Ein Hoch auf Shakespeare!

Premiere am Theater Lüneburg: Alle 37 Werke des großen Briten an einem Abend

Mit einem guten Dichtertext kann man alles machen. Der hält so manches aus, auch über die Jahrhunderte. Mit Schillerjamben zum Beispiel oder Goethehexametern. Und natürlich mit Shakespeareversen! William, der „Schwan von Stratford on Avon“, immer noch der Jubilar des Jahres, weil er vor 400 Jahren starb. Das Theater Lüneburg hat sich „Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“ auf den Plan gestellt. Alles auf einen Ritt, ist ein Aufwasch.

Auf die Idee, eine „Reduced Shakespeare Company“ (RSC) zu gründen, können eigentlich nur Amerikaner kommen. Der Schauspieler Daniel Singer spielte 1981 in Kalifornien als Straßenkünstler den „Hamlet“ in 30 Minuten. Das darf man für fünf Akte mit 4042 Zeilen mutig und einen Rekord nennen. Als die RSC-Truppe sieben Jahre später beim Edinburgh Fringe Festival, den weltgrößten Kunstfestspielen in Schottlands Hauptstadt, erstmals die 37 Tragödien, Historien und Komödien des Meisters bündelte, war das ein umwerfender Erfolg. Seitdem ist der „leicht gekürzte Shakespeare“ ein Dauerbrenner.

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Fotos: Barbara Kaiser

Auf der Studiobühne in Lüneburg stehen Martin Andreas Greif, Felix Breuel und Martin Skoda. Los geht`s mit „Romeo und Julia“! Man fragt sich angesichts der ausführlichen Darstellung allein dieser Liebestragödie als Zuschauer besorgt, wie lange sich der Abend wohl dehnen würde. Aber keine Sorge: In 130 Minuten ist der gesamte Shakespeare gegessen, und da ist die Pause schon dabei.

lg-shakespeare-martin-skoda_bearb lg-shakespeare-martin-andreas-greif-2_bearb lg-shakespeare-felix-breuel_bearb                           Martin Skoda, Andreas Greif und Felix Breuel

Nach reichlich zwei Stunden sind die Geschichten erzählt. Der „Titus Andronicus“ etwa – das ist die blutrünstige Saga um den römischen Feldherrn, der nach altem Brauch den Sohn seines Feindes, des Goten-Königs, zerstückeln lässt und wiederum der Rache an seiner Tochter zuzusehen hat – in einem Kochstudio mit ganz vielen Blutflecken an der Schürze. Der „Othello“ wird gerappt. Diese eingängigen Rhythmen der Neuzeit taugen ganz vorzüglich dafür: „Die Story von Othello, das war `ne heiße Nummer….“  Ganz nebenbei wird mit dem geflügelten Wort vom Mohren, der seine Schuldigkeit getan hat und gehen kann, der „Fiesco“ abgehakt. Oder hatten Sie etwa gedacht, das Zitat stammt auch aus dem „Othello“? Sehen Sie – wieder was gelernt!

lg-shakespeare-othello-als-rap_bearbGreif, Breuel und Skoda sind des Publikums Kumpel. Sie geben all ihren Spieltrieben nach und dem Kind (oder Affen) in sich ganz gehörig Zucker. Voller theatralischer Ambition sind sie – dabei gehört keinem der Vorzug! – produktives, auch provozierendes Kraftzentrum.
Matthias Hermann hat das Ganze inszeniert, Simone Anton-Bünting besorgte die Ausstattung, die aus flott wechselnden Perücken und Kostümen besteht und einem Empire-Stuhl auf der sonst leeren Bühne

Mit Lust am Theater, an szenischer Fantasie – bei allem gebotenem Minimalismus. Man muss spielen können, auch mit der Schwere. Und das kann das Trio. Der Dichter wird an keiner Stelle böse denunziert, wird zwar respektlos, aber doch voller Demut und mit großer Verbeugung behandelt.
Bewiesen wird auch, dass die Komödien Shakespeares „nicht halb so komisch sind wie die Tragödien“. Das wusste man eigentlich schon immer, denn wie die Figuren in „Was ihr wollt“ oder „Ein Sommernachtstraum“ in anscheinend völliger Unkenntnis der ihnen eigentlich bekannten Partner vorbeispielen, das verwunderte kopfschüttelnd immer wieder! Deshalb werden die 17 Komödien flugs in einem herrlich absurden Text zusammengefasst.

Die ganzen Königsdramen gibt es als Fußball-Reportage! Was sich auf manch grünem Plätzen abspielt, ist oft genug Tragödie. So bleibt der Abend eine Liaison aus Kasperei, Comedy auch und der Philosophie des großartigsten Dichters des abendländischen Kulturkreises. Urkomisch und zur Groteske aufgelegt! Ein Text mit Ideenaufwand, ein Spiel voller Lust- und Kraftaufwand. Mit Verwandlungsambition und Leidenschaft für Masken. In pfiffiger Flinkheit.

lg-shakespeare-koenigsdramen_bearbFast ist es geschafft. Die zusammenfassende Zwischenbilanz ist mit 36 Stücken auf der Zielgeraden. Wer fehlt? Hamlet natürlich. Das fällt auch im Publikum auf. Und hier die große Warnung: Wenn Sie lieber nicht als Akteur auf die Bühne wollen, buchen Sie eine Karte weiter hinten! Denn der „Hamlet“, die „Blutschand` im dänischen Bettenlager“, ist ein Happening. Mit Ophelias Urschrei, mit Siegmund Freuds Ich, Es und Über-Ich und mit „Relevanz für die Frau von Heute“. Ein ohrenbetäubendes Chaos stiftet das Gemeinschaftserlebnis. Wie gesagt: Setzen Sie sich nicht in die erste Reihe!

Inmitten des Tohuwabohu aber wird kurz innegehalten. Bei Hamlets Feststellung „Welch ein Meisterwerk ist der Mensch!“ wird es ganz leise. Weil auch nach 400 Jahren noch zutrifft, dass dieses Meisterwerk, „edel durch Vernunft, … unbegrenzt an Fähigkeiten, … die Zierde der Welt!“ keineswegs zu des Menschen Nutzen handelt.
Hamlet bekam nur seinen Vater ermordet – und wir heute?

lg-shakespeare-hamlets-geist_bearbBei der Ansage „Der Rest ist Schweigen“ ist noch lange nicht Schluss. Hamlet geht auch im Schnelldurchlauf, in zwei Sätzen und rückwärts…. Aber dann fällt die Klappe endgültig. Nach einem leichten, luftigen, liebenswerten Abend. Nach zwinkerndem, schmissigem, frech-frivolem Spiel.
Summe: Wer seinen lorbeerbekränzten Shakespeare lieber auf dem Sockel stehen lassen will, anstatt sich den Heroen, wie auf dem Programmheft, auch mit cooler Sonnenbrille vorzustellen, gehe lieber nicht hin. Wer aber Sinn für solch „höheren Blödsinn“ (Uelzens Theaterdirektor Reinhard Schamuhn!) hat, wird bestens unterhalten sein.
Barbara Kaiser – 27. Oktober 2016

Weitere Vorstellungen: 3., 19. und 27. November, 31. Dezember 2016, 7., 14. und 28. Januar 2017,  5. und 11. Februar 2017. Unterschiedliche Anfangszeiten. Theater Lüneburg, Theaterkasse: 04131/42100.

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