Das Bauhaus wird 100…

… und die BBK-Gruppen Uelzen und Celle feiern mit Doppelausstellung

Einhundert Jahre sind ein stolzes Alter, obgleich heute gar nicht mehr so selten. Aber: Ein Grund zum Feiern sind sie - und jeder darf mitmachen! In Weimar haben sie für 27 Millionen gleich ein ganzes Haus neu gebaut (das sogar pünktlich fertig wurde), in dem eine viel gelobte Ausstellung mit 13 000 Objekten die Gründung der Kunstschule thematisiert.

Fährt man auf der Autobahn 14, begrüßt einen das Land Sachsen-Anhalt bei Grenzübertritt mit dem Schild „Bauhaus macht Schule“. An der Berliner Volksbühne wurde „Das Bauhaus – Ein rettendes Requiem“ uraufgeführt; eine Art Prozession zwischen Utopie und Realität, Architektur und Welt, Kunst und Politik und dem Versuch, die Schule von Walter Gropius und Henrik van der Velde zu erretten vor deutscher Totjubelei und Vernutzung.

Einst Experiment ist „Bauhaus“ schon lange Marke – bis hin zur Baumarktkette. Und eigentlich war „Bauhaus“ bei seiner Gründung auch Flucht in den Irrationalismus, blinde Technik- und Fortschrittsgläubigkeit, Anpassung an die Zwänge des Geldes durch Design als Simulation von Gebrauchswert. Männerdominiert war die Vereinigung obendrein.

Oder wie klingt das Gründungsmanifest aus dem April 1919 von Walter Gropius? Nach Volksnähe eher nicht: „Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück!... Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern errichten wollte!“ Gesellschaftspolitisch ist diese Aussage eher nicht zu untermauern.

Ja, okay, ich habe mir anlässlich des Jubiläums auch eine Wagenfeld-Lampe auf den Schreibtisch gestellt. Weil sie einfach wunderschön ist. Aber ein bisschen hinterfragen muss man rauschende Jubiläumsfeiern immer, zumal wenn sie von Deutschen begangen werden.

Wie gründlich die Künstlerinnen und Künstler des Berufsverbandes (BBK) in Uelzen und Celle solche Fragen diskutierten, ehe sie sich an die Doppel-Ausstellung machten, die hier vor Ort am Samstag, 24. August 2019, (17 Uhr, BBK-Galerie und Langhaus Oldenstadt) eröffnet wird, wurde nicht hinterfragt.
Besprochen wurde aber, das war zu erfahren, was die künstlerischen Vorhaben des Einzelnen mit dem Bauhaus zu tun haben. Jeder pickte sich, so scheint es, einen Aspekt dieser Kunstschule heraus, um sich und seine Arbeit damit identifizieren zu können.

Herausgekommen ist sehr Sehenswertes! Schon die Präsentation der Arbeiten auf überdimensionalen Staffeleien im Langhaus schmückt ungemein. Zu ihren Bildern haben die rund zwei Dutzend Künstlerinnen und Künstler auf einem Kärtchen erklärt, in welchen Zusammenhang ihre eigene Arbeit zur Schule der Bauhäusler stehen soll.

Renate Schmidt: "Hommage to the nature"

Beispiel: Rena Meyers zwei Arbeiten nennt sie „Himmel über Tel Aviv“. Der Blick geht über eine runde, weiße Fassade in die Wolken, mal locker-leicht, mal dunkel-dräuend. Dazu muss man wissen, dass die israelische Hauptstadt eine Sammlung von über 4000 Gebäuden, die überwiegend im Bauhaus- und Internationalen Stil errichtet wurden, besitzt. Die Architekten dieser Gebäude waren zum größten Teil deutschstämmige Juden, die nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im Jahr 1933 ausgewandert und vertrieben wurden. Seit 2003 gehört die Weiße Stadt von Tel Aviv zum UNESCO-Welterbe!

 

Roman Thomas fotografierte in der Autostadt Wolfsburg eine Tänzerin. Sein Kommentar dazu: Im Mittelpunkt stehe der Mensch, der sich Raum und Formen erschaffe. Auf seinen Bildern sind es rote Linien, die die Bewegungen der Choreografie nachzeichnen.
Humor bewies Claudia Krieghoff-Fraatz auf einer ihrer Arbeiten: Vor einem ziemlich lädierten Gebäude steht ein Schild „Bauhaus 500 Meter“. (Ich habe mich schon immer gefragt, ob die Baumarkt-Kette sich so nennen darf?)

Roman Thomas: "Feel on space"

Claudia Krieghoff-Fraatz: "Bauhaus überall"

Für eine Arbeit von Friedel Jacobs hielt ich zunächst das bunte Bild von Wolfgang Decker, der es „Stadtchaos“ nennt. Es erinnert eher an Feininger als an die puristischen Formen des Bauhauses, aber auf Entdeckungsreise kann man davor auf jeden Fall gehen.

Wolfgang Decker: "Stadtchaos"

Dreidimensionales steuert Norbert Diemert bei. Sein „Der Aufrechte I+II“ und „Vitalität“ erschuf er als Assoziation an das Denkmal „Märzgefallene“ für das Walter Gropius den Entwurf lieferte, der damit an die Gefallenen der 1848er Revolution erinnerte, und an Gerhard Marcks „Frau mit Säugling“, eine seiner wunderbarsten Skulpturen. Aber jeder kennt auch seine „Bremer Stadtmusikanten“ in der Hansestadt! Diemert arbeitet in Stein und Marmor, es sind elegante Werke, die die Verknüpfung mit den Vorbildern nicht schwer machen.

Norbert Diemert: "Der-Aufrechte I + II" und "Vitalität"

Vielleicht könnte man über jede der ausgestellten Arbeiten hier reden, was aber den Rahmen sprengte. Außerdem will die Exposition auch Besucher anlocken. Es gab lange keine so aufregende, anregende und vielfältige Schau beim BBK Uelzen, obwohl ein Thema vorgegeben war und sich der Bezug erschließen musste.
Der eine beschäftigte sich mit den Farben der Bauhaus-Leute, ein anderer kaprizierte sich auf die Architektur oder auf die Gebrauchsgegenstände. Wie Petra Merz, die ihre Bilder „Klarheit überwindet“ nennt. Was durch diese Klarheit wieder ans Licht gebracht wird, dazu sollte jedem etwas einfallen!

Petra Merz: "Klarheit überwindet"

 

Dringende Empfehlung: Besuchen Sie die neue Ausstellung des BBK! Geöffnet ist in Celle im dortigen Schloss bis 29. September 2019, dienstags bis sonntags 13 bis 17 Uhr. Und in Uelzen/Oldenstadt, Langhaus und Galerie, bis 15. August, samstags 15 bis 18 Uhr, sonntags 11 bis 13 und 15 bis 18 Uhr.
Barbara Kaiser – 23. August 2019

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