Ein komplexes Kunstwerk

Zur Ausstellung der Studentengruppe von Prof. Nader Ahriman der Kunsthochschule Berlin-Weißensee im Kunstverein Uelzen

Er habe den Studenten keine Hausaufgabe stellen wollen, sagte Professor Nader Ahriman auf die Frage nach dem Thema der Ausstellung im Gespräch. Vielmehr hätten sie „über die Idee nachdenken“ sollen, „wie objektiv man in der Malerei sein könne.“ Sie sollten wahrnehmen und agieren. Nicht interpretieren. Sie sollten sich beschäftigen. – Vielleicht auch spielen? Nach Schiller, wo der Mensch nur ein solcher ist, wo er spielt. Sich frei entfaltet.

Prof. Nader Ahriman          Fotos: Barbara Kaiser

Das Ergebnis war Mammutarbeit: 20 Studierende beschäftigten sich mit Honoré de Balzacs großer Künstlererzählung „Das unbekannte Meisterwerk“ aus dem Jahr 1831. Die Uelzener Ausstellung trägt den verwirrenden, aber logischen Titel „ -188 + x(Balzac)“. Was nach Mathematik aussieht, löst sich auf in: Vor 188 Jahren erschien die Novelle, daraus machten die Studenten x Varianten; ganz nach ihrer künstlerischen Sicht, ihrem Verständnis des Textes und Balzacs Auffassung von der Kunst. Keine Hausaufgabe – siehe oben -, sondern ein Ausprobieren. Eine „fundamentale Auseinandersetzung mit dem, was wir lieben“, nannte es die Vernissagerednerin, die Studentin Clara Pistner.

In diese erklärende Einleitung gehören zwingend ein Wort zur Organisation und eins der Dankbarkeit an alle Helfer und Sponsoren. Es waren 20 Studenten und ein Professor aus Berlin für den Aufbau und zur Vernissage der Exposition zu transportieren. Das Büfett nach der Eröffnung stand ebenfalls. Rundherum zufriedene, obgleich auch erschöpfte Gesichter. Der Aufwand jedoch hat sich gelohnt! „Es ist ein Gesamtkunstwerk!“, resümierte Renate Schmidt, die zweite Vorsitzende des Kunstvereins.

Honoré de Balzacs Werk ist Weltliteratur: Im Paris des 17. Jahrhunderts lässt der Dichter den jungen Maler Nicolas Poussin und den bereits etablierten Porbus (Hofmaler Heinrich IV.) auf Frenhofer treffen. Die beiden ersten sind historische Personen, der alte Frenhofer ist fiktive Gestalt. Der arbeitet seit zehn Jahren an einem Frauenporträt, das alle, brennend interessiert, zu Gesicht bekommen wollen. Der junge, ehrgeizige Poussin bietet dem Meister dafür sogar seine Geliebte Gilette als Modell an. „Ein unmoralisches Angebot“ lange vor dem US-Film mit Demi Moore und Robert Redford!

Als Frenhofer das Bild nun wirklich enthüllt, sehen die Betrachter nur übereinander geschichtete Farben und wirre Linien. Nur ein einsamer Frauenfuß ragt aus dem Chaos. Selbst der Alte erkennt das Misslingen. Keine Vollkommenheit, nirgends. Er vernichtet alle seine Bilder und stirbt. Komplexer kann Scheitern nicht sein! Sein Streben nach Perfektion, dem antiken Bildhauer Pygmalion vergleichbar, der sich in die selbst geschaffene Statue verliebte, endet tragisch. Pygmalion hatte da mehr Glück.

Was aber haben nun die Studenten aus dieser Künstlererzählung gemacht?
Die Bilder sind so vielfältig wie die Menschen, die sie erschufen. Und wenn wir es nicht schon vorher gewusst hätten, hier wird es noch einmal deutlich: Es gibt keine objektive Kunst.
Vielleicht trifft es Dana Kirijak mit ihrer Erklärung recht gut, dass für sie Balzacs Text erklärt, „warum uns Künste aller Art seit Jahrtausenden fesseln und faszinieren.“ Weil der Mensch sich zwischen den Polen bewegt, zwischen Leben und Tod, Realität und Illusion, Wissen und Nichtwissen. Und wenn das Gefühl noch dazu kommt, ist das Chaos perfekt. Solch ein Chaos ist auf ihren Bildern zu sehen, einmal in Blau, einmal in Violett. Es sind großformatige Farbkompositionen, die schmücken. In die man sich hineinziehen lassen kann, wenn man sich durch Blau und Violett nicht abgestoßen fühlt.

Dana Kirijak

Adrian Redetzki dagegen installierte einen Tapeziertisch mit verschiedenen Utensilien, die ein Maler braucht. Nicht nur der Künstler, auch der Handwerker. Schon die Auswahl der Werkzeuge und Materialien zielt nach Redetzki auf das Ergebnis, den Effekt. Er vergisst nicht, dass Kunst auch Handwerk ist, sein muss.

Viktoria Maliar schuf zwei, Scherenschnitt-Silhouetten nicht unähnliche, Porträts, vor denen sie sich fragte, welche Gefühle sie hat für die Menschen, die sie malt(e).
Man sagte ja den einst modernen Schattenrissen nach, man erkenne die Persönlichkeit des Abgebildeten darin. So saß Goethe vor dem der Frau von Stein, das ihm ein Freund geschickt hatte, sinnierte über den Charakter Charlottes, beschrieb sie als eine Schönheit mit besonderen italienischen Zügen und einer feinen, tiefgründigen Empfindung. Er sei gespannt, sagte er noch vor der ersten Begegnung, wie sich die Welt in dieser Seele spiegele.

Paula Schwabe

Ganz anders die Arbeit von Noonish Ravanshadi. Die ist einer Kinderzeichnung vergleichbar, mit Herzchen und einem Springbrunnen. Einem Regenbogen und einem zierlichen Frauenfuß (woran man das „Meisterwerk“ von Balzacs Maler erkennt). Er habe sich eine Frau vorgestellt, erklärt er dazu, deren Rolle zwischen Modell und Geliebter oszilliere. Wahrscheinlich will diese junge Frau gar nicht des Malers perfekte Schönheit sein, sondern geliebt und geachtet werden. Davon ist man im 17. Jahrhundert aber weit entfernt.

Interessant die Erklärung von Finn Carstens zu seinen Bildern: Er beschäftigte sich mit dem Narzissmus, „der zwanghaften Suche nach Selbstbestätigung ohne Selbstreflexion.“ Das scheint ja eines der Grundübel dieser Epoche zu sein! Carstens zeigt auf seinen Arbeiten ein posierendes „Ungeheuer“ und einen sich spiegelnden Menschen, der auf einem Wesen reitet, das man nicht definieren kann.
Er zitiert dabei auch den Film „American Psycho“ aus dem Jahr 2000, in dem der attraktive Brooker Patrick, der alles hat, was das Herz begehrt, wahllos mordet und verstümmelt.

Diese Ausstellung des Kunstvereins war sicherlich ein Experiment. 20 Studenten, die zu einem Thema arbeiten und dann gemeinsam ausstellen – das passiert nicht so oft. Und es ist auf diese Art und Weise auch alles dabei: Appellative Signalhaftigkeit, vielfältige formale Einfälle, Manifestationen von Charme und Poesie, auch handwerkliches Bestreben.

Es gilt einmal mehr vor diesen Bildern: Kunst gibt es nicht als Ideal, als objektive Abbildung oder Schau in die Welt. Hier gelten keine Eindeutigkeitsadjektive. Kunst ist Wegweiser ins eigene Empfinden. Meditation statt Kalkül.
Leider ist es ja heutzutage viel zu oft so, dass Literatur, Musik oder Kunst nur über sich selbst reden will oder kann. Das Selbsterfahrene gilt, anderes, Fremdes, ist nicht Gegenstand der Verhandlung. Es ist das Schöne an dieser Kunstvereinsausstellung, dass es eine Auseinandersetzung mit Früherem gibt. Mit der Novelle und Balzacs Auffassung, was Kunst vermag oder eben auch nicht. Das macht die Schau sehenswert jenseits anderer Nabelschauen dieser Welt.

Geöffnet ist das Schloss Holdenstedt donnerstags bis sonntags von 14.30 bis 17 Uhr, sonntags von 11 bis 17 Uhr. Gruppenbesuche können abgesprochen werden mit Renate Schmidt, Telefon 0581/76675 oder 0170/3325029.
Barbara Kaiser – 20. Mai 2019

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