Ein Hoch auf Karl!

Wie man im thüringischen Jena des 200. Geburtstages von Marx gedenkt

Extra eine Viertelstunde früher war ich gekommen. Nur der Techniker wuselte mit dem Mikrofon, vom Künstler selber keine Spur. Von anderem Publikum auch nicht. Zufällig hatte ich gelesen, dass in der Zeit, die ich in diesem Frühjahr „Zuhause“ verbringen würde, in Jena ein Karl-Marx-Symposium stattfinden soll. 200 Jahre alt wird man nicht unbeachtet, auch wenn manche den Philosophen am liebsten in der tiefsten Gruft begraben hielten.

Aber schließlich hat Trier, die Geburtsstadt von Karl, das Riesenmonument aus China auch als Geschenk angenommen, wie Wuppertal vor Jahren seinen Engels. In Jena wurde Marx promoviert. In Abwesenheit, aber immerhin. Da müssen Universität und Stadt nun endlich aus dem Knick kommen und sich besinnen auf die Büste, die seit dem Jahr 1992 in der Kustodie Spinnweben ansetzt.

Zu meiner Studienzeit hatte der bronzene Kopf des Bildhauers Will Lammert (1892 bis 1957) neben dem Haupteingang der Universität gestanden. Seit 1953 übrigens. Weggestellt und eingemottet wurde der Nischel – wie sie in Sachsen sagten - nach der so genannten Wende. Übrigens auf Betreiben des Prorektors für Gesellschaftswissenschaften (sic!), der zu den neuen Siegern der Geschichte gehören wollte. Und der Bildersturm dieser Leute war nicht nur in Jena sehr gründlich.

Fotos: Barbara Kaiser

Nun stehe ich wieder vor dem bronzenen Alten. Ganz allein, weil ich ja zu früh bin. Das Wiedersehen entbehrt nicht einer gewissen Rührung. Ich fotografiere ihn, was mir vor 40 Jahren nicht eingefallen wäre! Ich flüstere ein leises „Hallo!“ und denke mit einer großen Portion Schadenfreude an jenen Prorektor von damals. Der lebt noch, war sogar mit zwei anderen Bilderstürmern vor einem Jahr, als der Stadtrat von Jena mit Zweidrittelmehrheit beschloss, die Büste wieder aufzustellen, noch einmal zu Hochform aufgelaufen.
Am Ende hatte sich die Universität als Besitzerin der Plastik dem Ansinnen der Stadt verweigert – was vielleicht nur der Prorektor a.D. versteht. Manchmal muss man sich einfach fremdschämen für deutsche Entscheidungsträger.

Aber jetzt wird der Alte aus Trier 200! Und es ist der Künstler Sebastian Jung, der in Zusammenarbeit mit der Kustodie die Büste für kurze Zeit in einem Einkaufstempel aufstellt. „Das Kapital“ zum Kapital. Jung sagte zu dieser De-Platzierung: Ein so großes Einkaufszentrum will den Eindruck erwecken, dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter aufgeht. Das ist ja aber nicht wahr! „Das hier ist Utopia“, schreibt er in einem munteren Traum-Sequenzen-Text zur Aktion, der als Extrablatt erschien. „Wenn nur das mit dem Geld nicht wäre.“ Genau!

Und so stellt er den Karl Marx ins Restaurant eines asiatischen (immerhin!) Imbiss, der ausgerechnet „La dolce Vita“ heißt. Vor eine Fototapetentraumlandschaft, in einen trivialen, rein ökonomischen Rahmen. Denn es geht hier doch nur ums Geld. Ums Kapital. Es geht immer nur ums Geld im Kapitalismus. Und Marx hat das besonders treffend herausgefunden und beschrieben. Deshalb ist er in einem Konsum-Tempel, der in Jena zu allem Überfluss auch noch „Neue Mitte“ heißt, nachdem Goethe-Galerie und Schiller-Passage bereits vergeben waren, absolut richtig!

Zur Eröffnung des Karl-Marx-Symposiums, das neben dieser einen Kunstaktion noch andere, vor allem jedoch Diskussionen erleben wird bis zum 6. Mai, strömte das Publikum am Ende dann doch sehr reichlich! Viele, viele junge Menschen, Studenten wohl die meisten. Auch chinesische! Ein paar ältere Besucher waren auch dabei, die, wie ich, auf ein Wiedersehen aus waren. Mit einem, der ein halbes Leben lang einen täglichen Weg säumte, der dann radikal weggeräumt wurde, aber dessen wichtigstes Buch und dessen Ideen nicht so einfach auszuradieren sind. Happy Birthday zum 200., Karl!
Barbara Kaiser – 4. Mai 2018

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben