Der Mensch ist so – ist er so?

Das Ensemble „Theaterlust“ untersuchte die deutsche Multikulti-Gesellschaft von 2038

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. Naja, Herr Geheimrat, das war wohl eher was fürs Poesiealbum! Mehr Dichtung als Wahrheit. Edel? Vielleicht von Gesinnung? Hilfreich und gut? Wenn der persönliche Profit stimmt – dann vielleicht! Ist der Homo sapiens jemals „halal“ gewesen? Also gut, akzeptabel, so wie er sein soll(te)? Auch Goethe hat die Geschichte gekannt und sein Spruch war eher Wunschdenken. Steht ja auch im Konjunktiv geschrieben – sei. Sollte sein. Nach Möglichkeit, bitte. Momentan aber sind wir noch lange nicht so weit, und die Geschichte der Menschheit lehrt sowieso anderes.

Der Kurde Ibrahim Samir, geboren 1984 in Aleppo, dieser leidgeprüften, nun in Trümmern liegenden syrischen Stadt, hat sich Gedanken gemacht darüber und hat eine Komödie geschrieben. Nanu? Eine Komödie, wo es eigentlich nichts zu lachen gibt? „Homohalal“ nannte er die 90-Minuten-Revue, die keineswegs Wunschdenken ist, sondern offenlegt, wie sehr der Mensch – ob nun Christ oder Moslem – Egoist ist.

Fotos: Barbara Kaiser

„Das Stück ist derb und manchmal gemein und keinesfalls politisch korrekt“, erklärte Regisseur Thomas Luft von der Truppe „Theaterlust“ beim Gastspiel in Uelzen in seinen Begrüßungsworten. „Homohalal“ wurde im Jahr 2018 in Dresden uraufgeführt. Ausgerechnet! Vielleicht wird es eine schwarz-blaue Landesregierung ja ab September 2019 im Freistaat verbieten lassen! Bleiben Sie und erschrecken Sie auch mal, wünschte sich Luft. Ja, und das konnte man dann auch…

Die Bühne (Erwin Kloker, Louis Panizza) ist eine schiefe Ebene, was immer für eine gewisse Fallhöhe spricht. Darin eingelassen wurde eine längliche Vertiefung – ein Graben, ein Grab? Ein Schützengraben eher, aus dem heraus die Akteure ihre Meinungen abfeuern. Denn die frühere Harmonie schwindet schnell beim Wiedersehen anlässlich der Beisetzung eines ihrer Mitstreiter. In bunten Kostümen und Perücken (Kostüm: Sarah Silbermann) demonstrieren sie nur plakativ Multikulti.

Wir schreiben das Jahr 2038 und Angela Merkels Ansporn, dass wir es (was eigentlich?) doch schaffen würden, ist über 20 Jahre her. Die ehemaligen Flüchtlinge – längst eingerichtet in dieser kapitalistischen Gesellschaft, weil sie ja auch nicht von den Bäumen kamen, wie so mancher Europäer gedacht haben mochte in seiner grenzenlosen Arroganz – treffen ihre Flüchtlingshelfer.

Nach anfänglicher Freude gibt es Streit. Über Motive, Standpunkte, Ansichten. Integration ist nur vermeintlich gelungen. Denn es muss doch jeder wissen, dass man seine Wurzeln nicht los wird, auch wenn man sie kappt oder sie ausgerissen werden. Und so sind die alten Vorbehalte bald neue Vorwürfe: „Ihr habt euch doch nur aus purer Wohlstandslangeweile um uns gekümmert!“ Oder: „Euer kollektiver Anpassungswahn ist genauso bescheuert wie McDonald`s!“

Es erweist sich, dass diese „schöne, neue Welt“ nicht von sich aus funktioniert, nie funktioniert hat. Oder kann man das Funktionieren nennen, wenn die Ankömmlinge sich etabliert haben und jetzt schreien: „Einer muss die Tür doch zuhalten!“ Es lebe die Festung Europa – darauf, dass keine neuen Störungen von außen zu erwarten sind!

Das Ensemble agierte rasant und bewies szenische Tragfähigkeit, wobei das Didaktische das Künstlerische nicht erdrückte. Bilder musste die Regie nicht erfinden, denn der Text spricht hier für sich. Er erzählt auch über bürgerliche Selbstlüge von gelingender Welt, die es nicht gibt. - Das Ganze ist grell, behänd und auch böse inszeniert. Grausam unterkühlt manchmal und mitleidlos. Theater ist Gegenwelt. Aber was richtet sie gegen die Welt aus? Dieses Stück verstört auch durch seine ausbleibende Antwort darauf, was zu tun wäre. Dafür feiert der Egoismus weiterhin fröhliche Urständ. Edel sei der Mensch? Fehlanzeige.
Barbara Kaiser – 20. Februar 2019

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