Der sensible Krawallmacher

Die Schauspieler Jürgen Wegscheider und Markus Maria Winkler widmeten sich im Kurparkzelt dem Dichter Wilhelm Busch

Wer wüsste schon, dass Selbstdarstellung und Rummel um die eigene Person dem Maler und Dichter Wilhelm Busch unerträglich waren. Wer Verse schrieb und Bilder produzierte, auf denen es immer turbulent, laut und paradox zugeht, dem traute man nicht zu, dass er zum Philosophen Kant gefunden hatte, sein geistiges Wesen Schopenhauer nahe war, er Cervantes und Shakespeare liebte. Den Mann beunruhigte, ärgerte und vor allem belästigte das „Getu`s“ (ein Lieblingswort!) seiner Zeit, das ihn zum Besitz der Nation zu küren wild entschlossen war.

An seinem 70. und 75. Geburtstag – man will ihn feiern – bleibt er unauffindbar und schreibt danach in Briefen: „Diese Jubiläen- und Denkmälerwirtschaft ist förmlich widerwärtig. Wir stecken in einem geradezu ekelhaften Byzantinismus. Es ist aber schwer für den einzelnen, sich dem Schwindel zu entziehen.“ – Das war in den Jahren 1902 beziehungsweise 1907. Was sagte Busch wohl zu heutigem Gehabe auf roten Teppichen und anderswo?

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Fotos: Barbara Kaiser

Auch im Programm von Jürgen Wegscheider und Markus Maria Winkler ging es toll, übertrieben und wild zu. Die beiden Schauspieler waren im Kurparkzelt zu Gast und versprachen „Buschiaden und andere Schmeicheleien“. Sie rezitierten und krakeelten, erzählten und sinnierten. Immer Verse von Wilhelm Busch, nur einmal ein Plagiat…

buschiaden3Das Entree war bemerkenswert in diesen Zeiten: Das Gedicht, mit dem die beiden Barden begannen, heißt „Bewaffneter Friede“. Es erzählt die Geschichte des Fuchses, der vom Igel verlangt, er solle sein Stachelkleid abgeben, denn der König habe Frieden verkündet. Der schlaue Borstel wäre dazu bereit, wenn auch der Fuchs sich seine „Klauen brechen“ ließe; vorerst aber rollt er sich ein: „Und trotzt getrost der ganzen Welt. Bewaffnet, doch als Friedensheld“. - Vertrauensbildende Maßnahmen im militärischen Gleichgewicht des Schreckens? Unsere Geschichte bis hin zu dieser Dichtervision ist eine lange und sie dauert an.

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Wilhelm Busch wurde in Goethes Todesjahr 1832 geboren, es hat ihm aber nicht gefallen, sich in eine Reihe mit den Großen gestellt zu sehen. Sowieso machte seine Doppelbegabung für den knappen, charakteristischen Strich und den kurzen Reim eine Katalogisierung schwer. Busch war es letztlich recht, dass er mit seinen Bildern und Versen Freude brachte. Den Hintersinn in beidem sollte man aber nicht übersehen. Denn des Dichters Definition von Humor war die seines berühmten Vogels, der angesichts des nahenden Untergangs zu singen beginnt.

buschiaden1Diese ganze Nachdenklichkeit vermisste man im Programm der zwei Darsteller ein wenig. Sie setzten mehr auf  mimische Pose und tierische Aktion. Das sagt jedoch nichts über die Qualität der Darbietung, die vor allem sprachlich keine Wünsche offen ließ. Obendrein: Wie Markus Maria Winkler den Hahn kräht oder als Hund bellt, das ist zusätzliche phonetische Leistung.
So alberte sich das Duo durch Wilhelm Mayers „Max und Moritz“-Plagiat aus dem Jahre 1918 angesichts dessen der Zuschauer begriff, dass Busch eben Busch bleibt und alle Versuche, ihn nachzumachen, scheitern. Weil: die Mädchen-Streiche von „Maus und Molli“ lehnen sich bis in die abschließende Moral an ihr Knaben-Pendant an. „Denn nach einem Bösewicht, sehnt die ganze Welt sich nicht“, heißt es hier und bei den Buben: „Jajaja, rief Meister Böck. Bosheit ist kein Lebenszweck…. Gott sei Dank! Nun ist`s vorbei mit der Übeltäterei.“ 150 Jubiläumsjahre lang stalken und mobben sich Max und Moritz inzwischen durch die Literatur; unerreicht schelmisch, voller Witz und Lebensklugheit.

buschiadenWegscheider und Winkler agierten mit ihrem Busch souverän. Den einen oder anderen Holperer im Text, den nur merkte, wer die Verse selbst wusste (zum Beispiel die der „Selbstkritik“), konnten sie sicher überspielen. Zum Schluss gab`s eine Auswahl aus den Aphorismen des Dichters, diese (Kinder)Weisheit verkündenden Sentenzen: „Ein Onkel, der Gutes mitbringt, ist besser als eine Tante, die nur Klavier spielt.“ Wie wahr!

Barbara Kaiser - 26. Oktober 2015

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