Dem Leben auf der Spur

Theater-AG der BBS I mit turbulenter Aufführung von „Wer versteht hier Bahnhof?“/Wiederholung am 27. Mai um 20 Uhr

„Auf Gleis 3 ist soeben eingefahren der Metronom aus Göttingen. Reisende, die sportlich unterwegs sind und nicht zu viel Gepäck haben, sollten den Anschlusszug nach Hamburg noch erreichen!“ Wem derlei Situationen, obgleich nicht explizit so angesagt, bekannt vorkommen, der ist Bahnkunde. Kennt sich also aus mit Verspätungen, schlechtem Service und Umsteigezeitnormen, die nur von Olympiasiegern zu erfüllen sind. Der hat schon mal einer Liebe hinterher gewunken, einen wichtigen Termin verpasst oder sich über Leute echauffiert, die morgens bereits mit einer Flasche in der Hand verpassten Chancen oder gescheitertem Leben nachhängen.

BBS I Theater Persisches Ehepaar_bearb

Fotos: Barbara Kaiser

Die Theater-AG der BBS I lässt die Zuschauer mit dem Stück „Wer versteht hier Bahnhof?“ von Thorsten Böhner auf all die Möglichkeiten und Unwägbarkeiten, auf Trauer und Glück, auf richtungsändernde Entscheidungen oder feige Beharrung einen Blick werfen. Herausgekommen ist in der Regie von Ute Schwarznecker (auch für Textbearbeitungen verantwortlich) und Silke Prause ein Patchwork-Theaterabend der Wortgefechte, der zudem von einer üppigen Ausstattung lebt, vor allem jedoch vom Engagement aller Spieler.

Wen treffen wir auf dem Bahnsteig? Eine Geschäftsfrau, der man ansieht, dass sie ihre vielen Mobiltelefone nicht mehr lange unter Kontrolle haben wird. Den Politiker mit dem gefährlichen Selbstbewusstsein der erfolgreich Strohdummen. Irina, die Reinemachfrau, mit einer schutzpanzerhaften Weltfreundlichkeit für alle, die ihr begegnen. Das Ehepaar, bei dem die Frau erfährt, dass es keine gute Idee ist, seinen Lehrer zu heiraten, weil man immer die Schülerin bleibt. Den Verführer, den unweigerlich das Schicksal des Zauberlehrlings ereilt. Siggi – wahrscheinlich Sigrid – die Flaschensammlerin und Pennerin. Zwei Bräute, von denen zumindest eine lernen wird, dass man zu zweit am ehesten erfährt, was das ist: Fremdheit. Ausländische Touristen, Fußballfans, Nazis, Junggesellen nach einer Abschiedsabendtour, Huren, Moralisten, dumme Tussis, weltfremde Mamasöhnchen…..

BBS I Theater Braut und Brautmutter_bearb BBS I Theater Justin-Biber-Fans_bearb

Fühlt man sich in  einem Theater wohler, wo einem auch mal unwohl wird? Wo man sich nicht auf samtenem Sessel räkelt, sondern sich ausgesetzt fühlt? Dann ist die Pausenhalle der BBS an der Scharnhorststraße ein guter Ort. Denn dort wurde Theater gemacht aus wirklicher und gespielter Naivität, einer Mixtur aus Moritat, ironisch durchtupftem Spaß und auch Poesie. Weil Nachdenklichkeit keineswegs obsolet ist, weil Theater nicht nur Wirklichkeit spiegelt – das auch –, sondern es schaffen muss, eine Gegenwelt darzustellen, die man nicht als Lüge denunzieren darf.

BBS I Theater Die Hure und der Knabe_bearb
So sind das Kraftzentrum dieser Aufführung Säufer und Penner Siggi (wunderbar: Michelle Barth) und die warmherzige Irina (zupackend: Isabel Kreuznacht). Irgendwie halten diese zwei mit einer ungeheuren Spiellust und großer Lebensklugheit alle Szenen zusammen. Trotzdem haben alle, auch die in den kürzesten flotten Auftritten, genügend Ausstrahlung für ihre Rolle. Sehr überzeugend die schöne Inga Bahlow als Nancy, die Bordsteinschwalbe. Angemessen genervt Bastian Gierig als der Lateinlehrer, immer ein Zitat auf den Lippen, seiner Frau (Vanessa Pszenica) zuliebe auf Deutsch, damit sie nicht völlig dumm dasteht.
Dafür hat Lara Krockemüller an der Seite von Hashmat Khairkhwa als ausländische Mitbürger sogar ein paar Worte Persisch gelernt, wofür ihr alle Hochachtung gebührt. Jennifer Wetsch ist die Beate Zschäpe des Stücks und spricht das R beängstigend rollend – wie das österreichische Idol dieser Neu-Nazi-Bagasche.

BBS I Theater Penner und Reinemachfrau_bearb BBS I Theater Fremdenfeindliche Tussen_bearb

Die Wahrheit über die Welt, wie sie sein könnte, geht uns als Idee nicht verloren, und manchmal blitzt sie durch all diese Dialoge, auch wenn hier gespielt wird, wie die Welt ist. Dieser Abend wurde anrührend choreografiert, Leerlauf gibt es nahezu nicht. Dafür, dass diese Truppe ein fast vollständig neues Ensemble ist, besitzt es bereits beachtliche Sprechkultur. Agiert wird ohne falsches Betroffenheitsgetue und ohne Überlegenheitsattitüde der Einzelnen. Alles ist schlüssig in der Figurensicht und der szenisch-optischen Erzählweise.

BBS I Theater Gruppenbild_bearbDas Potpourri aus Text, Bildschnipseln, Spielszenen, optischen Gags, stillen Gesten oder lärmenden Auftritten ergibt einen gelungenen Abend. Gehen Sie hin, liebe Leser, am Freitag, 27. Mai, um 20 Uhr, wird er wiederholt! Und beachten Sie unbedingt auch die Lautsprecherdurchsagen! Auf jeden Fall heißt die Erkenntnis am Ende: Es muss immer noch alles möglich sein – sonst ist das Leben nicht auszuhalten.
Barbara Kaiser – 22. Mai 2016

Noch keine Kommentare bis jetzt

Einen Kommentar schreiben