Die gute Nachricht

IDA-Benefizkonzert erbrachte Spenden für die Flüchtlingsarbeit

Da stehen zwei Briten, ein Amerikaner und eine Deutsche auf dem Podium und musizieren Barocknoten. Ein Niederländer hatte den rund 120 Zuhörern zuvor einen Abend gewünscht, „an dem sich Himmel und Erde küssen“, denn der Titel des Programms lautete „Himmlische Liebe“. Und ein Syrer bedankte sich auf Deutsch „für die Solidarität mit den Flüchtlingen“. Der junge Mann, Karam Meri, kennt das schwere Wort „Solidarität“ schon. Nach nur acht Monaten Aufenthalt hier. Ist das ein Beweis dafür, dass wir die Gegenwart nicht reflexartig als Endzeit abwinken müssen?

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Michael Fuerst     Fotos: Barbara Kaiser

Auf Initiative von „Integration durch Arbeit“ (IDA), mit Unterstützung des Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises und der St.-Marien-Kirchengemeinde, veranstaltete die Woltersburger Mühle ein Benefizkonzert. „Wir organisieren für Flüchtlinge, die etwas tun wollen und noch nicht anerkannt sind oder auch keine Anerkennung bekommen werden, sogenannte Arbeitsgelegenheiten“, sagte Gerard Minnaard auf Nachfrage. „Das sind Tätigkeiten bei der Uelzer Tafel, beim Fußballverein Teutonia, beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, im Tierheim, in der Kleiderkammer DRK/IDA, im Sozialen Kaufhaus ...“ Natürlich braucht`s dafür auch Geld.

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Frauke Hess

Deshalb stand der Countertenor Alex Potter mit seinen Musikerkollegen Kirsty Whatley (Barockharfe), Frauke Hess (Viola da Gamba) und Michael Fuerst (Cembalo) auf der Bühne. Sie sangen und musizierten „göttliche Leidenschaft des Barock“, Partituren von Alessandro Grandi, Girolamo Kapsberger, Giovanni Felice Sances, Barbara Strozzi, Heinrich Schütz, Henry Purcell, Dietrich Buxtehude und Pelham Humfrey. Auch die Liste der Komponisten war also eine internationale.

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Alex Potter, Michael Fuerst und Frauke Hess

Weil Alex Potter nicht nur singen kann, sondern sich obendrein Gedanken um diese Welt macht, moderierte er klug, ohne didaktisch zu sein: „Wir als Musiker stehen in einer langen Tradition von Leuten, die ins Ausland gingen, um ihre Kunst zu machen“, sagte er. „Wir verstehen wie das ist, in die Fremde zu kommen.“ Obwohl die Künstler nicht die extremen Umstände kennenlernen mussten, wie die Menschen, die jetzt aus Syrien, Afghanistan oder Afrika zu uns kommen. Das räumte Potter ein. Aber: „Wir haben in Europa seit 70 Jahren Frieden und können anderen Schutz anbieten.“ Wir sollten bedenken, so fuhr der Sänger fort, sich vor allem auf deutsche Geschichte beziehend, wie wir wollten, dass mit uns umgegangen wird, wären wir Flüchtlinge.

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Alex Potter

Aber natürlich standen die eineinhalb Stunden vor allem im Zeichen der Musik. Alex Potter hat eine Stimme, die betört. Sie ist zu einem Crescendo in der Lage, das keine Atemnot kennt. Er hat die Kraft für die längsten musikalischen Bögen und am Ende noch Luft für eine Koloratur. Seine lyrischen Pianokünste sind bestechend. Absolut textverständlich lebt er diese Poesie zudem. Kostete es Anstrengung, so hörte man sie nicht.
Seine Kollegen an Cembalo, Gamba und Harfe bekamen Gelegenheit für Soli, in denen sie sowohl die Zartheit der Noten wie auch die Ausgelassenheit der barocken Partituren beglaubigten. Ansonsten waren  sie verlässliche Begleiter für die Lieder.

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Kirsty Whatley

In Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“, dem Bestseller, der in der Theatersaison 2014/15 über 50 Mal inszeniert und 1156 Mal aufgeführt wurde, jetzt auch im Kino zu sehen ist, steht Folgendes: „Wenn man Nachrichten guckte: Der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.“
Das ist die gute Nachricht: Ein Teil dieses einen Prozents war zu diesem Benefizkonzert in St. Marien versammelt und gab am Ende rund 1.418 Euro für die Arbeit mit den Geflüchteten, den derzeit Unbehausten, vielleicht von Heimweh Bedrängten. Dafür ist ihnen Dank zu sagen.
Barbara Kaiser – 25. September 2016

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