Der verlässliche Gast

Pianist Vadim Chaimovich gastierte das 15. Mal im Sommerkonzert Medingen

Ein Spiel voller Impulsivität und musikantischer Lust. Dazu das Gefühl für den Zuhörer, der Mann am Flügel extemporierte, meditierte, philosophierte. Das ist Vadim Chaimovich, der litauische Pianist, der sein Publikum nicht nur in Medingen immer wieder aufs Neue fasziniert, verblüfft und überzeugt. Wie er den Partituren bewegenden Nachdruck verleiht mit seinem fast beschwörenden Musizieren, wie sein kultivierter Anschlag die Lust am Leisen befördert, mit dem er stets auf Neue zu bezwingen vermag – das sucht seinesgleichen.

Der inzwischen 40-Jährige war das 15. Mal im Sommerkonzert in Medingen zu Gast und die Plätze in der Klosterkirche waren ausverkauft. Sogar in der unbequemen ersten Reihe saßen Zuhörer, der Auftritt von Vadim Chaimovich sollte sie die Härte der Bänke vergessen lassen haben.

Fotos: Barbara Kaiser

Der Pianist, der mit fünf Jahren seine Klavierausbildung in Vilnius begann, unter anderen bei Professor Peter Rösel in Dresden studierte, wettbewerbserfahren ist und internationale Auftritte absolviert, nannte sein Programm in diesem Jahr „Von der Klassik zur Romantik“. Er spielte sich durch Noten von Joseph Haydn, Edvard Grieg und Frédéric Chopin. Dass Beethoven fehlte, konnte, musste man aber nicht übel nehmen.

Zum Auftakt Haydns Variationen f-moll Hob. XVII:6, des Komponisten letztes und wohl ausdrucksstärkstes Klavierwerk. Ein zeitgenössischer Rezensent schrieb darüber, es sei „ein schwermüthiges Andante in F moll, variirt, wie ein Meister nur vaiiren kann, dass sichs beinahe als freye Phantasie anhört“.

Bei Vadim Chaimovich klang auch das Moll heiter. Er führte beide Themen, eines in Dur, eins in Moll, mit edler Zurückhaltung ein. Bei den sich abwechselnden Variationen achtete er darauf, dass er keine Klangorgien bietet, aber dennoch durch Kraft betört. Der Musiker bestach als perfekter Virtuose mit fesselnden Intentionen; er gab allen Partituren (nicht nur denen Haydns) bewegenden Nachdruck mit einem fast beschwörenden Musizieren.

Die Nummer zwei des Abends: Edvard Griegs „Aus Holbergs Zeit – Suite im alten Stil op. 40“. Mit Holberg ist der Dichter Ludvig Holberg gemeint, die Gallionsfigur des Spätbarock für Norwegen, geboren 1684.
Die Suite folgt nach dem Präludium den bekannten Tänzen Sarabande, Gavotte und Rigaudon. Zwischengeschaltet ist noch ein „Air – Andante religioso“. Eigentlich war das Stück für ein Streichorchester komponiert; Vadim Chaimovich spielte es so, dass keiner Geige und Bratsche vermisste! Gefühlsbetont und verführerisch verzichtete er auf die große romantische Geste, vermied schroffe Kontraste und brachte dafür die Themen zum Singen.

Beispielsweise war das Allegro eben kein Allegretto, das eine Spur eleganter und leichter daherkommen sollte. Ich weiß nicht, wo ich diesen Unterschied so sehr auch wirklich gehört habe. Das Andante der Sarabande unterschied sich deutlich vom Andante des „Air“. Weil das den Beinamen religioso trägt, ist es sphärischer, insistierender. Hoffender?

Der zweite Teil nach der Pause gehörte Chopin: Mazurka, Nocturnes und Valse. Alle in Moll. Chaimovich gestaltete einen zauberhaft zarten, geradezu zerbrechlichen Ton. Die Mazurka in einem ganz modernen Sound, tief traurig das Nocturne c-moll, in angemessener Schwermut das in e-moll. Valse war ein meisterhaft gebotenes Perlen, das auch im Forte den Anschlag nie zu brachial geraten ließ.

Das Publikum erklatschte sich nach 90 Minuten eine Zugabe. Bravo! Und weil Vadim Chaimovich in der Heide eine treue Fangemeinde hat, wie es Gerd Kreutz, Chef der Bad Bevensen Marketing GmbH im Gespräch sagte, ist der Vertrag fürs nächste Jahr bereits unterschrieben: Samstag, 2. Juli 2019, 19.30 Uhr, Kloster Medingen. Da freuen wir uns doch drauf!
Barbara Kaiser – 22. Juli 2018

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