Der Lust- und Denkspieler

Zum 80. Geburtstag des Ebstorfer Malers Klas Tilly

„Computerdesigned“ ist für Klas Tilly ein Wort, das ihm Gänsehaut verursacht. Er selber hat auch gar keinen solchen Blechtrottel, zu dem man sich in manchmal verhängnisvolle Abhängigkeit begibt, zu Hause und lässt sich den Vorwurf, dann sei für ihn die Welt eine Scheibe, gerne gefallen. Der Dekorateur und Maler aus Ebstorf zitiert gerne den Satz von Henri Matisse: „Wenn wir von der Natur sprechen, dürfen wir nicht vergessen, dass wir ein Teil von ihr sind.“ Es wäre interessant, mit dem Künstler einmal zu diskutieren, wie es in unserer Gegenwart um die Natur - also um uns - bestellt ist.

In dieser Woche, am 18. Mai, wird Klas Tilly 80. Und er hat sich dafür aus dem Staub gemacht, wie von seinem Bruder Jörg zu erfahren war. Das passt zu ihm, denn Tilly hat zwar eine Meinung, vertritt sie auch nachdrücklich (wahrscheinlich fehlen ihm die Diskussion-Rotwein-Abende mit seinem Freund und Kollegen Werner Steinbrecher (1946 bis 2008) genauso wie mir), bei Vernissagen macht er sich aber lieber unsichtbar. Ob es seine eigenen Veranstaltungen sind oder die von anderen.

Klas Tilly mit Frau unter "Die Tradition ist angetreten".           Fotos: Barbara Kaiser

Dabei sind seine Arbeiten präsent! Wer beispielsweise in den Foyers des Klinikums Uelzen zum Warten gezwungen ist, dem werden die Bilder aufgefallen sein. Die Farbflächen-Fantastiken für Lust- und Denkspiele, die Landschaftsbilder von Klas Tilly.
Aber der Künstler kann auch anders: Das Schlimmste muss es sein, von ihm ein „Piffer“ genannt zu werden! Das sei hessisch und eigentlich das Schimpfwort für „Depp“. Tilly fasst den Begriff aber weiter und sieht man seine Bilder dazu - „Die mussten sein!“ -, schwant einem, warum es vor vielen Jahren in Uelzen Ärger wegen ihnen gab: Weil sich eben zu viele angesprochen fühlten von den Figuren ohne Augen, Ohren und Mund – wie die berühmten drei Affen, nichts sehen, hören oder sagen. Aber alles besser wissen.

Schon die Bildtitel greifen zur Keule. Beispiel: „Zwei elegante Damen reden über eine dritte“. Welten tun sich auf, aus denen Szenen stürzen, wie man sie schon immer hasste. Bei Tillys Fixierung der Situation kann der Betrachter nur „Genauso!“ denken und die eigenen Erinnerungen namentlich fest gemachter Damen kichernd zu den Akten legen. Auch „Die `Tradition` ist angetreten“ war damals Ärgernis. Ein Schuss gegen alle Uniformstrammen und Schützengildebesoffenen. - Haben die Leute im Landkreis, namentlich die Be-(Ge)troffenen, inzwischen Humor gelernt?

"Zwei elegante Damen reden über eine dritte."

Klas Tilly wird im Jahr 1939 in Hannover geboren. Sieben Jahre später zieht die Familie nach Uelzen. Der Vater ist Künstler und wird der erste Lehrer sein, auch wenn er seinen Jungen immer warnte vor diesem vermeintlich freien Leben. Die Familie Tilly verbindet sich freundschaftlich mit der des Architekten Karl Schlockermann. Deren Sohn Jens ist so alt wie Klas – beide werden beste Freunde. Tilly erinnert sich offenbar gern, dass die beiden Alten gemeinsam auf Geige und Gitarre musizierten und den Jungs Tucholsky und Thomas Mann vorlasen.
Ein großes Wagnis, Thomas Mann für Kinder. Aber die Gefahr, dass Jens und Klas solch zerbrechliche kleine Wesen wie Hanno, der letzte Buddenbrook-Spross, Abkömmling einer künstlerisch veranlagten Mutter, werden würden, bestand eher nicht. Diese beiden sind nicht Tonio Kröger, der an der Welt verzweifelt! Im Gegenteil.

Sie reisen mit 15 auf eigene Faust und heimlich nach Hamburg, wollen in die Kunsthalle. Dort sieht Klas Tilly ein Bild von Fritz Winter, aus dessen Serie „Triebkräfte der Erde“. Es sei in Rot und Ocker gehalten gewesen, und er sähe es ganz deutlich vor sich, sagt er. Nach diesem Ausflug in Mission Kunst und der Lektüre der van-Gogh-Biografie stand für die beiden Teenager fest: Wir müssen große Bilder malen. So schlossen sie sich eine Woche bei Brot und Marmelade ein (der Absinth kam erst später!) und malten auf dem Dachboden des Hauses Schlockermann.

"Zeitgemäße Sphinx"

Obwohl die beiden Väter vom Ergebnis dieser Klausurtagung angetan waren, unerbittlich zeigten sie sich darin, dass beide Sprösslinge einen „ordentlichen“ Beruf zu lernen hätten. „So ganz eingesehen haben wir das nicht“, weiß Tilly noch heute. Aber er lernt Schaufenstergestalter und Plakatmaler, der Freund geht zu den Gesellen der „Schwarzen Zunft“ in den C. Beckers Verlag.

Natürlich wird die Lehre ordnungsgemäß abgeschlossen, das ist damals keine Frage. Irgendetwas Verrücktes muss dennoch her. So gründen Klas und Jens eine Jazz Band! Sie hatten alte Schellackplatten gehört mit dieser Musik, und deshalb sollte es kein Glenn-Miller-Sound, sondern musste New Orleans Jazz sein. Vom Erlös ihrer zweiten Malaktion, Eltern und Verwandte zeigten sich den jungen Künstlern gnädig und kauften Werke, erstehen die inzwischen 18-Jährigen eine Posaune und eine Klarinette. Von 1957 an ziehen die „Oddfish Jazz Babies“ durch ganz Niedersachsen. Es gab einen Jazz Club in Uelzen, in dem der berühmt-berüchtigte Absinth dann nicht fehlt, und weil ein Idol aus der amerikanischen Szene nur „Players“-Zigaretten rauchte, kommt für die Jungmusiker natürlich auch kein anderer Glimmstängel in den Mund.

Tilly erzählt es ein wenig kopfschüttelnd ob der eigenen Manie. Einmal spielte die Band in Munster. Da kam ein Zuhörer aus dem Publikum und seine Frage, ob er sich ans Klavier setzen dürfe, wurde zustimmend aufgenommen. Als der Gast jedoch dann „World is waiting for the sun“ in As-Dur gespielt haben will, konnte es kein x-beliebiger gewesen sein. Er war schon Pianist bei Chris Barber, erfährt man hinterher!

Die „Jazz-Babies“ verlieren den Zusammenhalt, als der Bass nach Afrika auswandert und Klas Tilly im Jahr 1962 sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg beginnt. Die Bewerbung dorthin gibt er noch heimlich ab, weil der Vater der Warner geblieben war, was einen künstlerischen Beruf betrifft. Aber das Dasein verweigert einem ja oft die rettende Übersicht – und schief gegangen ist es mit Klas Tillys Laufbahn letztlich nicht.

Zunächst in der Metallgestalter-Klasse eingeschrieben, wechselt er zu den Malern. Und er erkennt auch, dass sein schwarzer Anzug beim Antritt des Studiums ein wenig overdressed war. (Hat einer Klas Tilly je in einem Anzug gesehen?) Der heutige Ebstorfer schwärmt von den Lehrern an der Hochschule. Es waren viele Bauhaus-Leute dabei, ein Professor war Beckmann-Schüler, einer hatte bei Paul Klee seine künstlerischen Vorstellungen ausbilden dürfen. Letzterer, Professor Hans Thiemann, besprach mit seinen Studenten wöchentlich die entstandenen Arbeiten. „Der Beste bekam eine Tafel Schokolade als Auszeichnung“, erinnert sich Tilly. „Ich habe sie drei Mal bekommen.“

Thiemann sei ein fast schüchterner Mensch gewesen und menschlich unübertroffen. Sein Satz: „Haben Sie ruhig einmal den Mut zu sagen, das verstehe ich nicht“, ist für Tilly noch heute präsent und wichtig. Er verachtet Leute, die zu allem etwas zu schwadronieren haben.
Einmal habe ihn Thiemann mit in einen Raum genommen, wo seine Bilder hingen. „Ich habe mich damals gewundert, die hingen hinter einer verschlossenen Tür.“ Aber auch das ist wegweisend für ihn geworden.

"Totholz und der Traum von Midas"

So kam er wohl dazu, „Vernissagen und derlei Veranstaltungen“ nicht zu mögen. „Am liebsten würde ich meine Bilder auch einschließen. Man arbeitet doch nicht, damit andere es sehen!“, so die Begründung. Ist er so autark, dass er das durchhielte? Klas Tilly hat aber zum Glück seine Frau, die ihn drängelt, doch endlich wieder einmal an die Öffentlichkeit zu gehen. So waren seine Bilder im Landkreis mehrmals in der Allgemeinen Zeitung, im Arboretum Melzingen, im Rathaus Bienenbüttel oder in der Woltersburger Mühle zu sehen.

Es wird Heinrich Mann zugeschrieben, dass er einen „Widerwillen gegen das Unwesentliche“ habe. Nun widerspricht man ja einem großen Schriftsteller nur ungern; hätte der jedoch die Bilder von Klas Tilly gekannt, könnte eine Liebe zu eben diesem Unwesentlichen für möglich gehalten werden. Denn mit dem „Mikrokosmos aus wimmelndem Leben“, den „Strukturen und Farbtönen in einer Felsspalte oder einem Tümpel“ – wie Künstlerkollegin Anna Susanne Jahn die Bilder Tillys einmal beschrieb – befassen sich die Arbeiten.

 

Nähert man sich ihnen, sollte man das bedenken. Und: Mit ihnen hat sich der jetzt 80-Jährige die Landschaftseindrücke aus der Seele gemalt, die ihm auf seinen Reisen begegneten: In Norwegen, Schweden, Frankreich, immer auf Wildwasser-Kanu-Touren. Er hat durch sie Verstehen gesucht. Wenn beispielsweise ein Käfer so leise krabbelt, dass wir betäubt dastehn vom Dröhnen dieser Stille, die ein Schweigen aus lauter Überfülle ist. Oder wenn es für das Erfühlen eines mit Moos bewachsenen Steins am Ufer keine Worte gibt, nur eine unbestimmte Sehnsucht, die an einem zieht und zerrt. Obwohl Natur oft so gewaltig und groß ist, bannt sie Klas Tilly auch in kleine Formate, was sie nicht weniger beeindruckend erscheinen lässt.

Die Bilder des Künstlers sind hypnotische Instinkte, die wach würden, hielten wir nur öfter inne. Vitale, heftige Farbströme, die das Abbildhafte zum psychisch-assoziativen Element verdichten. Man glaubt, der Sekundenbruchteil eines fließenden Prozesses sei festgehalten, dessen zeitliche Verschiebung sofort eine andere Konstellation ergeben müsste. Der Maler will, dass „die Leute in den Bildern arbeiten“. Die Landschaften von Klas Tilly sind eine Modulation von Farbe, die der Künstler kontrapunktisch zum Klingen bringt. Mit aller Ahnung des Möglichen.

"Steilküste"

„Meine Arbeiten entstehen aus einer behutsamen Nahsicht, manchmal mehr ahnbar als sichtbar“, sagt er. „Die Bedeutung und Schönheit der Details verstärkt sich in Stunden der Ruhe und Einsamkeit. So wird ein Fleckchen Erde, ein hergewehtes Blatt, ein Halm oder ein streifendes Licht zur Basis eines Bildes. Als gegenständliches Abbild lässt sich das aber nicht wiedergeben.“ - Weil es eben manchmal nur ein Gefühl ist.

Wie Klas Tilly diese Emotionen weitergibt, welche Eruption expressiver Farb- und Formexperimente sie am Ende sind, das kann man nicht beschreiben. Wie bemerkte der Lyriker Reiner Kunze schon treffend: „Überhaupt kein Kunstwerk lässt sich zusammenfassen.“ Und weil Goethe (fast) immer Recht hat: „Wenn ihr`s nicht fühlt, ihr werdet`s nicht erjagen!“. Also einfach mal still stehen und sich den Bildern ergeben - hingeben!

Seit 1968 lebt Klas Tilly in Ebstorf als freiberuflicher Maler und Plastiker. Zahlreiche Bilder und Skulpturen im öffentlichen Besitz kommen aus seinem Atelier. Das Historische Siegel der Stadt Uelzen beispielsweise, eine Plastik zur Dorferneuerung Ebstorf, ein Relief zur Eröffnung des Grenzübergangs Böhmenzien-Kapern. Arbeiten im Gebäude der (ehemaligen) Bezirksregierung Lüneburg und des Kulturministeriums Hannover. Er hat unzählige Ausstellungen beschickt, von Hamburg über Schwerin bis nach Rouen. Er hat Bildbände und Kalender publiziert und sich eingemischt bei Aktionen wie „Rettet Schloss Holdenstedt“ (das erste Mal!) oder „Europator“ in Hannover und Uelzen. Er hat Drohungen erhalten, weil er der Schöpfer des Uelzener Mahnmals für die Opfer des NS-Regimes ist, dennoch kommt der Entwurf für die Tafel zur Erinnerung an die deportierten und ermordeten Juden der Stadt ebenfalls von ihm.

Nur aus dem Bund Bildender Künstler (BBK) ist er ausgetreten, weil er sich nicht vorschreiben lassen will, doch in diesem Jahr mal zu diesem bestimmten Thema drei Bilder malen zu müssen. Vielleicht ist das schade, denn der BBK ist ja auch die geballte Kraft und das geschlossene Bild der Künstler vor Ort. Aber ein Sektierer in der Organisiertheit der anderen will Klas Tilly nicht sein. Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläumsgeburtstag!
Barbara Kaiser – 15. Mai 2019

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