Ein Hoch auf die Poesie!

Anna Magdalena Bössen will „Dichter dran“ bleiben – an der Welt

Reinhard Schamuhn wäre in diesem Monat 80 Jahre alt geworden († 2013). Wenn das kein Grund ist, sein kleines Theaterchen wieder einmal zu besuchen? Das vollmundig genannte „Neue Schauspielhaus“ war wieder richtig gut besetzt an diesem Samstagabend, an dem Anna Magdalena Bössen und Florian Miro zu Gast waren, die, soweit mein Überblick, auf den Brettern an der Rosenmauer Premiere feierten.

„Dichter dran“ oder „Weiter weg“ – das war in dem knapp zweistündigen Programm die Frage aller Fragen, auf die jeder für sich die Antwort finden musste. Wollte man also sein Basic-Starter-Paket für 899 Euro im Monat (oha!) schnüren und dem Astronauten Florian ins All folgen? Oder rückte man eher D-dichter ran an unsere Mutter Erde? Mit Hilfe der Poeten Walter von der Vogelweide, Bertolt Brecht, Kästner oder Ringelnatz. Oder Welterklärungen durch Goethe, Joseph von Eichendorff, Hilde Domin und Mascha Kaléko?

Fotos: Barbara Kaiser

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie immer dazwischen, obgleich der Fluchtinstinkt angesichts des Zustandes unseren kleinen Sterns ein großer Drang ist. Aber wohin? Doch nicht wirklich zum Mars, durch den kalten, dunklen Weltraum. Etwas Gutes hätte allerdings solch eine Reise und man sollte sie zum Pflichtprogramm für alle Politiker machen: Der Overview-Effekt, von dem alle Kosmonauten, beginnend bei Juri Gagarin, und Astronauten, nicht zuletzt Alexander Gerst, der sich in einem Brief bei seinen ungeborenen Enkeln entschuldigte für den Zustand dieser Welt, berichten, macht die Kostbarkeit des Lebens auf ausgerechnet unserer Erde sichtbar. Zudem zeigt die Draufsicht, wie zerbrechlich das alles ist in seinem unglaublichen Blau.

Also: Erstmal Distanz, dann Nähe und Aktion für die Bewahrung dieser Kugel im Universum, die das Zuhause für 7,7 Milliarden Menschen ist. Und all die Tiere und Pflanzen nicht zu vergessen!
Das in etwa war der Inhalt des Programms von Anna Magdalena Bössen, die sich mit den Texten der oben Genannten durch Lebenssinn und Zweifelsleere, durch Vergangenheit und Gegenwart hin zu einer Zukunft hangelte. Und wie die aussehen wird, das liegt immer noch in unsre aller Hand, obgleich es kurz vor zwölf ist.

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, war sich Ingeborg Bachmann sicher. Und weil der Mensch eben nicht „edel, hilfreich und gut“ ist – aber Goethe schrieb es ja sowieso im Konjunktiv auf -, bleibt viel zu tun. „Ich habe Homo sapiens“, sagt der eine Planet zum anderen und er leidet sehr. „Das geht vorbei“, tröstet der nicht Befallene. „Wir – der Virus der Welt!“, resümierte Anna Magdalena Bössen. Welche Mittel hülfen dagegen?

Es war ein kurzweiliger, denkanstoßender Abend, den die beiden Akteure (Florian Miro: zuständig für die Musik und Stichwortgeber) sich ausgedacht hatten. Obendrein in einer wahrhaft zauberhaften Sprachkultur im Rezitieren. Und auch wenn der Schluss ein wenig didaktisch daher kam, aber die konkreten Fakten sind eben alles andere als poetisch: Dass täglich 150 Tier- und Pflanzenarten aussterben zum Beispiel oder dass die Hälfte des Reichtums dieser Welt den acht reichsten Clans gehört.

„If you want, you can stop it!“ sangen Bössen und Miro. Ja, vielleicht. Wenn die „Legionen“ aller Gutwilligen, Anständigen und Gerechten, von denen am Ende behauptet wurde, dass es sie gäbe, sich nicht in engherzigem Egoismus ergingen, sondern weiter dächten. (Das Wort global sei hier bewusst vermieden.) Vielleicht bräuchte es dafür wirklich den Overview-Effekt von außen. Obwohl doch auch ohne Weltraumexpedition alle wissen müssten, dass es endlich zu handeln gilt. Als „größtmögliches Wir“, über Grenzen und kleinliche Animositäten hinweg. Das vor allem.
Barbara Kaiser – 14. Oktober 2019

1 Antwort

  1. Das haben Sie schön geschrieben, Frau Kaiser. Ich muss gestehen, es hätte meinetwegen noch viel mehr rezitiert werden dürfen...

Einen Kommentar schreiben