Die Erinnerung wach halten

Veranstaltung der Stadt Uelzen zum 9. November 1938

In Bielefeld durften am diesjährigen 9. November die Nazis marschieren und den 91. Geburtstag der fanatischen Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck feiern. Die sitzt in der JVA der Stadt eine mehrjährige Haftstrafe ab. Im letzten Jahr waren es 350 „Geburtstagsgäste“.

In Zwickau, dem letzten Unterschlupf des NSU-Trios, wurde der Baum, zum Gedächtnis der Opfer gepflanzt, abgesägt. Jetzt setzte man zwölf Bäumchen, von denen man hofft, dass sie Bestand haben. Sie werden von der Polizei bewacht.

In Thüringen verweigert sich die selbsternannte „bürgerliche Mitte“ aus CDU und FDP den Gesprächen mit der Linkspartei, die mit 31 Prozent die Landtagswahl gewann. Nach fünfjähriger Regierungszeit wohlgemerkt. Als ob die dortige Linke unter Ministerpräsident Bodo Ramelow nach der alten Hufeisentheorie, der einer ideologischen Berührung der Extreme, irgendwie doch in die Nähe der Björn-Höcke-AfD gehörte.
Quo vadis, Deutschland?

Lena, Lindis und Jonathan vom Stamm St. Hubertus der Pfadfinder Uelzen nennen den Anschlag von Halle und sagen: „Wenn sowas passieren kann, muss man an die Geschichte immer wieder erinnern.“ Auch den drei 16-Jährigen ist aufgefallen, dass in den Medien die Feierlaune zum 30. Jahrestag des Mauerfalls präsenter war, als das Wachhalten der deutschen Geschichte.

Fotos: Barbara Kaiser

9. November - die Zufälle schrieben diesem Datum Ereignisse zu, die keineswegs zum Feiern herausfordern. Erinnert sei auch an den Novembertag im Jahr 1923, den Putschversuch Hitlers gegen die erste deutsche Republik. Oder an den im Jahr 1939 (das war allerdings der 8. des Monats), als ein mutiger Georg Elser das Attentat auf diesen „Führer“ plante, der Europa schon wieder mit Krieg überzog.

Der Stadt Uelzen ist ausdrücklich zu danken, dass der 9. November 1938, die Erinnerung daran, dass die Politik eines Staates die Ausrottung einer ganzen Volksgruppe beschlossen hatte, im Gedächtnis bleibt. Mit der jährlichen Kranzniederlegung und einer anschließenden Veranstaltung im Ratssaal. Und immer sind es junge Menschen wie Lena, Lindis und Jonathan, Schüler der KGS Bad Bevensen und des Lessing-Gymnasiums, die dabei eine tragende Rolle spielen.

„Wir wollen die Erinnerung wach halten, damit wir gegenwärtigen rechten Umtrieben etwas entgegensetzen.“ Mit diesem Satz verabschiedeten die Schülerinnen und Schüler die rund 100 Besucher der Kranzniederlegung, ehe Uwe Holst, der Vorsitzende des Stadtrates, die Gäste zu einer besonderen Veranstaltung in den Ratssaal lud:

Das Ensemble WAKS, das sind Inge Mandos (Gesang), Klemens Kaatz (Klavier/Akkordeon) und Hans-Christian Jaenick (Violine). Das Trio bringt Phonographen-Stimmen, die vor 80 und mehr Jahren aufgenommen wurden, zurück in die Gegenwart. In einer unglaublich akribischen Recherchearbeit forschten die Musiker den auf den Wachswalzen, die im Jahr 2001 in St. Petersburg wiederentdeckt wurden, verewigten Stimmen nach. Suchten die Menschen zu den Aufnahmen. Und sie wurden fündig, entrissen sie der Anonymität, lernten Nachfahren der Sängerinnen und Sänger kennen.

Inge Mandos (Gesang).

Hans-Christian-Jaenick (Violine).

Klemens Kaatz (Klavier/Akkordeon).

In der Veranstaltung erklangen die kurzen Sequenzen von den alten Tonträgern, die das Ensemble dann aufnahm. Alte jidddische Lieder – einmal kratzend und plärrend, konserviert um 1925 – jetzt neu gesungen. Es war eine berührende Veranstaltung, die Inge Mandos moderierte und auch die Fotos der längst gestorbenen Sänger zeigte. Es war eine wunderbare Art, Erinnerung zu bewahren.
Barbara Kaiser – 10. November 2019

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