Ein Macher voller Energie

Zum Tod des ehemaligen Kreishandwerksmeisters Jürgen Kudritzki

Ein weiteres Beispiel dafür, dass man nichts aufschieben soll, ist die betroffen machende Nachricht vom Tode Jürgen Kudritzkis. Erst kürzlich hatte ich gedacht, ich müsste ihn wieder einmal anrufen und fragen, wie es ihm geht. Wir hatten früher beruflich viel miteinander zu tun. Als Jürgen noch Kreishandwerksmeister war.  Immer gab es einen Schnaps und einen Schnack über die Welt. Jetzt ist Jürgen Kudritzki tot.

Jürgen Kudritzki: 1944 - 2020

Als ich ihn im Jahr 2004 für meine Interviewreihe „Ganz privat“ in Wrestedt  besuchte, entrümpelte er gerade sein Leben. Er war gerade 60 geworden, wobei er selber nicht zu fassen schien, wie schnell Leben vorüberrauscht. Mit „Simplify your live“ wie es auf neudeutsch und auf zahlreichen Buchdeckeln heißt, ging er ernsthaft Veränderungen an.

Beim Kreishandwerksmeister, der für seine Energie bekannt war, trug das Unternehmen Früchte. Als erstes hatte er den alten Sessel, in dem er regelmäßig vorm Fernseher einschlief, aus dem Fenster gekippt. Danach Kleider- und Bücherschrank nach Nutzlosem durchforstet und sich rigoros getrennt. Termine plante er längerfristig und ließ sie sich nicht mehr durch andere oktroyieren. Die Flimmerkiste blieb öfter aus.

Vor allem seine Frau Melitta freute sich über diese Aktivitäten, die der Ehemann auf einschlägigen Hörbüchern vorgesagt bekam, denn als kostbarstes Ergebnis gab es einen freigeschaufelten Tag in der Woche für gemeinsame Unternehmungen. Einmal Ostsee zum Beispiel. „Meine Frau will Wellen und Meeresrauschen, soll sie haben!“, zeigte sich Kudritzki generös. Damals wusste der Fleischermeister nicht, dass er nur noch 16 Jahre Zeit haben würde für diese Art des entspannten Daseins.

Er widmete sich auch Dackeldame Lulu, die ihr Herrchen „mein liebster Dackel“ nannte. Das Zusammenleben sah aber eher nach Tyrannei aus. Nach Despotie auf vier Pfoten unter Zuhilfenahme zweier brauner Knopfaugen. Kudritzki hatte sich das Tier zu seinem 50. Geburtstag gewünscht, aber die Liebe war gegenseitig.

Jürgen Kudritzki wurde im Thüringischen geboren, in Heiligenstadt; auch wenn er sich nicht festlegen wollte, dass in Thüringen die beste Wurst gemacht wird. Im Jahr 1949 zog die Familie in die väterliche Heimat, in das Haus in Wrestedt, wo im Jahr 2004 das Hochzeitsbild im A3-Format an der Wand hing, das einen schicken, jungen und schlanken Jürgen Kudritzki im Jahr 1966 zeigt. Ja klar hätte man damals heiraten „müssen“, lachte er damals.

Gemütlich hat es Jürgen Kudritzki in seinem Leben eigentlich nicht gehabt. „Ich hätte gerne länger gelernt“, bekannte er. Und es habe ihn wütend gemacht, dass er, weil zu viele den Englischkurs in der Schule besuchen wollten, nicht mitmachen durfte. „Du brauchst sowieso kein Englisch, du machst ja mal Teewurst“, war das sehr unpädagogische Argument für die Abweisung. Seine Lehr- und ersten Gesellenjahre verbrachte der Wrestedter in mehr als ein Dutzend Stellen in Bremen, Westfalen, Hannover und Niedersachsen. Seit 1970 führte er den väterlichen Betrieb und er war ein Kreishandwerksmeister, der eine unglaubliche Kraft für dieses Amt mitbrachte. Dass er respektiert war, konnte man nicht nur bei jeder Dreikönigstagung beobachten.

Kudritzki war ein Familienmensch, diese Aussage klang aus seinem Munde überzeugend. Und es hatte auch seinen Grund in der Familie, dass er „die Augen nicht zumachen kann, wenn es anderen schlecht geht.“ Jürgen Kudritzki redete nicht gern über sein soziales Engagement. Aber ohne ihn an dieser Stelle wäre das ganze Projekt Woltersburger Mühle vielleicht gar nicht, viel schwerer oder anders in die Gänge gekommen.

„IDA ist auch so ein Herzenskind von mir“, sagte der Geschäftsmann, der trotzdem zuerst Mensch war. Und mit IDA (Integration durch Arbeit) und die Freundschaft zu Gerard Minnaard hatte ja alles angefangen.

Er habe auch keine Ahnung, wie es gehen solle, sagte Kudritzki einmal unter vier Augen zu mir, aber der Minnaard sei einfach so voller Feuer und so überzeugend. Und was herausgekommen ist – davon kann sich jeder Besucher der Woltersburger Mühle überzeugen. Am Anfang war da eine Vision – von Pastor Minnaard. Und ein Handwerksmeister, der mit vielen Kollegen mit zog.

Kudritzki hatte als Kreishandwerksmeister (1993/2009) immer die Leute zu überzeugen gesucht, sich zu engagieren. „Natürlich brauchen wir auch die Politiker, weil wir als Handwerker eine Lobby brauchen“, war er sich sicher. Aber selber brauchte er „das Politische nicht so.  Ich habe meine Handwerker.“ Und Jürgen Kudritzki hatte seine Melitta, seine couragierte Frau, mit der er seit 54 Jahren verheiratet war.

Jürgen Kudritzki ist tot – das bleibt unverhandelbar. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Mann, der zupacken und zuhören konnte und ein wunderbarer Mensch war.

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