Ein Bayer im Norden

Michael Fitz gastierte im Kurparkzelt mit Lieder aus eigener Feder

Michael Fitz begrüßt sein Publikum mit „Grüß Gott!“. Das ist nördlich der Donau mutig. Und um in einer Gegend, in der man Plattdeutsch und ein ziemlich sauberes Hochdeutsch spricht, Lieder im bayrischen Dialekt zu singen, bedarf`s gleich noch einmal einer guten Portion Selbstbewusstsein. Man darf also voraussetzen, dass Fitz selbiges besitzt.

Der Schauspieler war im Kurparkzelt zu Gast mit seinem Programm „Liedermaching“, dieser seltsamen Vereinigung eines deutschen Substantivplurals mit der englischen Verbverlaufsform. Später wird der Künstler erklären, dass diese Form sein persönliches Zugeständnis an die Zeit ist, in der sich keiner mehr „Liedermacher“ nennen mag, sondern „Songwriter“ heißen will.

Michael Fitz, Jahrgang 1958, Ur-Bayer und aus einer Künstlerfamilie stammend, für den es einem Erdbeben gleichkam, von Oberbayern nach Niederbayern gezogen zu sein, ist ein sympathischer Zeitgenosse. Obwohl er diesen brachialen Dialekt pflegt und wissen muss, dass er schon aus phonetischen Gründen nicht alle Zuhörer erreichen kann. Ein klitzekleines schlechtes Gewissen räumte er übrigens deswegen ein – aber das darf man getrost unter Koketterie verbuchen.

bevensen_fitz2

Fotos: Barbara Kaiser

Trotzdem wurde es ein anregender Abend. „Mit einem Chanson erschafft man eine Person“, sagte Edith Piaf. Nun mögen die Lieder von Fitz nicht unbedingt Chansons heißen und er muss auch sich selbst nicht neu erschaffen. Zu bescheinigen ist dem Sänger aber Authentizität und ein Identifikationsangebot für sein Publikum.

bevensen_fitz1Er singt gewissermaßen Selfies. Mit Texten (deren Zitate hier ins Hochdeutsche transferiert wurden), die in Situationen gründeln, die alle kennen. Die Selbstbildnisse zeichnen, erwünscht ideale und ernüchternd reale. „Moralautist und Konvertit,/ Ich komm da selber nicht mehr mit.“ Es sind Sehnsuchtslieder, weil alle Flirt-Chatrooms nichts nützen. Oder vertonte Texte über die üblichen Diskrepanzen zwischen Liebenden: „Ich hätt` gern ein Jaguar und du find`st Autos blöd… Du wärst gern ein Meister und ich nicht dein Gesell… Und wir hackerln und wir streiten und hadern bis ins Grab.“
Auch bei Michael Fitz ist die Angst vor dem „Veloziferischen“, dem teuflischen Geschwindigkeitsrausch, den schon Goethe beklagte, angekommen: „Hörst du mir zu, machst dein Handy aus und setzt dich zu mir…“ Wie viel Zeit haben wir dafür wirklich?

bevensen_fitz

Der Sänger verfügt über eine modulationsfähige Stimme, deren Timbre ohne Zweifel Vertrauen weckt. Seine unaufgeregten Lieder hätten ihm zwar den Ruf eingetragen, er böte nur Trauriges und Schwermütiges, sagt er, aber das bleibt Ansichtssache. Fitz verdichtet seine Verse auf eine Essenz, die immer mehr Leute wieder entdecken: Zu leben anstatt nur zu hetzen.

bevensen_fitz3Kurt Tucholsky nannte das Chanson ein „Welttheater in drei Minuten“. Vielleicht singt Fitz ja bayrische Chansons? Wer weiß. Dass er über eine Welt und persönliches Leben darin erzählt, bleibt eine Tatsache. Mal pfiffig, mal nachdenklich. Und dass fast alles kompatibel ist für die Zuhörer, stellte sich in diesem Konzert heraus.
In dem der Gast übrigens vor allem auch exzellent die Gitarre zu handhaben wusste und  Melodien erfand, die keineswegs Einheitsrhythmen haben. Auch keine Ohrwurmqualität, das ist wahr, jedoch eingängig sind, Filigranes besitzen und Keckes.
Nicht auszudenken, wenn man die Texte wirklich hundertprozentig verstanden hätte!

Die Haupt-Botschaften dieses Mannes kommen aber an: Da redet und singt einer, dem es ernst ist mit dem Leben. Nicht etwa nur mit seinem eigenen kleinen, einem in selbstzufriedener Bescheidung: „Wenn du satt bist, stößt dir irgendwann die Angst, dass vielleicht morgen nichts mehr übrig ist….“ Oder das Lied auf die Gier: „Ein kleiner Teufel sitzt in mir drin und jagt mich hektisch durch Land und Leben…:“ Alles bekannt, aber seltener so liebenswürdig und ehrlich vorgetragen.
Barbara Kaiser - 10. April 2016

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben