Bürger, Bauer, Bettelmann…

Dieter Fortes Theaterstück über Luther,  Müntzer und  Fugger beleuchtet Machtspiele und Ökonomie der Reformationszeit

Am Schluss singt Jakob Fugger ein Lied aufs Kapital: „Es waren gute Jahre! O, Kapital, erbarme dich unser! Kapital, das alle Gewalt hat, im Himmel und auf Erden…“
Thomas Müntzer ist hingerichtet. Die Ordnung wurde wieder hergestellt. „Wir hatten die Freiheit, uns die Freiheit zu nehmen! Und dann war`s nicht so gemeint“, stellt Luthers Freund Karstadt lakonisch fest. Nein, die Freiheit für den Christenmenschen war keineswegs so gemeint gewesen! Auch von Herrn Luther nicht!

Dieter Fortes Schauspiel „Martin Luther und Thomas Müntzer oder die Einführung der Buchhaltung“ erlebt im Jahr des Reformationsjubiläums wahrscheinlich seine eigene Renaissance. Es ist aber auch aktuell geblieben, denn es stellt endlich einmal die Ereignisse in den Zusammenhang, in den sie gehören. In den von Ökonomie und der damit verbundenen Macht nämlich, gültige Relation zu jeder Zeit.

Bevensen Theater Luther+Müntzer Kaiser Karl V.-Friedrich Kurfürst von Sachsen_bearb

Fotos: Barbara Kaiser

Insgesamt etwa 75000 Tote blieben auf den Schlachtfeldern des deutschen Bauernkrieges der Jahre 1524/25, allein 6000 im letzten Gefecht in Frankenhausen an nur einem Tag. Jakob Fugger in Augsburg aber zählt derweil seinen Profit: Er hat in rund zehn Jahren seinen Reichtum vertausendfacht! Alle stehen sie bei ihm in der Kreide: Der Papst, Kaiser Karl – ein deutscher Kaiser, der kein Deutsch spricht! – die Kurfürsten sowieso.

Es ist nur ein Beispiel von zahllosen, über die Karl Marx mehr als 300 Jahre später eine Fußnote von J.P. Dunning in sein Hauptwerk einfügen wird: „Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn…. Für 100% stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300% und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert selbst auf die Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit bringen, wird es sie beide encouragieren.“ (ermutigen).

Bevensen Theater Luther+Müntzer Reliquien_bearbDas Erfolgsstück von 1970 war im Kurhaus Bad Bevensen in einer Aufführung des Tourneetheaters Landgraf in Zusammenarbeit mit den Schauspielbühnen Stuttgart zu sehen. Regie führte Manfred Langner.
Der Autor setzte Ereignisse der Jahre zwischen 1514 bis 1525 als eine rasante Szenenfolge um. Alle wesentlichen Personen treten auf, die Tatorte wechseln zügig. Und indem Forte das Stück „Martin Luther und Thomas Müntzer“ nannte, legte er wohl auch Wert auf die visionäre Komponente. „Die Einführung der Buchhaltung“, die robuste finanzielle Basis dieses Global Player Fugger muss man allerdings immer mitdenken.

Bevensen Theater Luther+Müntzer Der Kaiser_bearb

Es war ein beeindruckender Theaterabend. Vor allem, weil er jegliche Glorifizierung vermied. Die von Luther zuerst. Eigentlich war der ein armes Würstchen, ein kleiner Mönch, der den Disput liebte und einen über den schimpflichen Ablasshandel anstoßen wollte. Dass er den kirchlichen und weltlichen Mächten auch als Spielball diente und die geweckten Hoffnungen vor allem der unteren Stände in keiner Weise zu erfüllen bereit war, sei nicht vergessen. Obwohl es für sozialpolitische Verbesserungen vielleicht viel zu früh war, den Kämpfen der Bauern, Bürger und Handwerker angesichts ihrer großen Uneinigkeit kein Erfolg beschieden sein konnte.

Bevensen Theater Luther+Müntzer Karlstadt-Luther_bearbDie Darsteller agierten in einem monumentalen Bühnenbild – die Welt der Fugger und Kurfürsten steht festgefügt! Die Inszenierung offerierte zudem ein freudiges Bekenntnis zum opulenten Kostüm, was Augenweide war. Eine Aufführung laut und leise, dröhnend und drängend. Respektlos und jovial, mit Feuer und einer wilden Jonglage aus Fakten.
„Wozu Theologie, wenn draußen die Menschen verhungern“, sorgt sich Thomas Müntzer. „Wenn sie christlich gelebt haben, kommen sie in den Himmel“, erwidert Luther nur, denn: „Nur was durch die Obrigkeit geschieht ist die Ordnung!“

Bevensen Theater Luther+Müntzer Die Widersacher_bearb
Das Ensemble erzählt eine Geschichte und lässt das historische Geschehen Revue passieren. Intelligent und mit choreografischer Rasanz. Dabei kommt es Autor und Regisseur genauso auf die in unsere Gegenwart gerichtete Relevanz an. Ja, natürlich ist das Ganze auch ein klein wenig didaktisch, aber der Zeigefinger hebt sich an keiner Stelle unangenehm.
Die Darsteller - Herren ihrer Rollen und um Charakterisierung bemüht, auch wenn der Text oft nur Typen vorgibt. Thomas Henninger ist Martin Luther, der sich vom Arbeiter am göttlichen Text zum selbsternannten Propheten mausert. Jörg Pauly hat als Thomas Müntzer diesen Hang zum Fanatismus, den der Prediger wohl besessen haben muss. Jan Uplegger sieht dem historischen Vorbild Fugger frappierend ähnlich; er weiß, wer hier die Macht hat. Und Marcus Born ist ein witziger, bauernschlauer Kurfürst von Sachsen, nicht ohne Grund Friedrich der Weise benannt.

Bevensen Theater Luther+Müntzer Die Presse_bearb
So spult der Abend in munterem Spiel Weltdramatik auch als Zeitkommentar. Weil die Geschichten über Machtgier und gescheiterte Utopien zeitlos sind. Auf einen solch toleranten Papst wie im Stück, der erkennt, dass „wir doch nur eine von vielen Religionen (sind) und keine Recht hat“, wartet die Menschheit allerdings bis heute. Obwohl: Derzeit macht der auf dem Stuhl Petri gerade Hoffnung!
Barbara Kaiser – 18. April 2017

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