delsänger kommen zu dritt, mit Akkordeon, Gitarre, Liederbuch und inbrünstig aufgerissenem Maul. Der Bürgermeister – natürlich. Die CDU-Wählerin mit Raute formenden Händen, der Rechte mit „Heil“-Arm, der Linke mit Marx-Antlitz und geballter Faust. Wer bei der Kulturdame Assoziationen hat, sollte sie zulassen… Sie sind ein Spaß, mit dem Lipinsky sich ausgetobt hat. Dass er dabei auch ganz viel über sich erzählt, bleibt dem Betrachter nicht verborgen.

Georg Lipinsky wird am 11. August dieses Jahres 80 Jahre alt und hat sich ein Jahr lang auf die Ausstellung vorbereitet. Obwohl er eigentlich nicht mehr auf jeder Hochzeit tanzen wollte, sollte es natürlich eine Vernissage geben mit allem Brimborium. Kein Mensch kann schließlich über seinen Schatten, und der Georg braucht die Öffentlichkeit! So aber wird die Exposition, die bis zum 31. März 2021 in den Räumen des Neuen Schauspielhauses an der Rosenmauer zu sehen sein wird, am Samstag, 15. August 2020, um 17 Uhr, nur „aufgeschlossen“. Der Künstler ist natürlich anwesend – ansonsten  herrscht Corona.

Aber vielleicht hat diese Situation den Bildern noch einmal eine besondere Tiefe und Nachdenklichkeit gegeben. Nicht, dass sie Lipinsky abzusprechen gewesen wäre bis hierher, aber persönliche Umstände und Betroffenheit machen etwas mit einem. Und so ist Lipinsky leiser. Nicht unkritischer, aber vielleicht noch nachdenklicher.

Außerdem beherrschte der Künstler, der sich in der Hauptsache der Collage verschrieb, den Grat zwischen feinem Geist und grobem Ton. Er ist einer, der nichts vor allem zuerst für sich tun kann, der, was er für sich tut, immer auch für andere ins Werk setzen will. Es muss ihm manchmal wehtun, wie taub und blind die Menschen sind angesichts auch seiner Bilder, seiner Warnungen. Nicht umsonst sind die berühmten drei Affen eines seiner Lieblingsmotive.

Das verrückte Huhn

Das Plakat zur Ausstellung eröffnet eine ganze Welt und es ist Reinhard Schamuhn gewidmet! Schließlich darf sich Lipinsky in dessen Theaterchen tummeln. Das „verrückte Huhn“ ist nun auch schon sieben Jahre tot, aber wenn man in den Räumen des Neuen Schauspielhauses weilt, scheint er gleich um die nächste Ecke zu kommen. Immer noch.

Der Schamuhn auf dem Bild hält einen Zauberstab in der Hand, denn verzaubert waren wir so manches Mal vor seiner Bühne. Er stützt sich zudem auf einen Nachtwächterstab, auf dem eine Eule sitzt, nein, es ist wohl eher ein Kauz. Klar, ein komischer Kauz war der „Schamane Schamuhn“ auch manchmal, aber wohl immer ehrlich. Im Hintergrund lehnt St. Marien und ein Kahn – nicht das Goldene Schiff – schaukelt, über alle Toppen geflaggt, im Wasser. Zwei Hühner, eins gluckt auf einem Küken (vielleicht die Nachfolger im Haus) ergänzen die Komposition und: eine rote Fahne, eher ein Wimpel, mit Stern. Es könnte die chinesische sein, so viel Provokation leistet sich Lipinsky. Das ist ja der Lohn des Alters: Souveränität.

Hoffmanns Erzählungen

Und so werden auf allen Bildern Geschichten erzählt, wie die Uelzener einem Künstler ihren Bahnhof als Spielplatz überließen zum Beispiel oder wie Friedrich Kuhlau der Stadt die Flötentöne beibrachte. Mit eher mäßigem Erfolg, schaut man auf das Marketing der 750-Jahr-Feier. Denn warum um alles in der Welt gibt es da als Maskottchen einen Löwen, wo jeder weiß, dass es Braunschweigs Figur ist? Und warum steht quer über den Bannern, dass wir das Jubiläum feiern „Jeder für sich“ (am Rathaus und am Kreisverkehr Hammersteinplatz)? Das ist ein Gag, der nach hinten losgeht, denkt man erst einmal darüber nach!

„Die Bilder erklären sich von selbst“, sagt Georg Lipinsky, „denn sie haben einen Text.“ Das setzt natürlich voraus, dass sich der Betrachter Zeit lässt und den Verstand benutzt. Und: „Die Bilder sind im  Kopf auch Collagen, denn es sind Dinge zusammen darauf zu sehen, die eigentlich nicht zusammen gehören.“

Altstadtidyll

So kann man also auf die Reise gehen ins „Altstadtidyll“ oder auf den „Sonntagsspaziergang“. Kann bei „Hoffmanns Erzählungen“ an den Heidewanderer und den dafür verantwortlichen Redakteur denken oder bei „Kuh-lau“ sinnieren, wie der Künstler den gleichnamigen Wettbewerb einschätzt. Farbenfroh, hintersinnig und sehr lebendig – das sind die Arbeiten von Georg Lipinsky anlässlich seines 80. Geburtstages. Herzlichen Glückwunsch! Siehe auch „Barftgaans“, Ausgabe 07/08-2020.

Barbara Kaiser – 11. August 2020

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