Chemnitz jubelt

Ausgerechnet nach Sachsen geht der Titel Europäische Kulturhauptstadt 2025

Aus Sachsen kommen ja eher die nicht positiven Nachrichten. Beispielsweise kürzlich die, dass es in diesem Bundesland so viele Rechtsextreme wie seit 30 Jahren nicht mehr gibt. Deren Zahl stieg, laut dem neuesten Verfassungsschutzbericht, im Vergleich zum Vorjahr von 600 auf 3400. Die Anzahl der Gewaltorientierten unter ihnen kletterte um ein Drittel, von 1500 auf 2000.

Das ist Grund für Sorgenfalten. Die kann auch nicht die Tatsache glätten, dass die Montanregion Erzgebirge vor einem reichlichen Jahr zum Weltkulturerbe ernannt wurde. Und jetzt wird Chemnitz Kulturhauptstadt 2025! Chemnitz, die kreisfreie Stadt im Südwesten des Freistaates und dessen drittgrößte Kommune nach Leipzig und Dresden. Die Großstadt liegt am namensgebenden Fluss am Nordrand des Erzgebirges und gibt 243 000 Einwohnern Heimstatt. Vor 1990 waren es 320 000.

Für mich war Chemnitz, als es noch Karl-Marx-Stadt hieß (1953 bis 1990), der Ort meiner ersten großen Theatererlebnisse. In der neunten Klasse ging der kollektive Opernbesuch ins Opernhaus der Stadt – seitdem ist „Der Wildschütz“ von Albert Lortzing eine meiner Lieblingsopern, in der ich bis heute einigermaßen textsicher bin.

In der Zeit der zehnten Klasse gab man im Schauspielhaus „Kabale und Liebe“ mit Jutta Wachowiak und dem kleinen großen Christian Grashof als Schillersches Liebespaar. Meine Deutschlehrerin war reichlich entsetzt über die eher unkonventionelle Auffassung des Textes, das habe ich in Erinnerung – die beiden Hauptdarsteller gehörten später trotzdem zum Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin. Und ein Jahrzehnt später sang meine Jugendliebe Thomas am Opernhaus der Stadt, er war nach dem Studium in Leipzig als Absolvent und Bassist dorthin gekommen und übrigens der jüngste Sarastro der DDR…

Aber das ist lange her. Seitdem habe ich in der Stadt ab und zu eine Freundin besucht. Seit sie jedoch tot ist, erlebe ich dieses Stück Sachsen in den Medien. Mit oben genanntem Effekt.

Das Chemnitz des 19. und 20. Jahrhunderts stand als „sächsisches Manchester“ immer im Schatten von Leipzig und Dresden. Hier wurde all das produziert, was auf der Messe in Leipzig zu Geld gemacht und der Residenz Dresden verprasst wurde. So war das für eine lange Zeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte sich das ändern: Karl-Marx-Stadt wurde als eine helle, freundliche, moderne Stadt wiederaufgebaut, hatte nichts mehr vom „Ruß-Chemnitz“ der Vergangenheit. Zuletzt war ich vor einem Jahr dort und besuchte das neueste Glanzstück: Das Staatliche Museum für Archäologie.

Und natürlich wollte ich auch dem „Nischl“, dem über 13 Meter hohen und 40 Tonnen schweren Karl-Marx-Monument wieder einmal zuwinken. Das Denkmal nach dem Entwurf des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel war 1971 eingeweiht worden. Vielleicht möchte der Philosoph manchmal den Kopf schütteln angesichts der Vorkommnisse in seiner Stadt, aber das kann er nicht. Froh macht jedenfalls, dass er immer noch dort steht und viele Chemnitzer – die früher Karl-Marx-Städter waren – das auch gut so finden.

„Wenn wir den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2025 gewinnen, ist es das Konjunkturprogramm für Chemnitz“, beschwor der Rat der Stadt seine Bürger im Vorfeld. Weil nämlich die Sachsen manchmal genauso dickschädelig sind wie es der „Nischl“ des Philosophen suggeriert. Ich weiß, wovon ich rede. Aber: „Was wir jetzt in diesen Sieg investieren, wird für mehr als zehn Jahre als Gewinn zurückgezahlt. Dieser Sieg wird der Stadt und der Region neue, positive Energie verleihen“, versprachen die „Obertanen“ (Dietrich Kittner).

Jetzt hat man also gewonnen. Mein Eindruck von den Magistralen vor einem Jahr hätte das niemals vermuten lassen – es ist ganz viel zu tun! In der Stadt, in der nicht einmal der ICE hält, die durch Kulturtourismus bisher nicht auffiel und schwer an der Bürde rechter Ausschreitungen, vor allem der von 2018, trägt. Und trotzdem hat die Jury Chemnitz den  Vorrang gegeben vor Magdeburg, Nürnberg, Hannover und Hildesheim; der Dresdner Ehrgeiz hatte sich schon früher in Luft aufgelöst.

Anerkannt wurden offenbar – wie es auch in der Bewerbung hieß – ungesehene Qualitäten. Wie beispielsweise das oben erwähnte, wunderbare archäologische Museum. Die Städtischen Kunstsammlungen und das Gunzenhauser Museum sind ein Geheimtipp. Genauso sehenswert wie das Sächsische Industriemuseum, das in einer alten Gießerei ansässig ist. Und die Theater – die seit meinen ersten Erfahrungen ja nicht vor sich hin schliefen.

Man wolle keine teuren Kulturimmobilien bauen, sagte der Projektleiter der Bewerbung, sondern man setze auf eine lebendige freie Kulturszene: So erhielt ein Verein bürgerschaftlichen Engagements erst neulich für die Rettung einer stählernen Bahnbrücke den deutschen Denkmalpreis. Die Stadtkunstschau „Gegenwarten“ – Bestandteil der Bewerbung - präsentierte Open-Air-Kunst, darunter Marxens Darm in 24-facher Vergrößerung; in wohl augenzwinkernder Anlehnung an den „Nischl“.  Manche rümpften die Nase darüber (darf man),  aber die zwei Künstlerinnen machten das Organ zum Symbol auch fürs Bauchgefühl und zur Sitz- und Liegefläche für den Gebrauch im öffentlichen Raum.

Als Weimar im Jahr 1999 Kulturhauptstadt Europas war, feierte sich die Stadt vor allem selbst und als Denkmal der Klassik; schließlich galt es, Goethes 250. Geburtstag zu begehen. Es gab heftige Widerstände gegen jede Art von Experiment, zum Beispiel ein Flächenkunstwerk auf einem Parkplatz. Die Weimarer wollten ihren Parkplatz behalten, haben sie am Ende auch.

In Chemnitz wird das anders sein: Gesetzt wird auf die Beteiligung der Bürger. Gesucht werden unter anderen 4000 Paten für Apfelbäume für die „Parade der Apfelbäume“ und ein Fest zur deren Blüte. In einer früheren Fabrikhalle entsteht eine „Akademie der Autodidakten“; ab 2022 listen Ausstellungen künstlerische Autodidakten wie Frida Kahlo, Edvard Munch und Henry van der Velde (der in Chemnitz baute).

In 3000 Garagenhöfen sollen die Kulturstadtgäste deren kreative Umnutzung erleben und verborgene Schätze entdecken. Diese kleinen Verbund-„Autohäuser“ aus DDR-Zeiten, die für westliche Karosserien meist zu klein sind, aber weiterhin genutzt werden als Werkstatt oder Abstellorte, sollen zur Inspiration werden auch für Theaterleute und zu Kreativorten für Kinder und Jugendliche.

Chemnitz stand nicht nur im Schatten von Leipzig und Dresden, es hat diese Haltung auch verinnerlicht. Aus diesem Zwiespalt, aus diesem Dazwischen, den Widersprüchen, die vor allem der Umbruch 1990 verursachte, macht die Stadt jetzt eine Tugend. Man darf gespannt sein, in welchem Maße das gelingt. Vielversprechend klingt es!

Barbara Kaiser – 15. November 2020

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