Ein Argumentationstableau

Am Deutschen Nationaltheater Weimar gesehen: „Nathan der Weise“

Am Ende hebt sich die Kulissen-Beton(!)mauer, vor der die Schauspieler die ganze Zeit agiert hatten, und die Zeichen der drei großen Weltreligionen kommen schneeweiß und in aller Unschuld nebeneinander zum Vorschein: Der Halbmond des Islam, der Stern des Judentums, das Kreuz der Christen. Die Erkenntnis dieser 135 Minuten „Nathan der Weise“ greift vielleicht nicht schlagartig Raum, sondern tröpfelt eher nachhaltig, beim Nachklingen dieser Aufführung ins Hirn der Zuschauer: Es könnte so einfach sein, hörten die Menschen einander zu. Nähmen sie die gegenseitigen Vorbehalte, die Vorurteile, die Empfindlichkeiten des anderen ernster.

Intendant Hasko Weber inszenierte Lessings großes Menschheitsgedicht am Deutschen Nationaltheater Weimar. Achtung! Aufklärung! Aber so einfach macht es sich der Theatermann mit dem so strapazierten Text nicht. Am Schluss liegen sich die wiedergefundenen Verwandten nicht, wie bei Lessing, tränenfeucht in den Armen, während der Vorhang leise fällt. Nein, Weber gruppiert alle Akteure auf dem runden, nach vorn geneigten Holzboden, Symbol mit Rutschgefahr und für die Fragilität des Gleichgewichts unser aller Zusammenleben. Der Tempelherr hat das letzte Wort: „So waren jene Träume,/Womit man meine Kindheit wiegte, doch - /Doch mehr als Träume!“

Was im Text die Familie meint, darf getrost in diesem Schlussbild als Vision für alle Menschen verstanden werden - drei monotheistische Religionen versöhnt. Die Botschaft: Seht her! Unser Gott ist doch eigentlich derselbe, kommt aus einem Ei! Ein froh stimmendes Ende, denn das Theater forderte den interkulturellen Dialog zwischen Christentum, Islam und Judentum, basierend auf Vernunft und Humanität, ein.

Eigentlich lässt sich Gotthold Ephraim Lessings „Nathan“ im Kontext fortschreitender fundamentalistischer Konflikte - wie bereits zu des Dichters Zeiten -  nur wie ein Märchen lesen. Ein Märchen, das dem Strukturprinzip der Komödie folgt. Darauf verweisen die Reihung der Zufälle, verwickelte Verhältnisse und deren glückliche Auflösung. Der Dichter selbst nannte das Stück „Dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen“.

Auf jeden Fall bleibt jede Inszenierung immer eine Aufgabe, der Gegenwärtigkeit und Brisanz nicht abzusprechen sind, weil ein Blick in heutige Welt beweist, dass wir in den letzten 200 Jahren (Uraufführung: 1783) nicht wesentlich vorankamen oder gar klüger geworden wären.

Lessing setzte mit seinem Stück ja schon damals einen Streit mit dem Hamburger orthodoxen Hauptpastor Goeze fort. Seine Streitschriften gegen den waren ihm verboten worden, weshalb der Dichter seine „alte Kanzel“, das Theater, wählte, von wo aus er hoffte, noch ungestört predigen zu können. Der Intoleranz seiner Gegner stellte er das Humanitätsideal der „von Vorurteilen freien Liebe“ entgegen. Die ihm nachfolgenden klassischen Dichter werden das als Fundament nehmen.

Hasko Weber, so erzählte es der Dramaturg Carsten Weber am Abend der Aufführung in seinen Einführungsworten, habe den Anspruch gehabt, das Publikum verstehen zu lassen, „was die Personen im Stück verhandeln.“ Dann sei schon viel erreicht.

Nun sollte man meinen, dass interessierte Theaterbesucher oder Schüler mit einem engagierten Deutschlehrer das seit der Behandlung des Dramas wissen. Die Inszenierung in Weimar schaffte es aber trotzdem, fern billigen Deutungsfurors oder Überraschungsehrgeizes die Verse wie neu erklingen zu lassen. Die offensichtliche Liebe zu diesem Dichter Lessing und dem Text war größere Macht als jede Regieeskapade. Außerdem kümmerte man sich in Weimar um konkrete Menschen, bebilderte keine abstrakte Idee.

Der Text, dessen Blankverse den Darstellern flüssig über die Lippen kamen, blieb aktuell durch die Jahrhunderte und es tat außerordentlich gut, ihn sich wieder einmal vorsagen zu lassen. Einmal ging gar ein Raunen durchs Publikum, als der Patriarch im Dialog mit dem Tempelherrn seine Meinung kund tat: „Denn ist/ Nicht alles, was man Kindern antut, Gewalt? - …Ausgenommen, was die Kirch`/ An Kindern tut.“ (sic!)

Der stärkste Teil des Theaterabends ist wohl stets die Ringparabel, das Herzstück jeder Aufführung und Interpretationsqual für jeden Schüler. Dabei ist diese Erzählung doch so spannend! Immer noch, immer wieder. Gewitzt gedacht obendrein und - auf Versöhnung aus. Das vor allem. Hier hat jeder Nathan-Darsteller die größte Ausstrahlung und Souveränität, kraft solcher Weisheit. Von der man wollte, dass andere ein Stückchen von ihr sich zu Eigen machten.

Ich weiß nicht, wie viele Nathans ich gesehen habe zwischen Wolfgang Heinz, Otto Mellies und Dieter Mann –  Sebastian Kowski ergänzt diese Reihe aufs schönste. Er ist ein nicht zu grüblerischer Nathan. Der Darsteller findet zu dieser Verschmitzheit, die die Rolle ohne Zweifel auch hat und Larmoyanz ist ihm gänzlich fremd. Aber Kowski genießt bei mir seit seinem Mephisto sowieso alle Boni, die es gibt!

Nathan: Sebastian Kowski.

Thomas  Kramer gibt einen ansehnlichen jungen Tempelherrn in Kampfmontur, dem man seine Gewissensnot glaubt, und dass er in diesem fremden, „gelobten Lande … der Vorurteile mehr schon abgelegt“. Die Recha von Isabel Tetzner ruht in sich, und sie kommt auch anlässlich des Verrats von Daja (Anna Windmüller ist eine lauernde, auf eigenen Vorteil bedachte, vielleicht gar glaubensfanatisierte Frau) nie zu dramatisch aus den Fugen.

Recha und Tempelherr: Isabel Tetzner und Thomas Kramer.

Sittah, die Schwester von Sultan Saladin, ist bei Johanna Geißler gut, sehr selbstbewusst und pragmatisch aufgehoben. Den Saladin darf Sebastian Nakajew ein wenig verlottern lassen, schließlich ist er pleite. Er schlenkert seine Gebetskette und vielleicht ist ihm das Amt mitsamt seiner Verantwortung gar zuwider. Dass er trotzdem ein aufgeschlossener, dem anderen zugewandter Herrscher bleibt, macht ihn sympathisch.

Saladin und Sittah: Sebastian Nakajew und Johanna Geißler.

Und dann gibt es noch diesen schwarzen Engel, der gleich am Anfang mit „Rammstein“-Versen („Sehnsucht“) kommt und der die Aufführung ein wenig zum Epischen Theater eines Brecht macht mit seinen Kommentaren und Anmerkungen fürs Publikum.

In den letzten drei Jahren habe ich zwei „Nathan“-Inszenierungen gesehen, die mit „Allah akbar“-Rufen Gegenwärtigkeit zu illuminieren suchten und mit optimistischen Liedern am Ende Versöhnung feierten. Nun sind die Konflikte dieser Welt nicht mit Musik zu lösen, auch wenn Daniel Barenboim es mit dem West-Eastern Divan Orchestra seit 20 Jahren unermüdlich versucht.

Hasko Weber und sein Sound-Macher Sven Helbig wissen das auch. Deshalb verfremden und zerstückeln sie Beethovens Jubelchor der neunten Sinfonie. Aber wem wäre es nicht schon einmal so ergangen, dass ihm diese „Alle Menschen werden Brüder“-Europahymne wie Hohn im Ohr klingt?  Die Kakophonie aus Noten und (eventuell) Schlachtgetümmel passt genau richtig für den Zustand dieser Welt. In der wir nur davon träumen können, dass sich Jude, Christ und Muselmann endlich einmal verstehen und vertragen. Oder auf die ferne Zukunft hoffen, wie es der Richter in der Ringparabel sagt: „So lad` ich über tausend tausend Jahre“ die Kläger wieder vor den Stuhl.

„Gute Stücke sind immer gültig, sie sind zeitlos“, sagte Dieter Mann einmal in einem Interview über den „Nathan“. Bleibt zu wünschen, dass die Zuschauer vielleicht beim Dichter nachschlagen. Es lohnt sich wirklich!

Nächste Vorstellungen: Samstag, 19. Mai (in Erfurt), Sonntag, 3. Juni, Donnerstag, 28. Juni 2018, jeweils 19.30 Uhr.

Barbara Kaiser – 7. Mai 2018

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