„Das Spannendste am Journalismus ist der Lokaljournalismus“

Glückwunsch für Marc Rath, Chefredakteur der AZ bis 2011, zur Auszeichnung „Journalist des Jahres 2016“

Marc Rath hat nie nur die Zeitung, die er selber vollschrieb, gelesen. Immer hat er über den Tellerrand geguckt. Anderes wäre fatal. Jetzt hat diese Einstellung zu seiner Arbeit, die der Journalist mit ganzem Einsatz und sehr viel Herzblut betreibt, erneut Früchte getragen: Nach der Ehrung mit dem „Wächterpreis der deutschen Tagespresse“ im Jahr 2015 erhielt er nun die Auszeichnung „Journalist des Jahres 2016“ (regional).

Ein Preis, bei dem er in einer Reihe steht mit Dunja Hayali und Jan Böhmermann vom ZDF, aber auch - in Erinnerung – mit Roger Willemsen. Am 7. Februar 2017 wird die Auszeichnung, für die eine 80-köpfige Jury die Journalisten auswählt, im Deutschen Historischen Museum Berlin übergeben.
In der Begründung für Marc Rath heißt es: Er „wühlte sich seit 2014 durch die Briefwahlfälschung in Stendal. Sie erwies sich als bis dato größter Fall von Wahlfälschung in der Geschichte von Sachsen-Anhalt.“ In der Folge musste der Landtagspräsident zurücktreten, die Wahlleiter von Stadt und Landkreis wurden abberufen. „Der Autor wurde von der nicht aufklärungswilligen CDU angefeindet.“

Herzlichen Glückwunsch dem so Geehrten von hier und der Versuch einer Laudatio:
Eigentlich stand das Leben von Marc Rath, wenn man an Zeichen glaubt, unter einem günstigen Stern: Sein Vater kaufte am Tag seiner Geburt eine Shakespeare-Gesamtausgabe, wofür er sich bittere Vorwürfe von der jungen Mutter gefallen lassen musste wegen des nicht üppig ausgestatteten Familienbudgets. Aber es war wohl sein „`n büschen was Extras“, wie es Hermann Kant über seinen Vater in einer seiner ersten Erzählungen („Ein bißchen Südsee“) beschreibt; etwas Extravagantes in einem ansonsten arbeitsreichen Leben.

Nutzlos ist nun aber ein William Shakespeare ohne Zweifel nicht. Trotzdem blieb er relativ einflusslos auf das Leben des heranwachsenden Knaben. Vielleicht, weil der es nicht so mit der Dramatik und den seelischen Abgründen hat. Mit den politischen in seiner Stadt, wie sich gezeigt hat, aber sehr wohl!

Geboren im Jahr 1966 wächst Marc Rath in Solingen auf, macht dort 1985 das Abitur. Für die bestandene Reifeprüfung bekommt der 19-Jährige eine Kurt-Tucholsky-Gesamtausgabe. Das sollten wahrhaft optimale Voraussetzungen sein, die Welt zu betrachten. Denn wie schrieb doch Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel oder eben unter seinem richtigen Namen dieser Tucholsky: „Politik kann man in diesem Lande definieren als die Durchsetzung wirtschaftlicher Zwecke mit Hilfe der Gesetzgebung. Die Politik war bei uns eine Sache des Sitzfleisches, nicht des Geistes.“

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Fotos: Barbara Kaiser

Geschrieben hat der heutige Journalist „schon immer“. Er war seit der siebten Klasse eifrig im Einsatz für die Schülerzeitung und mit 17 deren Chefredakteur; gewissermaßen ein Vorgriff auf spätere berufliche Höhen.
„Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.“ Rath versucht es mit dem Wort von Ingeborg Bachmann, er ist damit ein Kämpfer. Kein Krieger. Er beschreibt Leben nicht als „Dichtung und Wahrheit“, sondern auf publizistische Art. Er hat Hildegard Hamm-Brücher und deren „Der Politiker und sein Gewissen“ gelesen. Manche Politiker in Stendal scheinen ihr Gewissen noch entdecken zu müssen. Wie ihre Verantwortung für die Bürger, die sie wählten. Marc Rath hat ihnen auf die Sprünge geholfen.

Der Absolvent der Journalistenschule Köln war bereits 1991 Redakteur für die Braunschweiger Zeitung in Haldensleben (Sachsen-Anhalt). „Das Spannendste am Journalismus ist der Lokaljournalismus“, ist er sich sicher. In Umbruchzeit wie damals wollte er da sein, wo viel passierte. Jetzt ist er seit 2011 Chefredakteur der „Volksstimme“ in Stendal.

Der 50-Jährige hält auch Widerspruch aus, das war meine Erfahrung aus einer Zusammenarbeit, die auf Augenhöhe stattfand, die sich immer für das Ressort des anderen interessierte. Marc Rath will „die Leute begreifen, ohne sich von ihnen vereinnahmen zu lassen oder sich mit ihnen gemein zu machen.“ Das ist das Credo seiner journalistischen Arbeit. Oder wenn er Bücher liest.

Rath war fünf Jahre in Uelzen Chefredakteur und hatte Spuren hinterlassen. Vor Ort bemerkte man sehr wohl, welch frischen Wind ein engagierter  Zeitungschef in eine Kommune zu bringen in der Lage war. Weil Hofberichterstattung nämlich immer Dornröschenschlaf befördert. Und der ist in diesen Zeiten schädlicher denn je.
Herzlichen Glückwunsch, Kollege Marc Rath!
Barbara Kaiser – 28. Dezember 2016

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